Die Verrohung der Jugend – „Mehr Schwarz als Lila“ im Marstall (Kritik)

Bei manchen Premieren im Theater ist es, lockdownbedingt, eine Odyssee, bis sie endlich aufgeführt werden dürfen. Die Uraufführung von „Mehr Schwarz als Lila“, der Bühnenadoption des gleichnamigen Romans der Münchner Autorin Lena Gorelik, hätte bereits Mitte November 2020 unter sowieso bereits widrigen Umständen gezeigt werden sollen. Nun, am 27. Mai 2021, hat es dann doch endlich geklappt – die Produktion des Residenztheaters und vor allem des Jugendclubs „Xtra“ darf premieren. Der Nachfolger des „Jungen Resi“-Konzepts ist und bleibt eine erfrischende Abwechslung im Spielplan und präsentiert auch unter der Intendanz Beck tolle und nahbare Stücke, die für Klassen weiterführender Schulen sehr geeignet sind.

© Adrienne Meister

In welche Richtung „Mehr Schwarz als Lila“ eigentlich genau geht, ist lange nicht so recht nachvollziehbar. Ein Dreigespann von Freunden – Alex, Ratte und Paul – ist schier unzertrennlich und sichtlich vom neuen Referendar, Herr Spitzing, begeistert. Dabei werden stetig mehr Grenzen überschritten: ein spontanes Treffen außerhalb der Schule, dann eine bewusste Einladung zu einer Ausstellung. Es folgt das Du-Angebot („Nennt mich doch Johnny“) und die größte Schwelle: die Schüler kommen in die Wohnung des Lehrers. Es entsteht eine Freundschaft, die den Referendar (perfekt besetzt: Camill Jammal) etwas zweifeln lässt – allerspätestens dann, als sich Alex in ebenjenen verliebt. Bei einer Klassenfahrt nach Auschwitz eskaliert letztendlich alles. Genau hier liegt das Problem des Stücks: es weiß nicht genau, worauf es sich konzentrieren soll. Die Freundschaft des Trios? Der (lasche) Umgang mit der NS-Vergangenheit? Der Stoff will viel auf einmal und nichts davon richtig.

© Adrienne Meister

Das stört zwar schlussendlich, der Weg dorthin aber ist unterhaltsam, kreativ und grandios gespielt. Ausnahmslos alle Jungschauspieler*innen liefern eine fantastische Leistung ab, natürlich ganz besonders das Trio aus Amélie Althaus, Bernadette Leopold und Samuel Müller. Im Zusammenspiel mit Jammal, der dem Ensemble des Residenztheaters angehört, besteht kein Gefälle, das Spiel ist auf extrem hohen Niveau – ein Problem, dass viele Theaterprojekte aus ausgebildeten Darstellern und Laien am Anfang der Karriere haben. Auch die Inszenierung von Daniela Kranz, die zugleich das „Resi für alle“ leitet, weiß genau, wie sich mit möglichst wenig Mitteln das Maximale erreicht. Mehr als ein paar Tische, Stühle und ein Klavier gibt die Basis nicht her – es reicht aber, um alle möglichen Szenarien darzustellen. Auch die stark eingesetzt Videotechnik und der (zum Glück) durch Schnelltests wegfallende Abstand geben der Produktion mächtig Esprit. Man hängt den Akteur*innen förmlich an den Lippen, so stark ist der Text. Einzig die Handlung ist eben unentschlossen,

Mit dem Streit über die Farbe von Alex‘ Hose beginnt die „Entdreiung“ des Trios – und das unangenehme Aufschwappen von Wahrheiten. Am Ende: ein Eklat. Ein Kussfoto vor den Öfen im KZ Auschwitz. Die absolute Verrohung der Jugend? Das Bewusstsein über Geschichte und Ort des Daseins besteht zwar irgendwie, aber die persönlichen Probleme sind viel gewichtiger, zumindest im Subjektiven. Das Foto wird ein Skandal, das Trio endgültig getrennt. Paul, der schon immer heimlich in Alex verliebt ist, fühlt sich als Spielball verletzt. In der Romanvorlage kommt es zur Aussöhnung, zur Überwindung und dem Versuch, es anders zu machen – ein Happy End. Die Bühnenversion endet mit Pauls (Abschieds)Brief mit den deutlichen Worten, die von der Buchvorlage abweichen: „Ich werde morgen nicht mehr an dich denken.“

Kritik: Ludwig Stadler