Alle machen. Keiner tut was! – Christian Springer im Lustspielhaus (Kritik)

Ein kleiner Dankesbrief, die DVD und CD zu seinem Vorgängerprogramm und vor allem eine Seife aus traditioneller, syrischer Herstellung in Aleppo wie auch eine indische Zeitungstasche nach dem besten Upcycling-Prinzip. Dafür hat sich Christian Springer entschieden, diese große Kleinigkeit gibt er jedem Gast mit, direkt nach der Premiere seines neuen Programms „Alle machen. Keiner tut was!“ im Lustspielhaus am 7. Juni 2018. Auf große Premierenbüffets verzichtet er, lieber möchte er hier noch einmal seine Unterstützung ausleben und ein wenig auf seine Hilfsorganisation Orienthelfer e.V. hinweisen. Gemütlich reden kann man trotzdem wie immer mit dem Kabarettisten – obwohl er 90 Minuten feinstes Kabarett hinter sich hat.

© Chantal Alexandra Pilsl

Springer ist schon seit Jahrzehnten im Geschäft, ob als Autor im Hintergrund oder etliche Jahre als „Fonsi“. Seit 2013 setzt er auf Persönlichkeit – nämlich sich selbst. Seitdem hat er gemeinsam mit Michael Altinger den monatlichen „schlachthof“ übernommen und mittlerweile sein nun drittes Solo-Programm geschrieben. Hierbei geht es ihm um Werte. Nicht die Cholesterin- oder Blutdruck-Werte, sondern die menschlichen und humanitären – und eben die absoluten Gegenteile davon. Dabei verwendet Springer wieder einmal sein altbewährtes Rezept: Humor durch Pointen, Erstaunen durch Fakten und Bedrückung durch Wahrheit. Als „politisches Kabarett“ betitelt er den neuesten Streich – und tatsächlich, so offensiv und politisch ist er bisher nicht vorgegangen, aber dementsprechende Zeiten erfordern ebensolche Maßnahmen.

Anekdoten über Anekdoten – fraglos Springers Steckenpferd. Seien es seine Gedanken zum religiösen Jenseits, seine grantelnde Nacherzählung des Jens Spahn-Besuchs bei einer Hartz IV-Bezieherin oder die ulkigen Schilderungen über die Probleme beim Schreiben eines Buches über Deutschland für die arabischen Touristen. Denn was zur Hölle ist denn an Deutschland und speziell an München nun so besonders? Leitkultur, würde die CSU brüllen. Leitkultur, Tradition und Werte. Leitkultur entsteht nur dann, wenn viele fremde Personen zusammen sind, sagt Springer. Tradition? Das Dirndl in seiner heutigen Form sei einer Nationalsozialistin zu verdanken. Werte? Toleranz und Gleichberechtigung zählen garantiert nicht zu den Stärken von Söder und co.

© Gregor Wiebe

Dabei sind die Spitzen des Münchner Kabarettisten alles andere als plumpe Verurteilungen. Mit der üblichen Informiertheit und intellektuellen Auseinandersetzung widmet er sich den Themen und analysiert diese erst, bevor er sich, wie üblich, verbal zerrupft. Hans Zehetmair, ehemaliger Kultusminister in Bayern, hat es ihm ganz besonders angetan: der altertümliche CSU-Politiker glänzte durch Ideen wie der Wiedereinführung des Schulgebets, der Vermittlung des Bildes einer Frau (die im Gebet Halt findet), des Verbots etlicher Bücher, wie u.a. „Der Krieg der Knöpfe“ (weil dort zwei Hunde den Sexualakt vollziehen) und der Streichung des Wortes „Zeugung“ aus dem Lehrplan. Unvorstellbar, dass dies erst 20 Jahre her ist, betont Springer mehrfach. Er schließt sein Programm mit der bedrückenden Geschichte des Volksliedes „Die Gedanken sind frei“ und seiner Geschichte in der Nazi-Zeit und deren Auswirkungen. Und ja, das ist dann auch überhaupt nicht mehr lustig, aber das muss es auch nicht, denn die Realität ist es nun einmal auch nicht.

Beeindruckend bleibt letztendlich nach dem überaus gelungenen Kabarett-Programm, das sich wieder etwas mehr dem Themen-Switching widmet und dennoch ein bisschen hinter dem Vorgänger zurückbleibt, die Tatsache, dass Christian Springers Programm-Titel „Alle machen. Keiner tut was!“ zwar hart ist, aber neben ihm nur wenige Kabarettisten diesen Titel auch wählen dürfen. Denn er mit seiner Hilfsorganisation, seinem Engagements in politischer wie auch menschlicher Pflicht – Springer redet nicht nur davon, er nimmt es einfach selbst in die Hand. Und allein dadurch ist er der bedeutendste bayerische Kabarettist.

Kritik: Ludwig Stadler