Die Apokalypse der Moderne – „Der Riss durch die Welt“ im Cuvilliéstheater (Kritik)

Es ist eine Wochenende hoch in den Bergen, in einer Hütte (oder einem Palast), dass im Cuvilliéstheater inszeniert wird und am 8. November 2019 seine Uraufführung feierte. Doch der Schein trügt, denn das Stück von Roland Schimmelpfennig handelt nicht etwa von einer beschaulichen Landschaft in malerischen Bergen, vielleicht gespickt mit Romantik, sondern von der Apokalypse selbst, von den biblischen Plagen. Und nicht etwa romantisch geht es zu, sondern ganz im Gegenteil: das Stück handelt von Hass und niederen Instinkten, die ins Verderben führen.

© Sandra Then

Dabei ist es gar nicht so einfach der Handlung, die von Tilmann Köhler inszeniert wurde, zu folgen, denn sie wechselt ständig zwischen den Handlungssträngen und Zeitabschnitten hin und her, und man muss wirklich aufpassen, um sie zu verstehen, nur um dann zu bermerken, dass sie eigentlich gar nicht so schwierig zu verstehen ist. Die Künstlerin Sophia (Lisa Stiegler) wurde von Tom (Oliver Stokowski) und Sue (Carolin Conrad), zwei reichen Mäzen, in deren Hütte in den Bergen eingeladen, um dort über die Förderung von Sophies neuem Kunstprojekt zu sprechen. Diese hat allerdings einfach noch ihren Freund mitgebracht, den Immigranten Jared (Benito Basuse), und zusammen mit der Haushälterin Maria (Cathrin Störmer) finden sich nun die fünf Personen in der Hütte ein, mehr Figuren kommen nicht vor oder werden auch nur erwähnt. Sie beginnen über das Projekt zu diskutieren: ein Fluss aus Blut soll entstehen, gefüllt mit toten Tieren und Schwermetallen. Er soll den namentlichen Riss durch die Welt veranschaulichen, die Kluft zwischen Arm und Reich, und auf die moderne Sklaverei aufmerksam machen, welche durch ebenjene Spalte erzeugt wird. Während Sue von dem Vorschlag und dessen Bildgewalt begeistert ist, will Tom nichts davon wissen. Für ihn gibt es diese Kluft nicht, er hält nichts von den Berichten der beiden Jüngeren über deren Leben im Ghetto und wie sie von den Reichen und Mächtigen unterdrückt wird. Er ist der Meinung, dass nicht einmal alle zehn Plagen die Menschen dazu bringen würden, anders zu handeln.

Während der Abend vergeht, nähern sich Sue und Jared, sowie Tom und Sophia, aneinander an, und jeder beschuldigt den anderen, untreu zu sein. Während die Situation in der Hütte sich hochzuschaukeln beginnt, werden die Besucher von apokalyptischen Szenen heimgesucht, draußen braut sich ein starkes Gewitter zusammen. Schließlich eskaliert die Situation zwischen Jared und Tom, der behauptet, egal was Jared auch tue, um sich abzuheben, zum Schluss wolle er auch nur Geld. Während dieser voller Wut sein Glas zerstört, beginnt Tom, sein Geld zu verbrennen, um ihm zu zeigen, dass er auch ohne dieses immer noch besser ist. Aufgewühlt gehen alle zu Bett, nur um in der Nacht weiterhin von Katastrophenvorstellungen heimgesucht zu werden; am nächsten Morgen tritt schließlich die letzte Plage ein.

© Sandra Then

Das Stück, auf einer quasi leeren Bühne inszeniert, die nur mit einer trennenden Metallwand und ein paar Stühlen bestellt ist, überzeugt dabei annähernd auf ganzer Linie. Alle Schauspieler schaffen es, in den etwa 100 Minuten Dauer mit ihren Rollen zu überzeugen, wobei auch alle gleichberechtigte Bühnenzeit haben. Maria fungiert dabei als eine Art Erzähler, als außenstehende Beobachterin, die sich über das Verhalten der Reichen und Intellektuellen lustig macht und zumindest zu Anfang etwas die Anspannung aus dem Stück nimmt. Dabei muss betont werden, dass das alles zu Anfang auch noch gut zu ertragen ist und man sich teilweise auch über das Verhalten der Personen amüsieren kann, aber grade gegen Ende beginnt es fast zu furchtbar zu werden; eine Altersfreigabe ab 14 Jahren ist bei Szenen, in denen beschrieben wird, wie Menschen bei lebendigem Leibe von Maden gefressen werden oder an Blattern zugrunde gehen, schon recht schwierig zu halten. Die Intensität, die grade auch durch die starke Musik von Matthias Krieg hoch gehalten wird, nimmt dabei selten ab, gibt dem Zuschauer grade am Ende keine Ruhe mehr; der Untergang, der besonders durch Foreshadowing die ganze Zeit mitklingt, ist dabei grade zu spürbar.

Ein starken Stück Theater, aber nichts für schwache Nerven. Etwas, über das diskutiert werden muss und hoffentlich wird.

Kritik: Cedric Lipsdorf