Bedroompop im Pyjama – Gracie Abrams im Strom (Bericht)

Bereits in der außergewöhnlich langen Schlange vor dem Eingang des Stroms wird sichtbar, dass Gracie Abrams zu ihrer Fangemeinde eine sehr besondere Beziehung hat. Zwei Mädchen berichten, sie seien extra aus Slowenien angereist. Viele der Fans, der Großteil weiblich und im Teenageralter, haben der Künstlerin zu ihrem ersten München-Konzert am 25. Mai 2022 Geschenke mitgebracht – von selbstgebastelten Collagen, Kränzen, Fotobüchern, Schlüsselanhängern über Süßigkeiten ist alles dabei. Da dieser Trend schon die gesamte Tour anhält (zum einjährigen Jubiläum ihres Songs „Mess Me Up“ vor zwei Wochen erhielt Abrams in Dublin von ihren Fans acht selbstgebackene Kuchen, wie sie auf Instagram dokumentierte), wurde vom Management am Eingang eine Geschenkekiste aufgestellt – in der Hoffnung, dass die Geschenke nicht auf der Bühne landen würden. Dass viele Fans es dennoch geschafft haben, ihre Geschenke hineinzuschmuggeln, um diese der Künstlerin persönlich zu überreichen, wird später deutlich, als Abrams während den ersten Songs konstant damit beschäftigt ist, Gegenstände aus dem Publikum anzunehmen.

Auch Support-Act Alix Page, die um 20:30 Uhr den Abend eröffnet, wird von den Fans beschenkt. Als Freundin des Headliners scheint auch sie hier jeder zu kennen. Unter einem euphorischen „Alix, Alix, Alix“ betritt sie die Bühne und setzt einen selbstgebastelten Kranz auf, den ihr die Fans um das Mikrofonstativ gehangen haben. Page begleitet sich selbst auf der Akustikgitarre, die bei allen Songs in Drop-D-Stimmung erklingt – die tiefste Saite einen Ganzton tiefer gestimmt als gewöhnlich. Zudem schlägt sie überwiegend nur die tiefsten drei Saiten an. Die dadurch tief resonierende Gitarre und ihre eher hohe, zarte Stimme komplementieren sich sehr gut. Stilistisch ist eine große Ähnlichkeit zur Hauptkünstlerin zu vernehmen, auch hier beherrschen Melancholie und Herzschmerz die Stimmung der Songs. Im ausverkauften Strom steigen Hitze und Feuchtigkeit immer weiter an, der komplette Raum scheint wie in Nebel gehüllt. Die Security verteilt dutzende Wasserbecher an das Publikum, um einem kollabierenden Publikum entgegenzuwirken.

© CAA

21:30 Uhr. Das Intro zu „Feels Like“ – dem Titeltrack von Gracie Abrams aktueller EP „This Is What It Feels Like“ – erklingt aus den Boxen, dazu ein spannungsgeladener Floortom-Groove des Schlagzeugers, welcher als einziger Musiker auf der Bühne zu sehen ist. Synthesizer und Keyboardsounds kommen ausschließlich vom Band (später erklärt Abrams, dies sei das erste Konzert ohne ihre Keyboarderin, die zu einer Hochzeit zurück nach Amerika gereist ist). Die Bühnenbeleuchtung blinkt wild im Rhythmus, während ein vor Freude kreischendes Publikum die Künstlerin sehnlichst erwartet. Als die Hauptperson des Abends die Bühne betritt und zur ersten Strophe ansetzt, wird klar, dass im ausverkauften Strom heute ausschließlich leidenschaftliche Fans anwesend sind, die jede Textzeile kennen und laut und leidenschaftlich mitsingen. Dies sollte sich im Laufe des Abends mit jedem weiteren Song bestätigen.

Abrams singt zu Beginn noch mit halbgeschlossenen Augen und streift sich mehrmals durchs zerzauste Haar, das ihr immer wieder ins Gesicht fällt. Man fragt sich, ob sie tatsächlich vor dem Konzert noch ein Nickerchen eingelegt hat oder dies Teil der Performance ist – beides ist denkbar. Ihre Pyjamahose lässt die Vorstellung von ersterem allerdings amüsant erscheinen. Bedroom Pop – so lautet ihr Genre – wird heute Abend offenbar wörtlich genommen. Als dutzende Fans der ersten Reihen ihre Hände Richtung Bühne stecken und sie eine Hand nach der anderen hält, öffnen sich auch ihre Augen. Ist Abrams nicht gerade mit geschlossenen Augen in die Musik vertieft, interagiert sie ununterbrochen mit ihren Fans und hält einen intensiven, eindringlichen Blickkontakt zu ihnen. Diese versuchen über Gesten wie Winken oder Herzsymbole, Plakate, Rufe, und Gegenstände ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Fahnen und Girlanden, die ihren Weg auf die Bühne finden, legt sie auf dem Mikrofonstativ an ihrem Keyboard ab. Zu ihrem Song „Friend“ halten Fans im ganzen Raum identische Plakate mit dem Text „You’ll never have to feel us leave“ nach oben, eine Aktion die vermutlich in einer Fangruppe per Social Media geplant wurde.

© CAA

Nach ihrem fünften Song „21“ macht Abrams die erste und einzige kurze Ansage an diesem Abend. Sie freue sich nach so langem Warten endlich in München zu sein (diese Europatour ist pandemiebedingt ihre erste, zwei Jahre nach ihrer Debut-EP). Sie merkt an, wie sehr ihr die Location gefalle, alle Leute seien so gut zu sehen(im Vergleich mit anderen Tourstops ist das Strom tatsächlich eine der kleinsten Locations). Sie entschuldigt sich für ihr Outfit, sie hätte vor dem Konzert Bauchschmerzen bekommen und im Pyjama sei es heute angenehmer für sie. Man merkt Abrams an, dass sie eher introvertierter Natur ist und ausgiebige lange Ansagen nicht ihr Ding sind. Daher: mehr Musik. Der Live-Sound im Strom ist an diesem Abend durchweg exzellent. Obwohl der Gesangsstil eher leise und zurückhaltender ist, sticht ihre Stimme gut durch das laut singende Publikum hindurch. Der Klang ist sauber und definiert, was sicherlich auch daran liegt, dass die Sounds bis auf Schlagzeug und Gesang (bzw. hin und wieder Gitarre und E-Piano) vom Band kommen.

Während die meisten der Studioaufnahmen etwas ruhiger und in sich gekehrt klingen, wurden für die Tour einige der Songs wesentlich energetischer und tanzbarer arrangiert – wofür vor allem die live gespielten Schlagzeugrhythmen verantwortlich sind. Hierdurch schafft es Abrams trotz der melancholischen Grundstimmung ihrer Musik einen guten Spannungsbogen zu erzeugen. Ruhigeres Material spielt sie am E-Piano („Minor“, „Painkillers“) oder der Gitarre („Camden“, „Long Sleeves“), bei energiegeladenen Songs oder Passagen interagiert sie im Stehen mit dem Publikum. Die meisten Songs gehen clever arrangiert als Medleys ineinander über, was einerseits dem Publikum hilft, nicht aus dem Erlebnis hinausgerissen zu werden, andererseits natürlich auch die Synchronisation der Backingtracks einfacher gestaltet.

Nach genau einer Stunde beendet Gracie Abrams ihr Set mit ihrem bisher erfolgreichsten Song „I miss you, I’m sorry“. Als sie von der Bühne geht, scheinen die meisten Fans noch eine Zugabe zu erwarten. Obwohl schon Hintergrundmusik läuft, rührt sich keine Person im Saal. Erst als schließlich die großen Saallicht angehen wird klar, dass es keine Zugabe geben wird. Wohl aber sicher ein nächstes Konzert in München.

Setlist: Feels Like / Brush Fire / Better / minor / 21 / Friend / Painkillers / Mess It Up / Camden / Long Sleeves / Block Me Out / Rockland / The Bottom / For Real This Time / Wishful Thinking / I miss you, I’m sorry

Bericht: Eric Voigt