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„Immer scheitern, wieder scheitern, besser scheitern“ – „Die Goldberg-Variationen“ im Volkstheater (Kritik)
Ein Sommer in der Stadt – Surfer am Eisbach, am Gärtnerplatz gemeinsam auf den Sonnenuntergang warten, im Englischen Garten die Sonne genießen. Niemand wird widersprechen, dass dieser Sommer für die meisten von uns außergewöhnlich ist oder sein wird. Auch die Münchner Theaterszene hat in diesem besonderen Sommer etwas Besonderes zu bieten. Unter dem Motto „Ein Sommer Theater“ hat das Volkstheater am 24. Juli 2020 mit der Inszenierung „Die Goldberg-Variationen“ die neue Sommerspielzeit eröffnet. Anstelle der altbekannten Sommerpause tritt diesen Sommer ein Programm mit insgesamt vier neuen, corona-konformen Produktionen, unter anderem auch auf einer temporären Gartenbühne im Innenhof. Wenn der Intendant Christian Stückl selbst Regie führt, sind die Erwartungen standardmäßig hoch…
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Leinwand-LKW am Marstallplatz – „M(2) – Eine Stadt sucht einen Mörder“ vo(r)m Residenztheater (Kritik)
„Der Film ist tot – alle gucken nur noch Netflix, der Trend geht hin zur Serie! Das Theater ist tot, alle streamen nur noch.“ Häufig diskutierte Thesen im Kulturradio oder im Gespräch unter Film- und Theaterliebhabern. Ein solches könnte der Ausgangspunkt gewesen sein für die Entscheidung, sich inhaltlich dem Kultfilm und später Serie ‚M – Eine Stadt sucht einen Mörder‘ zu widmen. 1931 unter der Regie von Fritz Lang erschienen, zeichnet sich die Ästhetik des Filmes aus heutiger Sicht vor allem durch das Schwarz-Weiß-Bild aus. Dieses wird im zweiten Teil der durch Corona gespaltenen Inszenierung des Residenztheater auch konsequent beibehalten. Aber von Beginn an. In der Pandemie zauberte das Residenztheater…
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Vom Wiederkommen und Bleiben – „Finalissimo“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Über 70 Vorstellungen hat das Gärtnerplatztheater seit der Wiedereröffnung am 15. Juni 2020 gespielt, anfangs noch mit kleinen Formaten auf der Bühne, mittlerweile auch wieder im großen Saal selbst. Egal ob die Kammeroper „Die Kluge“ oder zwei Ballett-Uraufführungen „Metamorphosen I“ und „Metamorphosen II“ – das Musiktheater-Haus wollte spielen. Für das Publikum, für die Kultur. Aber auch vor der Coronakrise wurde mit 90% Auslastung das Jahres-Soll schon im März erreicht – eine erfolgreiche Saison mit spannenden Premieren und altbekannten Klassikern. Selbst wenn die Kapazität im weiteren Jahr 2020 wohl auf maximal 250 Besucher beschränkt sein wird und auch auf der Bühne Abstand gewahrt werden sollte – die kommende Spielzeit wird rein…
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Wovon lebt der Mensch? – „Die Dreigroschenoper“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Inmitten des wilden Ersatzspielplans des Gärtnerplatztheaters wandert auch eine lang nicht mehr gehörte und gesehene Produktion: „Die Dreigroschenoper“. 2016 hatte die konzertante Aufführung bereits im Circus Krone Premiere, passend zum damaligen Wanderweg durch Münchner Ausweichlocations. Nun weicht Schauspielerin Brigitte Hobmeier dem Ensemble, dafür kommt etwas mittlerweile Altbekanntes dazu: Abstand. Die Stühle sind versetzt, das Orchester erhöht und etwas minimiert. Am Dirigentenpult: Chef Anthony Bramall selbst. An den Stuhlen: fast die gesamte Besetzung der damaligen Aufführung. Der Saal ist mit 200 Personen an diesem 21. Juli 2020 ausverkauft. Üblicherweise hat Bertolt Brechts Singspiel massive Überlänge und kommt einer Mixtur eines altertümlichen Musicals oder einer musikalisch abgeschwächten Operette gleich – eingearbeitet in…
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Von Auberginen und Autokinos – Michael Mittermeier im Deutschen Museum (Bericht)
Not macht bekanntlich erfinderisch – und wenn jemand in einer Pandemie in der Not ist, dann wohl die Kultur. Deshalb ist Eulenspiegel Concerts, die u.a. das Lustspielhaus bespielen, kurzerhand im Rahmen der erlaubten Bedingungen an die frische Luft gezogen und zeigt nun im Innenhof des Deutschen Museums Verschobenes, Nachgeholtes und Frisches. Das Areal umfasst, nach der weiteren Lockerung, 250 Sitzplätze, aber auch insgesamt entsteht keine erzwungene Enge, sondern viel Bewegungsfreiheit. Der Einlass läuft großartig, das Publikum hält sich artig an alle Maßnahmen und Getränke zu wunderbar-humanen Preisen gibt es auch. Bevor also an diesem 20. Juli 2020 Michael Mittermeier loslegt, gewinnt allein die Lokalität mit so viel Atmosphäre und Charme…
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Vor langer Zeit – „Comedian Harmonists Today“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Der Ersatzspielplan des Gärtnerplatztheaters ist schier unersättlich, genauso wenig wie wir. Keine Frage also, dass die Rückkehr der Comedian Harmonists Today definitiv eines der Highlights auf diesem Plan darstellt. Durch die recht kurzfristige Erhöhung auf 200 Personen können, dank Doppelvorstellung, ganze 400 Interessierte diese Musik aus einer Zeit hören, die sich bald zum 100. Mal jährt. Am 19. Juli 2020 um 18 Uhr startet die erste Runde, um 20 Uhr gibt es die rund 75-minütige Revue noch einmal. Und dass die Musik der 20er und 30er immer noch wunderbar funktioniert, beweisen seit mittlerweile Jahrzehnten Max Raabe mit seinem Palastorchester. Kann also nichts schiefgehen – oder? Ein wenig schwierig gestaltet sich…
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Freude, Ehre, Abstand – Kurt-Meisel-Preis 2020 im Residenztheater
Eine leichte Zeit waren die letzten Monate wahrlich nicht für das Theater, nicht in Deutschland, aber auch auf der ganzen Welt. Doch nicht nur das Theater selbst musste umdenken, auch die Strukturen, Organisationen und Vereine, die daran beteiligt sind, wie auch die Freunde des Residenztheaters. Die sonst stattfindenden Gespräche nach den Aufführungen beispielsweise sind genauso wenig möglich wie die Aufführungen selbst – also wurde alles digital. Was allerdings doch nur schwerlich online möglich ist: die alljährliche Kurt-Meisel-Preisverleihung im Residenztheater. Ein Wunder, dass die Lockerungen also so exakt daherkommen, dass tatsächlich 200 Personen im Saal Platz finden und im Rahmen der geschlossenen Gesellschaft auch allen interessierten Mitgliedern die Möglichkeit gegeben wird,…
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Wie lustig ist eine Pandemie? – „ANAEROB“ im Hofspielhaus (Kritik)
Am 16. Juli 2020 feierte der Monolog „Anaerob“ im Hofspielhaus Premiere. Nur zwei Personen waren an dem Stück beteiligt: Mira Huber als Schauspielerin und Sascha Fersch in der Regie. Dabei schafft es Huber in dem ungefähr 60-minütigen Stück, viele Emotionen in den Zuschauern zu erwecken, besonders aber eine: das Lachen über eine eigentlich viel zu traurige Sache. Die Geschichte von Anaerob ist dabei schnell erzählt. Die namenlose Protagonistin leidet an einer Autoimmunerkrankung und ist damit gezwungen, zurückgezogen zu leben, und wenn sie doch einmal das Haus gezwungenermaßen verlässt, dann nur als Ausgestoßene mit Maske und Schutzkleidung, denn: jeder Schritt kann tödlich sein. Als jedoch die Pandemie ausbricht, ändert sich alles…
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„Klugsein und lieben kann kein Mensch auf dieser Welt“ – „Die Kluge“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Carl Orff’s einaktige Oper „Die Kluge“ begeisterte schon 1943 die Massen. Nun kehrt die Geschichte, welche auf dem Märchen Die kluge Bauerntochter der Gebrüder Grimm basiert als erste „post-Lockdown“-Opern-Inszenierung ans Gärtnerplatztheater zurück und feierte am 16. Juli erfolgreich ihre Wiederaufnahme. Nachdem der Bauer einen goldenen Mörser findet, bringt er ihn nach Hause und sagt seiner Tochter, der „Klugen“, dass er diesen in Erwartung einer Belohnung zum König bringen will. Seine Tochter warnt ihn davor, dass dem König das Fehlen des dazugehörigen Stößels auffallen wird und er den Bauern für dieses verantwortlich machen und bestrafen wird. So klug wie sie nun mal ist, passiert genau das und die Tochter wird vor den König geführt,…
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Starre und Jubel – „Metamorphosen II“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Nachdem sich das Gärtnerplatztheater mit eigenem Ensemble und Orchester schon mit Methamorphosen I an Ovids Mythensammlung gewagt hatte, kommt mit Methamorphosen II folgerichtig die Steigerung auf die Bretter. Dieses Mal in drei Einzelperformances geteilt, bleibt der Abend erneut bei einer knappen Stunde Spielzeit. Diese reißt das Publikum aber um wie die gesamte Palette des Wetters in diesem Sommer. Vom stimmungsvollen Nieselregen bis zum leidenschaftlichen Sommergewitter ist hier alles dabei! Die erste Performance ist wenig von Tanzchoreographie und viel mehr vom Charakter einer Live-Performance geprägt. Sie beginnt mit einer Moderation, die durch eine Loop Station immer mehr zur Soundcollage der Performance wird. Dazu tanzt ein Performer wie tollwütig, eine andere schiebt stoische…