Schweine im (Mar)Stall – Der Schweinestall im Marstall

Bereits, als man den Raum betritt, riecht es nach Stroh und irgendwie auch ein wenig nach dem, wie man sich den Geruch eines Schweinestalls vorstellt (zudem wohl der geringste Teil der Theaterbesucher einmal in einem Schweinestall gewesen sein dürfte). Damit bildet sich schon einmal der richtige Rahmen für „Der Schweinestall“ von Pier Paolo Pasolini, das seit November 2016 im Marstall gespielt wird. Wir haben die Vorstellung am 22. Januar besucht, um uns das etwas undurchsichtig wirkende Stück durchsichtiger werden zu lassen. Vergebens.

© Matthias Horn

Dabei sind die Inszenierung von Ivica Buljan und das damit einhergehende Bühnenbild von Aleksandar Denic ohne Frage als gelungen zu bezeichnen. Dreigeteilt, wird die linke Seite, der Stall selbst, bis zu den letzten 40 Minuten ziemlich ignoriert, lediglich die anderen beiden Abschnitte, ein bäuerlicher Hof zur rechten Seite und als Verbindung ein blutroter Weg, werden bespielt. Hervorstechen dürfte dabei gleich zu Beginn eine wesentliche Komponente: die Musik. Denn anstatt Live-Musiker, wie sonst üblich im Residenztheater, zu engagieren, lässt man die Darsteller selbst die Instrumente spielen; dabei mag es sicher ein ungewöhnliches Bild sein, beispielsweise Juliane Köhler am Bass sitzen zu sehen, andererseits entsteht dadurch eine ganz andere Verbindung zur Musik. Die Lieder werden zwangsläufig nicht nur Hintergrund-Beschallung, sondern verfließen automatisch in das Stück – selbst, wenn die Texte italienisch sind, was daher wohl kaum einer der Besucherinnen und Besucher im Raum verstanden haben dürfte.

© Matthias Horn

Die Handlung selbst bleibt lange Zeit sehr undurchsichtig, wie es ein wenig anzunehmen war. Erst zur Zwangspause (dazu später mehr) bildete sich eine logische Struktur ab, die erkennen ließ, worauf die Dramaturgie hinausmöchte. Bis dahin kann man allerdings dem Protagonisten Julian und seiner Wannabe-Freundin Ida dabei zusehen, wie sie sich im Kreis um ein ungenanntes Geheimnis Julians drehen. Das funktioniert zwar sicherlich anfangs, wird aber spätestens beim zweiten Anlauf etwas ermüdend. Das Zusammentreffen von Vater Klotz und seinem alten Studienkollegen Herdhitze gegen Ende des ersten Blocks wiederum strahlt absolute Spielfreude aus und fesselt den Zuschauer nur mit Worten. Bei den restlichen Dialogen mag der Funke nicht so recht überspringen, was womöglich daran liegen mag, dass die Darsteller-Konstellationen nicht immer absolute Harmonie ausstrahlen.

© Matthias Horn

Während nach etwa 80 Minuten und einem doch insgesamt recht fesselnden ersten Block plötzlich das Licht ausgeht und die freundliche Einlassdame die Gäste zu einer Pause hinausbittet (eine Seltenheit im Marstall), sollte beim Wiederkehren der Schweinestall gefüllt sein – mit drei echten Schweinen. Ob man das befürwortet oder nicht, das sei mal dahingestellt und für eine persönliche Auseinandersetzung hinten angestellt, letztendlich verschärft es das gesamte Szenario aber auf eine unglaublich realistische Ebene. Dazu trägt Philip Dechamps in der Rolle des Julian sein Übriges bei und wagt sich splitterfasernackt zu den Schweinen – diese Szenario löst beim Zusehen teilweise so eine Drastik aus, die dem üblichen Theaterzuschauer nicht gewohnt sein dürfte. Respekt an Herrn Dechamps, unter diesen Umständen grandios seine Rolle weiter zu verkörpern; der kleine Texthänger dürfte wohl schnell verziehen sein.

Nichtsdestotrotz verliert das Stück letztendlich an seiner letzten halben Stunde massiv an Wert. Das Zusammentreffen von Julian und dem Rationalisten und Bibelkritiker Spinoza scheitert kläglich an diversen Sinnverschiebungen, was an der etwas schwächelnden Textsicherheit in dieser Szene liegen könnte, aber auch an dem wenig aufschlussreichen Dialog. Die Schlusserklärung mag zwar wiederum genau das gewesen sein, lässt den Besucher aber eher schockiert ob der brachialen Auflösung des sonst eher einfühlsamen, wenngleich auch harten Werkes zurück. Ein wenig wirkt es so, dass wieder genau die Leute siegen, die in Pasolinis Bühnenwerk den Nationalsozialismus, deren Grausamkeiten und Taten, gleichsetzen mit einer Perversion, wie sie Julian innehat.
Es ist aber immens erfreulich, dass das Bayerische Staatsschauspiel das wirklich wunderschöne Marstall nutzt, um weniger populäre und doch teilweise massiv experimentellere Stücke zu zeigen, die sich merklich von den großen Resi-Produktionen im Haupttheater abheben und verschiedene Ebenen der großartigen Darsteller zeigen lässt. „Der Schweinestall“ hat genau diese Kriterien ohne Frage eindrucksvoll erfüllt.

Bericht: Ludwig Stadler