Carry You Home – James Blunt in der Olympiahalle (Bericht)

Das Licht am Ende des Tunnels scheint mittlerweile so hell, dass die Konzerthallen wieder voll ausgelastet werden kann. Eine wunderbare Sache, denn der britische Liedermacher James Blunt kann so seine mittlerweile vier- oder fünfmal verschobene Tour aus dem Frühjahr 2020 endlich nachholen! Am Sonntag, 27. März 2022, platzt die vollbestuhlte Olympiahalle mit rund 10.000 Personen faktisch aus allen Nähten – wenn das mal keine guten Vorzeichen sind!

Um 19:45 Uhr startet erst einmal Emily Roberts mit ihrem Set. Die Wahl-Berliner wirkt von Beginn an sympathisch und schafft es sofort, gemeinsam mit ihrem Kollegen an der Gitarre, mit ihren eingängigen, aber dennoch vielfältigen Songs als auch ihrer großartigen Stimme zu überzeugen. Leider steht ihr Auftritt offensichtlich unter einem schlechten Stern, denn nicht nur technische Probleme erschweren die Nummer „Dinosaurs“, besonders schwierig wird es, als sich Roberts offensichtlich verschluckt und das Lied „Hemingway“ komplett abbrechen muss, auch die weiteren Lieder von Husten unterbrochen wird. Doch man nimmt es ihr nicht übel und leidet mit im Publikum. Nach rund 30 Minuten ist die Berg- und Talfahrt gemeistert. Hoffentlich begegnen ihr bei ihrem Headliner-Auftritt am 23. April im Milla weniger Stolpersteine.

Setlist: Radio / Bittersweet Symphony / Flowers / Dinosaurs / Hemingway / Boyband Charme / In This Together

Runder geht es für James Blunt los, der um 20:45 Uhr auf die Bühne sprintet, während das Koloss an Bühnentechnik langsam nach oben fährt und den Blick auf seine Band offenbart. „Breathe“ ist genau der richtige, mitreißende Opener für den Abend, wenngleich der Gesang am Anfang noch etwas zu prägnant klingt. Spätestens beim folgenden „Wisemen“ legt sich das aber – und die fleißig mitsingende Halle erwacht unter der Maske. Darauf folgt ein wahres Gewitter an Hits, die man wohl kaum mehr auf dem Schirm hat. In den vergangenen 20 Jahren hat der Brite so unzählige bekannte Melodien auf den Markt gebracht und zahlreiche Radio-Airplays geschafft, sodass der Großteil seiner Setlist fast schon vorgeschrieben ist. Ein paar neue Lieder bringt er dann aber doch unter – und Titel wie „Adrenaline“ und „Love Under Pressure“ kommen dabei auch bestens an. Dennoch reißt es das Publikum vor allem dann von den Stühlen, wenn es besonders fetzig wird, wie bei „OK“ und „Cuz I Love You“ – bei letzterem rennt Blunt mit Gasmaske durchs Publikum und klatscht so viele Menschen ab, wie er im Lauf erwischen kann.

© Gavin Bond

Das überraschendste: James Blunt ist verdammt gut. Das mag irritierend klingen, aber als King von Liebesschnulzen und Bayern-3-Dauerbeschallungsgast hat sich Blunt zumindest in Deutschland auch einen zweifelhaften Namen gemacht – „nervig“ oder „schmalzig“ sind diesbezüglich wohl häufig benutzte Adjektive. Doch es ist ein leichtes, James Blunt nicht zu mögen, er bietet zu viel leichte Angriffsfläche und nimmt seinen Hatern schon dadurch den Wind aus den Segeln, indem er selbstironisch auf Twitter unterwegs ist. Und tief im Inneren liebt doch jeder irgendein Lied des Sängers, er ist wohl jedermanns und jederfraus guilty pleasure.

In Anbetracht des mitreißenden 100-Minuten-Konzerts auch zurecht, denn allerspätestens die Arena-würdige Produktion von James Blunt hat gezeigt, dass Live-Konzerte aber sowas von wieder zurück sind und es mehr als wert sind, sie wieder zu besuchen. Denn was gibt es schöneres nach so vielen Monaten an Laptop, Fernsehen und Handy in den eigenen vier Wänden, als großartige Künstler mit guter Musik und ein Publikum voller glücklicher Gesichter zu erleben?

Setlist: Breathe / Wisemen / Carry You Home / Adrenaline / The Greatest / Goodbye My Lover / High / Smoke Signals / I Really Want You / Love Under Pressure / Postcards / So Long, Jimmy / Same Mistake / Monsters / Cuz I Love You / (Slade cover) / You’re Beautiful / Stay The Night / OKZugaben: Bonfire Heart / 1973

Bericht: Ludwig Stadler