Overthinking – Zoe Wees im Filmcasino (Bericht)

Kaum eine Musikerin war so präsent in den vergangenen zwei Jahren wie Zoe Wees. Die Hamburgerin, die mit „Control“ nicht nur national, sondern vor allem auch international einen großen Hit landen konnte, ist seitdem immer weiter auf dem Weg nach oben und legt auch mit den weiteren Singles wie „Girls Like Us“ nennenswert nach. Nun ist mit „Golden Wings“ ihre erste EP erschienen. Im Rahmen der IAA Mobility holt BMW die aufstrebende Künstlerin für ein intimes Konzert ins Filmcasino. Karten konnte man nur gewinnen, sodass die Gewinner freudig an diesem Freitag, 10. September 2021, auf den Startschuss warten.

© Jeff Hahn

Um 20:45 Uhr betritt Zoe Wees erst die Bühne, als die Temperatur im Filmcasino längst Sauna-Grade erreicht hat. Gemeinsam mit Pianist und Akustik-Gitarrist spielt sie die Lieder nicht in den durchaus überproduzierten Sounds ihrer Singles, sondern stripped-down und unplugged. Das kommt der Stimmung und vor allem den Songs sehr zugute, selbst die etwas unscheinbareren Songs entfalten damit eine wohlige Atmosphäre und bieten Wees Stimme jederzeit viel Raum zu glänzen. Die einerseits gediegene, andererseits auch etwas quirlige 19-Jährige weiß das einzusetzen, indem sie bereits mit „Ghost“ und „Overthinking“ einsteigt. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist fraglos die raue, aber manchmal auch glasklare, dabei immer einzigartige Stimme, die so gar nicht nach Karrierestart klingt, viel mehr nach: bereits vollkommen angekommen. Zumindest mit sich voll im Reinen und schon ein wenig an den Trubel gewöhnt wirkt sie an diesem Abend.

Etwas irritierend sind die rein englischsprachigen Ansagen. Zwar sind sicherlich einige internationale Gäste vor Ort, nichtsdestotrotz ist der absolute Großteil deutschsprachig – witzigerweise hat Hans Zimmer, seit Jahrzehnten Wahl-Amerikaner mit viel mehr englischsprachigen IAA-Fachbesuchern, seine Ansagen zwei Tage zuvor konsequent in Deutsch durchgezogen. Sei’s drum, verstanden wird sie ja vom Großteil und es passt zu dem, was die Plattenfirma schon seit dem Durchbruch von „Control“ um sie herum aufbaut: eine internationale Karriere. Bei all der Liebe zu Musik ist Zoe Wees höchstens privat das Mädchen von nebenan – dahinter stehen Management, Label und Agentur, die das Potenzial erkannt haben und so eine große mediale Präsenz ermöglicht haben. Viel zu oft wird in musikalisch fragwürdige Acts derartiger Aufwand investiert – hier ist der Aufwand mehr als gerechtfertigt.

Rund 60 Minuten spielt Wees an diesem Abend, unzählige unveröffentlichte Lieder, die zwar zumeist zu gefallen wissen, nie aber als wirklicher Hit in Erscheinung treten. Zeitweise verlaufen zu viele Lieder nach Schema F, ein angenehmer Ausbruch dabei ist „That’s How It Goes“, amüsanterweise auch die nächste und kommende Single. Wirklich Potenzial hat dagegen „New York Pretty“, aber wohl mehr als Live-Hit als Radio-Airplay. Wer Zoe Wees allerdings verfolgt, ist bereits über ein Lied von ihr gestolpert, dass genug Potenzial hat, „Control“ vom eigenen Thron zu verdrängen: „Daddy’s Eyes“. Über die Wucht des Songs weiß sie selbst auch Bescheid, passend wandert das Lied als einzige Zugabe in die Setlist und schließt den Abend emotional ab. Was für toller Auftritt einer Sängerin, bei der man genau weiß, dass der vollkommene Sprung durch die Decke nur noch den Absprung entfernt ist. Anlauf genommen wurde schon längst.

Setlist: Ghost / Overthinking / Girls Like Us / Sober / Hold Me Like You Used To / Halloween / Ready To Love / Wait For You (Tom Walker cover) / That’s How It Goes / Rich Kids / I’ll Be Waiting / New York Pretty / Control / Love Me NowZugabe: Daddy’s Eyes

Am 5. April 2022 spielt Zoe Wees im Rahmen ihrer Tour in München. TICKETS gibt es HIER!

Bericht: Ludwig Stadler