Mord als Mitgift – „Der Freischütz“ in der Staatsoper (Kritik)

Es sei die „erste deutsche Nationaloper“, hieß es damals 1821, nach der Uraufführung von Carl Maria von Webers „Der Freischütz“. Und tatsächlich, die Förster- und Jagdoper, die irgendwo zwischen Drama und Operette tingelt, hält sich bis heute im Repertoire unzähliger Opernhäuser und wird frenetisch bejubelt. Nur logisch, dass die Bayerische Staatsoper dem Werk eine neue Politur verpasst – in der Theaterwelt also eine Neuproduktion, für dessen Inszenierung sich Dmitri Tcherniakov verantwortlich zeichnet. Die Premiere fand lockdownbedingt am 13. Februar 2021 online statt, bei den Opernfestspielen kommt es nun erstmals zu Vorstellungen mit Publikum.

© Wilfried Hösl

Das Bühnenbild passt auf den ersten Blick so gar nicht ins rustikal-bäuerliche Ambiente: moderne Holztäfelungen, hochwertige Einrichtung, sichtlich ein Business- oder Meetingraum eines großen Unternehmens. Das bestätigen auch die gelegentlichen Blicke auf weitere Hochhäuser im Hintergrund: man befindet sich mitten im Bankenviertel. Ob die Hauptfirma auch eine Bank ist, wird nicht klar und ist auch vollkommen nichtig – aber Jäger sind sie auch so. Kuno tritt als Chef der Abteilung im blauen Anzug auf, selbstgefällig mit großer Zigarre, während er seinen Mitarbeiter*innen zusieht, die wahllos Menschen auf der Straße mit dem Gewehr erschießen. Das ist natürlich brachial und eine etwas überdeutliche Zeichnung des modernen Jagens, aber sind Broker denn nicht irgendwie auch die Jäger der Moderne? Max jedenfalls, ehemals Bester in der Firma, verzagt beim Schuss, doch Kuno verlangt einen „Probeschuss“, denn nur dann dürfe er seine Tochter Agathe ehelichen.

© Wilfried Hösl

Agathe währenddessen, grandios gesungen und gespielt von Golda Schultz, träumt von der bevorstehenden Hochzeit, versucht ihren weniger geliebten Vater bestmöglich zu verdrängen oder zu übergehen und schlägt sich mit Freundin Ännchen herum, die sie nach der Flucht vom Vater aufgenommen und unterstützt hat. Diese Geschichte funktioniert in der modernen Adaption etwas weniger, zudem Ännchen doch etwas zu strikt und kühl wirkt. Allgemein sind die Charaktere ähnlich eindimensional wie in der Vorlage – daran ändert auch die starke Inszenierung von Dmitri Tcherniakov nichts, die der Oper vollends gerecht wird und sie, letztendlich auch passend für eine Volksoper, recht einfach aufbereitet und mit Kommentaren der handelnden Personen auf eine Vorhang-Leinwand auch immer den Kontext der jeweiligen Situation mitliefert. Das funktioniert auch durchgehend prächtig, einzig die sowieso etwas krude Szene in der Wolfsschlucht ist etwas zu eigen, wenn Max sich in Plastikfolie umwickelt herumwälzt, während Feind Kaspar sich mit dem bösen Jäger Samiel herumschlägt, der hier als Art dunkle Macht dargestellt ist, die durch Kaspar spricht. Das ist dann doch etwas zu gut gemeint und lässt die sonst bodenständige Oper komische Auswüchse annehmen.

Musikalisch ist Webers Oper seit eh und je erhaben – und so auch an diesem Abend. Das Bayerische Staatsorchester unter Dirigent Lothar Koenigs spielt nuanciert und motiviert, manchmal vielleicht etwas zu stürmisch, wenn Pavel Černoch als Max zu kämpfen hat, gegen die Klangkulisse anzusingen. Aber auch diese Momente vergehen und das Publikum spendiert reichlich verdienten Szenenapplaus. Das im Schachbrettmuster ordentlich gefüllte Nationaltheater scheint sowieso begeistert und gebannt, eine Sekunde nach dem Finale ertönt bereits ein lautes „Bravo“. Zwar gibt es auch immer wieder Querschläger vom Maskenverweigerer zum Handy-Tipper bis Mitfilmer – und an diesem Abend sogar alles in einer Person –, das ist aber nicht repräsentativ für die Zuschauer*innen, die mit Respekt alle Maßnahmen einhalten und so auch die sinnvolle Mehrauslastung ermöglichen. „Der Freischütz“ hat es nach einer doch etwas wackligen Premieren-Historie verdient, vor den Liebhabern des Werkes gespielt zu werden. Eine gelungene Neufassung.

Kritik: Ludwig Stadler