Die Kunst der Selbstliebe – „Abtauchen und Auftauchen – Kapitel 1“ in den Kammerspielen (Kritik)

Schon beim Betreten der doch recht selten bespielten Unterbühne der Münchner Kammerspiele befindet man sich in der Tiefsee: azurblaue Beleuchtung, ein Krake aus Belüftungshauben und Meeresrauschen aus den Boxen. Zwölf Inseln aus Bänken und Muschel-Teppichen sind darum verteilt, pro Insel darf ein Haushalt Platz nehmen. Stilecht dazu tanzt Sebastian Brandes als glitzernder Tintenfisch Giovanni, sichtlich gelangweilt, auf der Bühne umher. Schon bevor es also losgeht, schauen die Kinderaugen fleißig, was hier gerade passiert – in Erwartung, was da noch kommen mag.

© Sandra Singh

„Abtauchen und Auftauchen“ heißt das zweigeteilte Projekt, dem sich Regisseurin Verena Regensburger angenommen hat. Sie ist an den Kammerspielen längst kein unbeschriebenes Blatt mehr, war sie doch zuletzt für die Spielzeiteröffnung von Barbara Mundel mit „What Is The City?“ am Odeonsplatz verantwortlich. Nun das volle Gegenteil: ein Stück für die kleinen Theaterzuschauer, und dazu noch eine kultträchtige Vorlage: Marcus Pfisters „Regenbogenfisch“. Kapitel 2, der in naher Zukunft folgt, ist eine Lesung für die erwachsenen Interessierten und orientiert sich am Buch „Vampyroteuthis Infernalis“ von Vilém Flusser. Während dieses dann eher für „Erwachsene und Wachsende“ ist, soll sich Kapitel 1 an „Kinder und Junggebliebene“ wenden.

Doch bis es zur bekannten Mär des Glitzerfisches kommt, vergehen rund 30 Minuten. Zu Beginn trifft der gelangweilte Tintenfisch Giovanni auf den alten und weisen Oktopus Veterano (Walter Hess), der ihm Tipps und Tricks gegen Langeweile und für seine Verteidigung und Verwandlung gibt. Stück für Stück erkennt Giovanni, wie einzigartig er ist, wozu er fähig ist, wie wandelfähig, aber auch elastisch seine knochenfehlende Begabung zu nutzen ist. Natürlich nicht ohne spielerisch aktiv zu werden: Brandes geht in der Rolle des jungen Kraken sichtlich auf und macht sich für die Kinder gern zum Affen. Ein wenig Interaktion darf auch nicht fehlen, von der Wasserpistole bis zum Verteilen von Fisch-Gummibären.  Dabei glänzt die Produktion vor allem mit allerlei kreativen Einfällen, die Jung und Alt herzlich auflachen lassen, sei es durch Unterwasser-Yoga oder die Lehre der Versteck-Taktiken von Muschel bis Surfbrett. Selbst vor der Wasserpistole gibt es kein Zurück – das Publikum kommt dann eben doch nicht ganz trocken durchs Meer. Regensburger holt das Maximum heraus, was für Kindertheater unter Corona-Zeiten möglich ist.

© Sandra Singh

Als die beiden Tintenfische dann eine Glasflasche mit dem Buch über den „Regenbogenfisch“ finden, wird die Geschichte eben kurzerhand gespielt. Brandes mimt den kleinen blauen Fisch, eine nordische Version des Seesterns und den weisen Yoda-Guru-Oktopus, der den Regenbogenfisch auf Kurs bringt. Dem wiederum nimmt sich Hess an, der in einem Glitzeranzug umherstolziert und mit amüsant-pampigen Spiel die Kinder zum Lachen bringt. Am Ende überwindet er seinen Stolz, verteilt seine Schuppen und findet sein Glück.

Zauberhafte 45 Minuten bescheren die Darsteller dem Publikum in der verspielten Inszenierung, die zwar manchmal etwas zu quirlig ist, aber vor Ideenreichtum nur so strotzt. Schlussendlich ist Giovanni auch nicht mehr langweilig und die äußerliche Bewunderung des den Regenbogenfisch ist ihm fremd, ist er sich selbst doch von Anfang gut genug. Neid und Begeisterung über äußerliche Schönheit, wo er doch selbst so großartige Eigenschaften hat, braucht er nicht. Eine schöne Moral.

Kritik: Ludwig Stadler