Doctor Strange in the Multiverse of Madness (Filmkritik)

Was für eine Meldung: Sam Raimi dreht wieder einen Superhelden-Film! Nach seiner legendären Spider-Man-Trilogie, die 2007 ihr Ende fand, und natürlich mit der kultigen „Tanz der Teufel“-Reihe im Rücken, ist Raimi Liebhaber-Regisseure aller Fans von Horror, aber auch abgefahrenem Film-Storytelling. Dass also der zweite Teil mit Doctor Strange, dargeboten von Oscarpreisträger Benedict Cumberbatch, völlig anders als sein Vorgänger und wohl auch der Großteil weiterer Marvel-Filme werden wird, ist abzusehen. Was „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“, der seit Mittwoch, 4. Mai 2022 in den Kinos läuft, letztendlich für ein visuell abgefahrener Trip geworden ist, lässt dann doch Kinobesucher*innen überrascht zurück.

Wir befinden uns weiterhin in der Post-Endgame-Welt und auch nach Spider-Man: No Way Home. Strange taumelt etwas, wird oft gefragt, ob er glücklich ist und weiß sich mit einer Antwort wenig zu helfen. Just wird die junge und mysteriöse America Chavez in seine Welt geworfen, die mit ihrer Kraft durch die verschiedenen Multiversen reißen kann. Doch es ist gefährlich für sie, denn jemand scheint Jagd auf sie zu machen…

Leider kann auch nicht mehr zur Handlung gesagt werden, denn jedes falsche Wort könnte zu viel verraten, was nicht verraten werden sollte. Besonders für langjährige Marvel-Fans bietet der Film interessante Charakterwendungen, liebgewonnene Figuren im Fokus, aber natürlich auch reichlich neues. Die Befürchtung, die durch die nicht mehr enden wollenden Gerüchte entstand, der Film wäre vollkommen überladen, bewahrheitet sich zum Glück nicht – man braucht keine 500 Cameos zu erwarten. Stattdessen bleibt der Fokus angenehm auf den Figuren, die wir schon aus dem Trailer kennen: Doctor Strange, America Chavez (Xochitl Gomez), Wanda Maximoff bzw. Scarlet Witch und Stranges hoffnungslos Angebetete, Christine Palmer (Rachel McAdams). Natürlich führt er auch Figuren des Strange-Vorgängers wieder ein, wie Wong (Benedict Wong) oder Karl Mordo (Chiwetel Ejiofor), auch ein paar unerwartete, aber auch erwartete Gastauftritte darf man erwarten, aber die Richtung und Storyline bleibt glücklicherweise immer klar.

Spannend wird der Film aber nicht durch Handlung, denn diese ist eher Mittel zum Zweck – kreativ wird der Film immer dann, wenn er visuell klotzen und Raimi seine Visionen verwirklichen kann. Vom Zombie-Doctor Strange und einem Battle der Musiknoten – es gibt viele Momente, bei denen man sich nicht so ganz sicher ist, ob das nun reichlich genial oder doch eine Nummer zu abgefahren ist, was da passiert. Doch genau das macht den Film auch aus: Grenzenlosigkeit. Die kostet er zwar sowieso nicht unbedingt aus, aber es gibt doch reichlich Einblicke in verschiedene Multiversen und Varianten. Ein Roadtrip mit unzähligen neuen Welten braucht man aber auch nicht erwarten – der Fokus bleibt bei einigen wenigen Welten.

Dennoch hat der Film kleine Schwächen. So ist es einerseits der Spagat, einen verrückten Raimi-Streifen mit Horror-Elementen zu kreieren, andererseits einen Marvel-Film im Rahmen des MCU zu schaffen und im dritten Wege genug Fokus für Figurenweiterentwicklung und emotionale Tiefe zu kreieren, eine extrem schwierige Aufgabe, der er in den 126 Minuten nicht immer, vor allem im FSK 12-Korsett, gerecht wird. Zusätzlich wird mit America Chavez ein vollkommen neuer und durchaus interessanter Charakter eingeführt, deren Geschichte nur angeschnitten wird. Da wird und muss mehr kommen, aber dennoch hätte man sich mehr wünschen können. Wirklich stark dagegen ist der komplette Handlungsstrang rund um Scarlet WitchElizabeth Olson liefert eine fantastische Schauspielleistung ab und knüpft mit unerwarteten Aspekten an ihre Rolle in WandaVision an. Selbst wenn man diese Serie nicht zwingend gesehen haben muss – um Wanda emotional nachvollziehen zu können, kommt man eigentlich nicht drum herum.

Am Ende bleibt ein wilder Trip, der vor allem visuell begeistert und mit einem wirklich starken Finale im typischen Raimi-Stil vollends punkten kann. Besonders in Anbetracht der Probleme, die vorangegangene Marvel-Filme im letzten Drittel des Films hatten (Black Widow, Shan-Chi), stellt dieser eine angenehme Überraschung dar, da er doch bis zum Schluss unterhaltsam, kreativ und schlüssig bleibt. Das Ende, einschließlich der Post-Credit-Scenes, schreien nach mehr. Und so viel sei verraten: Doctor Strange will return.

Kritik: Ludwig Stadler