Rauch in Säcken auf Bühnen in Schlössern – „Die Wolken, die Vögel, der Reichtum“ am Residenztheater (Kritik)

Texte aus der griechischen Antike sind im Allgemeinen ja beliebte Stoffe für die großen Theater, ob Ödipus, Medea oder Antigone, nach tausenden von Jahren immer noch hoch brisant für unsere heutige Zeit. Bestes Beispiel 2018 die Kammerspiele mit dem Antike-Rundumschlag „Dionysos Stadt“. Doch das Residenztheater widmet wich mit ‚Die Wolken, die Vögel, der Reichtum‚ einer Textvorlage, die in Allgemeinen wohl nicht so prominent ist wie die eben genannten – letztendlich logisch, handelt es sich schließlich um eine Uraufführung. Die Inszenierung nach Motiven von Aristophanes fasst Hausregisseur Thom Luz wie folgt zusammen:

«In den letzten 2400 Jahren scheint sich die Welt kaum verändert zu haben. Unser Leben gleicht heute wie damals einem hastig erzählten verworrenen Witz, und die wahren Gewinnerinnen aller Kämpfe und Kriege sind zum Schluss einzig die Wolken am Himmel, von denen man seit Sokrates weiß, dass ihnen unsere menschlichen Dramen eigentlich egal sind und die deswegen seit Beginn der Zeit das tun, was sie am besten können: vorüberziehen. Der einzige Trost ist, dass Sokrates‘ Schierlingsbecher in Wirklichkeit ein Füllhorn ist: Es ist genug Gift für alle da.»

© Sandra Then

Diese Beschreibung trifft erstaunlich gut, was sich am Premierendonnerstag, den 25. November 2021 im Cuvilliéstheater zutrug.
In einem hell gehaltenen Bühnenbild, ebenfalls von Thom Luz, das vor allem durch die Weite des Raumes besticht, finden sich Körper: geometrische und menschliche. Die Darsteller*innen tauschen sich über mehr oder weniger relevante Fragen des Lebens aus, deuten eine Unterrichtstunde an, singen ein Lied, diskutieren öffentlich über Kapitalismus, stürmen durch die seitlichen Bühnenaufgänge hinein und hinaus und sind dabei selbst alle so weiß, als wären sie verstaubt – oder weise?  Es ist, als würde man in den Kopf eines Anderen blicken. Das Geschehen erinnert an einen gedanklichen Spaziergang, an das Grübeln und Philosophieren, abgewechselt von ganz kleinen Detailmomenten eines unbedeutenden Alltages.

© Sandra Then

Wie nähert man sich den Ideen großer Philosophen an, die hunderte Jahre vor uns gelebt haben? Können wir sie heute überhaupt noch verstehen oder ist die Quintessenz ihrer Ideen durch Übersetzungen und Übertragungen, durch gesellschaftlichen Wandel und dadurch, dass wir heute anders denken als die Menschen damals, schon längst nichts mehr als Schall und Rauch? Diese Ideen kommen der Zuschauer*in beim betrachten in den Sinn – und dann werden Stück für Stück immer mehr riesige Plastiksäcke, aufgeblasen mit weißem Rauch, wie nach der Papstwahl, auf die Bühne bugsiert. Voller Ideen? Voller Erinnerungen, Erkenntnisse? Oder nur voller verstaubter Phrasen einer vergangenen Zeit, die heute von den Wannabe-Intellektuellen gehypt wird, weil wir uns damit schmücken und uns tiefgründig fühlen in einer Welt, die doch nach ganz einfachen Mechanismen des Geldes funktioniert.

Klingt wirr? Ein Blick ins Textbuch würde wohl den gleichen Eindruck wecken. Nicht so dieses Gesamtkunstwerk. Zugegebenermaßen – ein leicht verständlicher Überblick über einige Ideen der antiken Philosophie im Stil von Sommers Weltliteratur To Go ist das hier nicht. Wer nur selten ins Theater geht und dann in Klassiker mit hohem Unterhaltungswert, wird hier nicht froh. Wer sich der geistigen Herausforderung also stellen möchte, der erlebt ein Fest. Denn Luz inszeniert den Text so, dass aufregende, fesselnde Momente auf Komik und wieder auf Choreografie folgen. Die Dasteller*innen verschmelzen dabei mit Raum und Inhalt zu einer Wolke. Zahlreiche ästhetische Hinweise laden zum Grübeln ein. Man verliert das Zeitgefühl an diesem Abend, dabei dauert er nur knappe zwei Stunden. Wer sich in der griechischen Mythologie auskennt, der entdeckt hier zahlreiche Referenzen. Wem die Themen neu sind, der hat durch die ausgewogene Dramaturgie, die Abwechslung aus Komik und Spannung und der charakteristischen Ästhetik mit immer wieder starken Bildern genauso einen anregenden Abend.

Kritik: Jana Taendler