Don’t Feel Like Crying – Superbloom 2022 im Olympiapark (Bericht)

Ein neues Festival ist in der Stadt! Nach dem eher weniger glorreichen Versuch, ein Rock-Festival im Olympiapark zu etablieren, versucht sich nun der Veranstalter GoodLive abermals an einem Stadt-Festival in München – aber mit einem völlig anderen Konzept. Da wäre zum einen die Musik, denn die ist vorrangig poppig, tanzbar und greift all das auf, was gerade oder seit etlichen Jahren im Hype ist. Ein wenig erinnert das alles ans Lollapalooza in Berlin (und auch der technische Weg wäre nicht weit, da GoodLive ebenso dieses veranstaltet) – aber das Superbloom Festival, wie das Münchner Festival heißt, will mehr sein. Es soll eben nicht nur Musik geben, sondern auch Podcasts, Comedy, Podiumsdiskussionen, Vereinsinformationen, aber auch Walking Acts, Artists, allerlei lokale Musiker*innen und insgesamt eine Fläche, die die gesamte Bandbreite eines Kultur-Festivals widerspiegelt. Das ist höllisch ambitioniert, durfte aber am 3./4. September 2022 im Olympiapark erstmals erprobt werden. Mit Erfolg!

Rund 50.000 Besucher*innen strömen täglich auf das farbenfrohe Gelände – damit melden die Veranstalter kurz davor noch den Ausverkauf. Ein beachtliches Ergebnis für die Erstauflage, die noch kritisch beäugt wird und vor allem am ersten Festivaltag, dem Samstag, auch nicht alles richtig macht – es hapert noch an der Kommunikation, der Umgang mit dem Unwetter wird kritisiert, wenige Acts müssen ihren Auftritt auch streichen. Das lässt die Gen-Z zwar zu Wutreden auf Instagram auflaufen, doch die Emotionen dürften genauso schnell wieder abflachen. Am Sonntag scheint dagegen den ganzen Tag die Sonne, die Leute sind bestens gelaunt und lassen sich zwischen den etlichen Bühnen und Ständen umhertreiben. Das vermittelt ein angenehmes Gefühl und erlaubt im September dem Sommer noch einmal herauszukrabbeln.

© Superbloom

Das Musikprogramm ist am Ende des Tages aber doch der Punkt, der Tickets verkauft und für den die Mengen in den Olympiapark und zum Superbloom gepilgert sind. Der Spagat ist groß – von großen DJ-Headlinern wie David Guetta, Alan Walker und Calvin Harris ist genauso viel geboten wie aktuelle Durchstarter, z.B. Girl In Red, Willow und Marc Rebillet. Geht man etwas mehr in die künstlerisch orientierte Richtung – überspitzt: Pop für Arte-Zuschauer*innen –, findet man beispielsweise Sigrid, Glass Animals oder den wiederauferstandenen Stromae. Aufgeteilt wird das zugstarke Programm auf drei Bühnen: der Olympic Stage im Olympiastadion, die Bloom Stage in der Olympiahalle und die Super Stage, eine extra errichtete Open Air-Bühne auf dem Tollwood-Gelände. Die Laufwege sind, parkbedingt, nicht die kürzesten und durchaus ist, vorrangig die Olympic Stage, auch mal eine Bühne gesperrt wegen Überfüllung, dennoch ist es kein Hexenwerk, alle Künstler*innen zu sehen, die man sich vorgenommen hat.

Relativ voll ist die Olympiahalle aber bereits bei Willow, hinter der die Tochter von US-Schauspielerin Will Smith steckt. Sie ist schon einige Jahre als Musikerin aktiv, aber mit dem Wechsel zu rockigen Klängen und unlängst einem Feature mit Machine Gun Kelly hat sie eine beachtliche Bekanntheit erfahren. Dementsprechend wohnen viele vorrangig jüngere Bewunderer*innen der Amerikanerin bei ihrem deutschlandexklusiven Auftritt bei. Auf dem Weg zur Super Stage kommen ein paar Minuten vor 15 Uhr Massen entgegen – der DJ Meduza hat gerade sein Set beendet, nun geht es zurück zu Zoe Wees oder Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys auf der Olympic Stage. Vor leider etwas leeren Rängen auf dem Tollwood-Gelände beginnt um 15 Uhr aber die Sängerin Sigrid. Die norwegische Künstlerin überzeugt ab der ersten Sekunde mit einer grandiosen Stimme und vor allem auch Stimmenkontrolle, außerdem mit tanzbaren und mitreißenden Liedern und einer überragenden Band, die die elektronischen Lieder in organische Arrangements verwandelt. Besonders beliebt: „Strangers“ und die Kollaboration mit Bring Me The Horizon, „Bad Life“.

© Justin Sammer

Das Treiben auf dem Hans-Jochen-Vogel-Platz, ehemals Coubertin, nimmt zu, alle wollen noch einmal etwas essen, bevor die ganz großen Acts kommen. Dementsprechend lang sind die Schlangen – doch wenn es an einem hier nicht mangelt, dann Getränken und Lebensmitteln. Sogar kostenlose Wasserstellen gibt es zum Nachfüllen – etwas, was bei vielen Stadionshows längst eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Anschließend führt der Strom ins Olympiastadion, die Band mit dem K tritt auf. Kraftklub spielen zwar gerade einmal 65 Minuten, nutzen diese aber vollends aus und bringen das poperprobte Publikum mit E-Gitarren in Konfrontation. Doch am Ende sind die Chemnitzer ja sowieso poppig und Indie-lastig genug, sodass es bestens mit dem Publikum des Superblooms funktioniert. Auch wenn sie gern größere Punk-Rebellen wären, aber das gibt die Musik nicht her.

© Joshua Sammer

Dann die Erschütterung, erster und zweiter Wellenbrecher im Olympiastadion dauerhaft gesperrt, kein Einlass in den Innenraum, es gibt nur Sitzmöglichkeiten. Die Massen, die zu Macklemore wollen, müssen also erst einmal geduldig warten – bis dahin gibt allerdings Girl In Red in der leider spärlich besetzten Olympiahalle ihr Bestes. „You Stupid Bitch“ und „Girls“ machen gleich zu Beginn klar, dass die junge Sängerin ordentlich treibende Musik mitbringt – zur Freude des Publikums. Der Sound ist tight, die Performance fantastisch. Mittlerweile kommen auch wieder Besucherströme von der Super Stage gen Macklemore im Stadion – Anne-Marie hat gerade ihr Konzert beendet, also ab zum nächsten Radio-Pop-Mitreißer. Einige hundert Menschen bleiben aber auch stoisch vorne stehen, denn der nächste Act ist zugleich der Headliner: Stromae.

Für den Feuilleton und musikinteressierte Kulturverfolger*innen dürfte Stromae schon seit Jahren ein Name sein, seit seinem Musik-Comeback nach sieben Jahren Abstinenz im vergangenen Frühjahr gelang ein beachtlicher Karriere-Push. Lieder wie „Sante“ und „L’Enfer“ wussten absolut zu überzeugen, dazu kommen die Hits wie „Papaoutai“ und „Alors On Danse“. Als einziger Act hat er ganze 90 Minuten, pünktlich um 20:30 Uhr beginnt er also im sich dunkelnden Himmel seine komplette Show. Multivisuell beeindruckend, mit extra produzierten kleinen Filmchen, gelingt dem Belgier eine runde, dramaturgisch oft mitreißende Performance, die dennoch nichts an Herzlichkeit einbüßt – in seinen Ansagen kommt er sympathisch, nahbar und irrsinnig passioniert beim Publikum an. Ein mächtiger Abschluss auf der Super Stage!

Auf der Olympic Stage gibt es derweil Feuer und sogar Feuerwerk – David Guetta gibt Vollgas und hat eine ordentliche Show dabei. Das bringt die Massen zum Tanzen, seine Hits über die letzten 15 Jahre hinweg sowieso. Guetta hat zwar kaum großen musikalischen Anspruch noch ist auf der Bühne viel mehr als er selbst am DJ-Pult, aber in Kombination mit der Show bleibt eine äußerst solide und amüsante Zeit. Die ersten Besucher*innen strömen da sowieso schon glücklich zur U-Bahn, bevor mit dem Stadion-Ende das Verkehrschaos ausbricht. Selbst wenn es am ersten Tag und auch hier und da am zweiten Tag noch Startschwierigkeiten gibt, kann wohl fraglos von einer erfolgreichen Premiere des Superbloom Festivals gesprochen werden. Wir freuen uns Runde Zwei im kommenden Jahr – dann findet das Festival am 2./3. September 2023 im Olympiapark statt!

© Superbloom

Bericht: Ludwig Stadler