Feminismus in sakralem Gewandt – „Die Päpstin“ im Deutschen Theater (Kritik)

Jeder dürfte wohl zumindest einmal von der Geschichte der Päpstin gehört haben, sei es durch die Buchvorlage des Weltbestsellers von Donna W. Cross aus dem Jahre 1996 oder die Verfilmung desselbigen 2009. Als Musical wurde „Die Päpstin“ in seiner Originalfassung bereits 2011 uraufgeführt und feierte mit diversen Inszenierungen große Erfolge. Nicht zuletzt deswegen, weil es sich um eine Geschichte über Glauben, Kirche und die Rolle der Frau handelt – Themen, die nach wie vor in unser aller Leben präsent sind. In der derzeitigen Füssener Festspielhaus-Fassung war „Die Päpstin“ nach einem kurzen Gastspiel im April nun zum zweiten Mal im Deutschen Theater zu sehen, bevor es wieder an das Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen zurückkehrt.

© Michael Böhmländer

Die Geschichte handelt von Johanna, der Tochter einer heidnischen Mutter und eines Dorfpriesters, geboren im Jahre 814 in eine Welt des düsteren Aberglaubens und der radikalen Religion. Als Mädchen war ihre Stellung in der Familie bereits vorprogrammiert und ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben standen denkbar schlecht. Doch die junge Johanna, gespielt von einer bezaubernden Kinderdarstellerin, ist außergewöhnlich wissbegierig und fast schon feministisch ambitioniert, sich ein solches zu erarbeiten, sodass sie alsbald von dem Pädagogen ihres Bruders Aeskulapius entdeckt und gefördert wird. In dieser Rolle begeistert Kevin Tarte, gebürtiger Amerikaner, das Publikum mit seiner vortrefflichen Stimme und unglaublich charismatischen Art, und lässt so nicht den Hauch eines Zweifels an Aeskulapius‘ redlichen Absichten aufkommen. Als Johanna mit ihrem Bruder von zu Hause wegläuft, um eine Schulbildung genießen zu können, wird ihr das fast zum Verhängnis. Von ihrem Umfeld gemieden und als „Wechselbalg“ verachtet, frönt sie ein einsames Leben und findet ihre Freude allein in den wenigen Augenblicken mit ihrem Gönner, Freund und späteren Geliebten Gerolt. Dieser wird gespielt von Patrick Stanke, der ohne Übertreibung nicht umsonst zu den erfolgreichsten und gefragtesten deutschen Musicaldarstellern zählt. Seine Präsenz und Stimmgewalt sind überwältigend und transportieren eine emotionale Vertrautheit, die das Publikum allemal zu packen vermag.

Gerade in dem fantastischen Duett aus der Feder von Dennis Martin (Komponist) zeigt sich auch, dass die Chemie mit Misha Kovar stimmt, die die Rolle der erwachsenen Johanna verkörpert. Es ist erstaunlich, wie es dieser gelingt, überzeugend die bescheidene und leidensgeprüfte Johanna zu spielen, ohne sich dabei die Show von anderen viel schillernderen Rollen stehlen zu lassen. Das hat sie nicht zuletzt ihrer ausdrucksstarken und wunderbar melodischen Stimme zu verdanken, die das Publikum bezaubert und bis zu ihrem tragischen Ende im Bann hält. Besonders hervor sticht der Moment, indem sich Johanna nach einem Angriff der Normannen als einzige Überlebende des Gemetzels der Gefahr ihrer Umstände als alleinstehende Frau bewusstwird. Hier schafft es Misha Kovar die ganze Verzweiflung der von Angst getriebenen Johanna in den Theatersaal zu transportieren und durch ihr schauspielerisches Können genau den Moment einzufangen, in welchem diese sich entscheidet, fortan als Mann verkleidet in ein Mönchskloster zu gehen und damit den schicksalshaften Weg beschreitet, der sie auf den Heiligen Stuhl befördern wird.

© Michael Böhmländer

Das hochkarätige Ensemble wird geehrt durch aufwändige sakrale Kostüme und die Kreation eines hochwertigen Bühnenbildes mit ausgeklügelter Beleuchtung, die etwa die Umbauphasen fast unsichtbar in den Hintergrund treten und diese Produktion zu einem einmaligen Erlebnis werden lassen. So hat man als Zuschauer*in zuweilen das Gefühl, sich tatsächlich einem gewaltigen Dom zu befinden, in welchem die heilige Messe auf Latein gelesen wird. Die Allmacht der Kirche in der damaligen Gesellschaft wird dadurch geradezu greifbar gemacht und zeigt, „hinter großen Mauern hat der Glaube sich verschanzt“. Auch wenn diese Inszenierung im Gegensatz zur Buchvorlage wenig auf Johannas Gottesfurcht und ihren unbedingten Glauben an Gott eingeht, so wird der Kampf zwischen Glauben und Kirche doch spürbar gemacht. Die Doppelmoral und Scheinheiligkeit der Kirchenmänner wird dabei angeprangert, etwa des Hauptantagonisten Anastasius (Christian Schöne), der zum „Ruhme der Familie“ aus habgierigem Ehrgeiz mit allen Mitteln und der Hilfe der Kurtisane Marioza (Tina Haas) versucht, der nächste Papst zu werden.

Ein wenig anachronistisch wirken die Akrobatikeinlagen am Vertikaltuch und die Tanzeinlagen aus zeitgenössischem Tanz, die einen durch das Stück begleiten zwar schon. Dies sind jedoch gerade die Elemente, mit denen eine stete Dynamik auf der Bühne geschaffen wird, die maßgeblich für die Atmosphäre des Stücks sind. So können die Gefühle der Darsteller und die äußeren Umstände der Szenen durch immer wogende Bewegungen auf besonders ausdrucksstarke Weise präsentiert werden. Die ausschließlich weiblichen Tänzerinnen wirken dabei aber auch noch auf eine andere, eher unterschwellige Weise. Diese besonders attraktiven Frauen mit meterlangem wallendem Haar sind eine konstante Mahnung, dass Frauen lange Zeit nur als Schmuck für Männer und zu deren Belustigung dienten. Kein Mann auf der Bühne dreht und wendet sich zur Belustigung des Publikums und demonstriert sich knapp bekleidet zur allgemeinen Unterhaltung. Kein Mann rackert sich mit der aufwendigen Choreografie ab, bei der selbst Hebefiguren und Paartänze ausschließlich von weiblichen Tänzerinnen auf mühelos anmutende Weise ausgeführt werden.

Und das scheint auch die eigentliche Message zu sein, die dieses Stück vermitteln soll: Frauen haben in ihrer Geschichte immer das doppelte und dreifache dessen leisten müssen, was Männer in dieser von ihnen dominierten Welt für dasselbe Ergebnis aufbringen mussten. Und zwar unter konstanter Reduzierung auf ihre Geschlechterrolle und den ihnen zugesprochenen Attributen. Die Erlangung persönlicher Ziele und hoher Stellungen war für Frauen – und ist es auch heute noch – nicht ohne einen hohen Anteil an Verzicht möglich. In „Die Päpstin“ wird eine Geschichte erzählt, die davon und vom Ursprung der Diskriminierung der Frau handelt. Anhand des Werdegangs einer außergewöhnlichen Frau, deren Leidens- und Lebensweg historisch sogar möglicherweise wahr ist.