Diversität auf hohem Niveau – Kruder & Dorfmeister in der Alten Kongresshalle (Konzertbericht)

Sie untermalten Mitte der 90er unzählige WG-Partys mit ihrem Downtempo-Beats und schafften es mit ihren bahnbrechenden Electronica-Remixes selbst Größen wie Depeche Mode in noch höhere Sphären zu katapultieren: Kruder & Dorfmeister. Die „Original Bedroom Rocker“ sind der erfolgreichste Musikexport aus Österreich, (lange vor Yung Hurn) nach Falco und Mozart.

Kaum zu glauben, aber es ist wirklich 25 Jahre her, dass die Wiener Produzenten-Paten K&D ihre Debüt-EP „G-Stoned“ veröffentlichten. Auch das Publikum der Münchner Alte Kongresshalle hat am Abend des 30. Oktobers 2019  die jungen und wilden Jahre schon augenscheinlich hinter sich und geht schon gefährlich auf die vierzig oder fünfzig zu. Doch die beiden Elektro-Legenden beweisen: drei Stunden durchtanzen geht noch voll klar, wenn man die Möglichkeit zu so einem Ohrenschmaus bekommt.

©Andreas H. Bitesnich

Die Menge ist längst freudig unruhig, als Peter Kruder und Richard Dorfmeister um 20:15 Uhr an den Turntables erscheinen. Lässig stehen sie da, im schwarzen Jackett und spöttischen Grinsen. Zwei helle Lichtkegel scheinen ihnen von hinten in den Rücken und lassen ihre Schatten überdimensional vergrößert über den Zuschauerköpfen ragen. Dorfmeister lässt sich  zu imitierten Pistolenschüssen hinreißen. Der gelernte Friseur Kruder fährt sich immer wieder durch die – noch beeindruckende – Haarpracht. Die Meister des musikalischen Geschmacks sind gut drauf. Und die Münchener heute auch. Mit dem Publikum sprechen wollen K&D jedoch nicht – sie sind für ihre Wortkargheit bekannt, so ungern geben sie Interviews– warum auch? Sie lassen ihre Musik sprechen. Nicht zu wenig, niemals zu viel ist hier die Devise.

Entspannte Instrumentalstücke zum Runterkommen. Jazzige Elemente lösen eine unbekümmerte Entspanntheit aus. Die Münchner Zuschauer vertrauen und lassen sich tanzend treiben. Nach einem entspannten Einstieg, darunter ein Remix von „Riders on the Storm“, zieht das Tempo an. Dann werden K&D kontinuierlich härter. Sie reiten sprichwörtlich mit ihrem trippigen Downtempo von Genre zu Genre. Da puscht der Bass auch noch nach mehr als 3,5durchgeschwitzten Stunden. Bossa Nova, Funk, Ambient und TripHop werden bei der musikalischen Eroberung nicht ausgelassen. Zwischen Dub, Drum’n’Bass, Break Beats und Hip-Hop galoppiert und changiert das DJ-Programm.

Eklektisch ziehen sie sich aus den Originalen die wahre Substanz, extrahieren hier einen Takt und da den ganzen Vibe, um – mithilfe einer eigenen berauschende Essenz – Neues zu Schaffen. Die Sample-Genies zerlegen, drehen um und setzen neu ein. Diese postmoderne Attitude – aus Alt mach Neu, indem du es in einen anderen Kontext stellst – gefällt dem Publikum. Eine Kompilation aus vertrauten Tönen; das Interesse für den Fluss, nicht für Brüche. Ein perfekt einstudiertes Team, das nahtlose Zusammenspiel der Beats, die Bewegungen synchron – 25 Jahre hinter den Plattentellern schweißen zusammen.

Das dreistündige audio-visuelles Live-Set wird durch die raffinierte Lichtshow des Visual-Produktionsteams „Lichterloh“ auch atmosphärisch zu einem Erlebnis. Zuckende Lichtstrahler, langsam kreisenden Mandalas und abstrakte Wellenmuster begleiten die musikalische Zeitreise. Nach mehreren Zugaben gibt es tosenden Applaus von der restlos ausverkauften Alten Kongresshalle.

Ihre Musik ist Provokation, Coolness, Eigensinn und dazu diese seltsame Substanz, die die Wiener „Schmäh“ nennen. K&D ist nicht nur was für Vinyl-Junkies. Obwohl sie bereits einen musikalischen Meilenstein nach dem anderen rausgehauen haben, sind die zwei noch nicht müde geworden, mit der Muse zu spielen. München dankt den beiden Soundfetischisten für den grandiosen Abend.

Bericht: Carolina Felberbaum