Just Like Heaven – The Cure in der Olympiahalle (Bericht)

Es ist nicht verwunderlich, dass eine Stadt der Größenordnung von München einen pulsierenden Konzertbetrieb mit vielen grandiosen Acts vorzuweisen hat – und doch ist es nicht alltäglich, wenn waschechte Legenden in die bayerische Landeshauptstadt kommen. Mit The Cure gastiert am 29. Oktober 2022 eine der einflussreichsten Rock-Bands der vergangenen Jahrzehnte in der Olympiahalle. Die Mitbegründer des New Wave und zu großen Teilen auch der Gothic-Szene sind das erste Mal seit sechs Jahren wieder auf ausgedehnter Europa-Tour. Der Andrang ist groß: die Halle ist ausverkauft, die Erwartung hoch.

Doch zuerst beginnen The Twilight Sad um 19:30 Uhr mit ihrem 45-minütigen Set und dürfen die Menge ein wenig musikalisch beglücken. Das klingt auch alles äußerst gut, ausgeglichen und teilweise mit eindrucksvollen Rockoper-Elementen, bleibt aber schlussendlich schon am nächsten Tag kaum mehr im Kopf verankert. Was aber bleibt, ist die Begeisterung über die wirklich starke Live-Stimme von Sänger James Graham, der mit seinen ekstatischen Bewegungen die Melodien zudem reichlich zu spüren scheint.

Immer lauter werdende Regenschauer dringen aus den Boxen, auf Hintergrundmusik wartet man lange. The Cure wissen, wie man Atmosphäre aufbaut und lassen ihr Intro sich passend entwickeln – erst der Regen, dann das Dimmen des Lichts, anschließend aufflackernde Stroboskop-Lichter, bis schlussendlich gegen 20:45 Uhr die Bandmitglieder nach und nach die Bühne betreten und „Alone“, einen brandneuen Song, anstimmen. Wer großartig Uptempo zum Set-Beginn erwartet, wird enttäuscht, denn die Briten gestalten ihr Konzert dieses Mal so wie eines ihrer nicht gerade wenigen Endlos-Songs: langsamer Beginn, aufbrandender Aufbau, euphorischer Höhepunkte, leichtes Ausklingen. Daher sind „Pictures Of You“ zu Beginn eine wunderbare Wahl, bevor man sich mit „A Night Like This“ gemächlich steigert und nach knapp einer Stunde bei „Push“, „Shake Dog Shake“ und „From The Edge Of The Deep Green Sea“ im waschechten Rock-Konzert gelandet ist. Ausklang bietet der erste Zugabenblock aus der überragenden, neuen Ballade „I Can Never Say Goodbye“, dem zeitlosen „Plainsong“ und Klassiker „Disintegration“. Erst dann ist das dramaturgische Ende erreicht – aber noch lange nicht das Ende des Konzerts.

The Cure präsentieren sich in bester Spiellaune und, noch viel wichtiger, größter Virtuosität. Was älterwerdende Bands mit wachsendem Kult-Status oft an spielerischen Fertigkeiten einbüßen, dürfen die Herren behalten – insbesondere Robert Smith. Der Sänger, Gitarrist und letztendlich auch das Aushängeschild der Band klingt stimmlich wie in seinen 80er-Jahren, das Jugendliche, Sanfte und Verträumte im glockenklaren Gesang besteht immer noch. Schließt man also die Augen und fokussiert sich auf die Musik, was sich bei den teils bis zu neun Minuten langen Liedern durchaus lohnt, merkt man kaum, dass diese Band wohl schon seit 46 Jahren musiziert, zu Beginn noch unter dem Namen „Malice“. Sehenswert ist die Bühne dennoch: es gibt ein paar LED-Streifen, die mit leichten, aber nie zu aufdringlichen Videos bespielt werden, andernfalls werden die Musiker abgefilmt. Aber wem geht es hier schon groß um Bühnenshow?

Die randvolle Olympiahalle möchte Musik – und The Cure geben ihnen Musik. Wegen zu kurzer Konzertlänge dürfte sich hier niemand beschweren, am Ende werden es 165 Minuten sein, ohne Pause, ohne großartige Ansagen, nur die Klänge einer Band, die Generationen geprägt hat. Neben den Klassikern und manchen Raritäten finden insgesamt vier neue Lieder den Weg in die Setlist – und diese sind hervorragend! Das neue Studio-Album – dann wohl das erste seit 15 Jahren – wirft hohe Schatten voraus und bekommt auf dieser Tour bereits ordentlich Vorschusslorbeeren. Doch bei all der musikalischen Verspieltheit: Smith & Kollegen sind auch bekannt für waschechte Tanznummern. Diese gibt es alle gebündelt im finalen Zugabenblock von neun (!) Liedern – wohlgemerkt nach bereits getätigten zwei Stunden Konzert. Dass man hier, im letzten Teil des Abends, auf die längeren Songs verzichtet und nur Radio-Hits von komprimierter Länge spielt, wirkt sich bestens auf die Stimmung aus: es erheben sich die Sitzenden, die Stehplätze feiern und Lieder wie „Friday I’m In Love“, „In Between Days“, „Just Like Heaven“ und natürlich das abrundende „Boys Don’t Cry“ heizen die Menge noch einmal ordentlich auf und erinnern nach vielen ruhigeren Stücken daran, dass hier eben doch eine Rock-Band spielt. Während unzählige Bands, die von The Cure inspiriert wurden, sich sogar nur wegen deren Existenz gegründet haben, bereits immer weiter musikalisch abbauen, beweist das Original auch Jahrzehnte nach der Gründung, wie zeitlos und grandios ihre Werke sind – ob aus 1979 oder 2022. Chapeau!

Setlist: Alone / Pictures Of You / Kyoto Song / A Night Like This / Lovesong / And Nothing Is Forever / Cold / Burn / At Night / A Strange Day / Push / Play For Today / Want / Shake Dog Shake / From The Edge Of The Deep Green Sea / EndsongZugaben 1: I Can Never Say Goodbye / Plainsong / DisintegrationZugaben 2: Lullaby / The Walk / Friday I’m In Love / Doing The Unstuck / Close To Me / In Between Days / Just Like Heaven / A Forest / Boys Don’t Cry

Bericht: Ludwig Stadler