Play The Greatest Hits – Wolf Alice in der Muffathalle (Bericht)

 

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Ausgemachtes Novemberwetter herrscht am Abend des 22. November, doch in der Muffathalle verspricht es warm zu werden: Denn dort spielen heute Wolf Alice, der zurzeit vielleicht hellste steigende Stern am Himmel des britischen Alternative Rock. Aus dieser Kombination ergeben sich lange Schlangen an der Garderobe, doch es lohnt sich, pünktlich genug am Platz zu sein, um Nalan Karacagil zu hören, die Wolf Alice in Deutschland als Support begleitet. Die junge Sängerin aus München tritt allein vor die stattlich gefüllte Muffathalle, nur mit Backing Track bewaffnet gibt sie ihre Songs zum besten, vernebelt-melancholische R’n’B-Nummern, die mitunter Lana Del Rey-artige Stimmungen mit körperlich fühlbaren Synth-Schwallungen a la James Blake ansprechend verbinden. Sich in ihrer Rolle als Alleinunterhalterin nicht immer ganz wohlfühlend bringt Nalans ungekünstelte und offenherzige Art ihr einige Sympathie ein. Nach knapp 30 Minuten verabschiedet sie sich und alsbald ist es Zeit für Wolf Alice.

© Jordan HemingwayAls Einlaufhymne wählte die Band um Frontfrau Ellie Rowsell – dem Titel ihres aktuellen Albums entsprechend – den Oldie »Blue Weekend« von Karl Denver; inwiefern Karls übersteuertes Jodeln die passende Atmosphäre für das Folgende herstellen soll, erschließt sich nicht unmittelbar.
Die ersten beiden Songs (»Smile« und »You’re a Germ«) demonstrieren eindrücklich Wolf Alice‘ Willen zum Krach: Ein kreischender E-Gitarren-Tornado wird auf die gespannten Fans losgelassen. Die virtuose Stimme von Leadsängerin Ellie Rowsell kommt erst in den folgenden Stücken mehr zum Vorschein, die sanfte Gesangpassagen mit rockigen Parts kombinieren. Diese verletzliche Zurschaustellung von Gefühlen, die auf die geballte Energie von röhrenden Gitarren und rasendem Schlagzeug trifft, ist typisch für das jüngste Album der Band, »Blue Weekend« (2021). Vielleicht mehr noch als die bisherigen Alben beweist es das gekonnte Kombinieren verschiedener Musikstile, Tempi und Gefühlslagen in einen rasanten Rausch, der dennoch immer einer Linie folgt. Diese Einheit zeigt sich auch an der Livepräsenz der Band; Leadsängerin Rowsell wird nicht als alleinige, blickfangende Frontfrau inszeniert, vielmehr ist die ganze Band sichtlich präsent, tritt als Gemeinschaft auf. Bassist Theo Ellis beweist sich als raumgreifender, extrovertierter Performer, auch auf der linken Seite der Bühne animiert Gitarrist Joff Oddie das Publikum immer wieder zum Mitmachen, Schlagzeuger Joel Amey übernimmt oft im Duett mit Rowsell die backing vocals, genau wie Keyboarder Ryan Malcolm, der die Band seit 2021 auf Tour unterstützt.

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Nach dem hymnischen »Delicious Things« kommt Rowsell bei »Lipstick on the Glass« ins Stocken, setzt immer wieder erfolglos erneut an und wendet sich schließlich halb ab – das Publikum reagiert prompt und füllt die Leerstelle mit tosendem Applaus. Ellis erklärt schließlich den weiter hinten Stehenden: Auf die Bühne geworfene Rosen haben Rowsell derart angerührt, dass ihr die Stimme versagte – und bedankt sich herzlich beim sichtlich begeisterten und hingebungsvollen Münchner Publikum. Wolf Alice setzen ihr Set kraftvoll fort, die Stimmung ist prächtig und viel Bewegung im Zuschauerraum, besonders beim punkigsten Track des neuen Albums, »Play The Greatest Hits«, den Wolf Alice mit einem Augenzwinkern und knallhart auf die romantische und eingängige sanfte Ballade »How Can I Make It OK?« folgen lassen, – und der trotzdem gleichsam nur das Aufwärmen für das vielleicht grandioseste Stück des Abends, die achtminütige Rock-Hymne »Visions Of A Life« darstellt. Hier beweist die Band am eindrucksvollsten ihr Können und die emotionale Wucht, die sie zu entfesseln verstehen. Danach wird es mit »The Last Man On Earth« vorübergehend ruhiger, ehe die Band den Abend mit zwei Klassikern ihrer nunmehr gut zehn Jahre währenden Karriere beschließt: Dem laut-rockigen »Moaning Lisa Smile« und dem wohl bekanntesten Wolf Alice-Stück »Don’t Delete The Kisses«.

Schlangen schieben sich zur Jackenausgabe, und jetzt klingt das »Blue Weekend« von Karl Denver schon beinahe vertraut und eigentlich genau richtig für diesen Abend.

Setlist: Smile / You’re a Germ / Formidable Cool / Delicious Things / Lipstick On The Glass / Planet Hunter / Space & Time / Bros / Safe From Heartbreak / How Can I Make It OK? / Play The Greatest Hits / Silk / Feeling Myself / Lisbon / Visions Of A Life / The Last Man On Earth / Giant Peach // Moaning Lisa Smile / Don’t Delete The Kisses

Bericht: Tobias Jehle