Wir wollen in die Großstadt – Provinz im Interview

Kaum eine Band hat in den vergangenen zwei Jahren einen beachtlicheren Raketenerfolg zu verzeichnen als Provinz aus Vogt bei Ravensburg. Die vier Jungs, die zu drei Viertel auch aus einer Familie stammen, haben bereits mit ihrem Album „Wir bauten uns Amerika“ für ordentlich Aufsehen gesorgt, aber auch mit der im Juni 2021 erschienen EP „Zu spät um umzukehren“ dementsprechend nachgelegt. Diesen Sommer sind sie nun erstmals richtig zusammenhängend auf Tour und haben auch am 16. August 2021 im Münchner Olympiastadion Halt gemacht. Ein guter Grund, den Musikern ein paar Fragen zu stellen.

 

Kultur in München: Servus! Ihr spielt jetzt schon das zweite Jahr in Folge im Olympiastadion, dieses Mal sogar direkt darin. Habt ihr eine Traum-Location, bei der ihr sagt: Da wollen wir unbedingt einmal spielen, dann haben wir es geschafft?

Vincent: Wuhlheide in Berlin würde ich gern mal spielen.

Robin: Oder Waldbühne.

Vincent: Ich war selbst nie da, aber ich höre immer nur, wie krass und groß es dort ist. Das wäre mein Ziel.

Leon: Das war letztes Jahr genau das Ding, dass wir da oben [Anm.: seitlich am Olympiastadion, Sommerbühne 2020) gespielt haben und gesagt haben: nächstes Jahr dann im Stadion. Eigentlich nur zum Spaß, und jetzt spielen wir wirklich da.

Kultur in München: Um nicht die übliche Pandemie-Frage zu stellen: Gibt es auch etwas, für dass ihr dem Lockdown und der Zeit darin dankbar seid?

Vincent: Ich glaube, man gewinnt an Teamstärke. Wenn man zusammen durch eine schwierige Zeit geht, ist es schön, wenn man zusammenrücken kann, innerhalb der Band und auch das gesamte Team um uns herum. Die Zeit haben wir auch dafür genutzt, da geht man gestärkt hervor. Dieses Gefühl habe ich aktuell.

Robin: Ich glaube auch, wenn die Pandemie nicht stattgefunden hätte und wir einfach so durchgerusht wären, dass wir ein Stück weit andere Menschen wären, weil wir gar nicht so viel Zeit gehabt hätten, darüber nachzudenken, was eigentlich gerade alles passiert. Deshalb hat das vielleicht ein Stückchen Erdung mitgegeben.

Leon: Und man muss auch sagen, dadurch, dass wir eine Zwangspause einlegen mussten, einfach viel Zeit hatten und die genutzt haben, um die EP zu schreiben. Auch so ist in dem Jahr relativ viel Gutes passiert. Wir gucken jetzt nicht auf das Jahr zurück und denken: Was für ein Scheißjahr.

Vincent: Man darf jetzt aber auch nicht sagen, dass es nur geil war. Und man darf sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Aber die Frage ist wesentlich schöner als andersrum.

Kultur in München: Seid ihr froh, dass ihr nicht umgedreht seid?

Alle: Sehr.

Kultur in München: Der Erfolg gibt euch Recht, trotz der Widrigkeiten. Muffathalle: 3. Januar 2020, es waren etwas über 1.000 Leute da, euer bisher größtes Konzert im Rahmen eines 3€-Festivals – nun spielt ihr fast jeden Abend im Sommer vor mindestens dieser Anzahl, die Fans geben aber das 10fache des Kartenpreises aus und sie kommen alle einzig und allein wegen euch. Was ist das für ein Gefühl?

Alle: So haben wir das noch gar nicht gesehen. Wenn du es so zusammenfasst…

Vincent: Es gibt immer wieder diese Momente, in denen man das realisiert. Wir sind mit dem Nightliner unterwegs und für mich war das immer so eine Sache, bei der man es dann geschafft hat. Das sagt man sich immer, solange man es noch nicht hatte. Irgendwo steckt man aber auch fest drinnen. Aber man betrachtet es auch von außen und sieht das Privileg, dass man so etwas machen darf.

Leon: Ich glaub, dass jeder von uns diese Momente hat, in denen man das versteht. Dass es so unfassbar krass ist.

Kultur in München: Wie ist es für euch, im Nightliner unterwegs zu sein? Die Vorstellung ist ja immer toll, am Ende macht man es ja auch nur, weil es die günstige Art zu touren ist.

Vincent: Stimmt, wir waren davor mit zwei Sprintern unterwegs. Mit Hotel und allem war es dann am Ende gleich teuer. Aber es macht schon eine Menge Spaß.

Leon: Und es bringt den riesigen Vorteil, dass man besser schläft, zumindest geht es mir so. Außerdem kommt man morgens in der nächsten Stadt an, du stehst auf und bist sofort da. Das ist eine große Entlastung. Aber du weißt manchmal auch nicht, wo du gerade bist.

Kultur in München: Ihr spielt ja schon sehr lange zusammen, immer wieder in anderen Formationen. Denkt mal an die Zeit zurück, in der ihr angefangen habt, gemeinsam Musik zu machen, als „Twice“.

Robin: Was waren wir für eine Riesenband damals (lacht).

Kultur in München: Denkt mal an eure erste Probe, und ihr von damals könntet euch jetzt im Olympiastadion spielen sehen.

Vincent: Das Witzige ist ja: Wenn du sagst erste Probe, dann finden wir in unseren Köpfen nichts (lacht).

Robin: Natürlich haben wir uns irgendwann gegründet… Oder was heißt Gründung, zu keinem Zeitpunkt wussten wir, was wir tun. Wir haben uns „Twice“ genannt, weil man das halt so macht, es brauchte einen Bandnamen. Und wir waren zu zweit. Dann kam Mosse dazu, also „feat. Mo“, aber das war alles reiner Spaß. Dann haben wir uns „Provinz“ genannt und ich weiß noch, dass ich meinen Dad gefragt habe, der den Namen echt kacke fand. Provinz ist doch total negativ. Aber wir fanden es gut, also haben wir es gemacht. Dass dieses Provinz-Ding dann so viel ausmacht von unserem Image, hätten wir nicht gedacht. Also dass sich die Leute auch so identifizieren damit.

Leon: Das hat sich eigentlich auch entwickelt durch Interviews. Als das erste Mal gefragt wurde, wieso wir Provinz heißen, haben wir erst angefangen, darüber nachzudenken.

Kultur in München: Man weiß auch nicht genau, was dahintersteckt. Ist es eine Band, ein DJ?

Robin: Oder eine Blaskapelle (alle lachen).

Vincent: Gestern waren wir auf einem Festival in Weißenburg, die Leute waren da was anderes gewohnt, alle in Tracht und Lederhosen. Die standen dann auch auf den Bierbänken und wollten eher Blasmusik oder so Schunkelmusik.

Robin: Aber da hat Provinz gespielt. Es hätte auch einfach eine extrem passende Band da spielen können, die genauso heißt, aber völlig da hinpasst und auch hinwill.

Vincent: Bei „Reicht Dir Das“, wo es ja echt emotional wird, haben die ihre T-Shirts ausgezogen und total mitgemacht (lacht).

Kultur in München: Um mal etwas auf die EP einzugehen: ein Song darauf heißt „Ich will nicht in die Großstadt“, damit habt ihr ein wenig die Dorfversion geschaffen von Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“. Die Chemnitzer wohnen auch immer noch dort – denkt ihr, dass ihr irgendwann in die (Groß-)Stadt abwandert?

Leon: Eigentlich haben wir den Plan schon relativ lang, nach Hamburg oder Berlin zu ziehen, einfach, weil wir auch mal ein wenig rauswollen. Das ist nur durch die Pandemie aufgeschoben worden, der Plan besteht nach wie vor noch. „Großstadt“ kam eher aus dem Gefühl heraus. Im Lockdown war es für uns relativ entspannt, zuhause zu sein, da wir sonst immer pendeln zwischen Stadt und Dorf.

Vincent: Ich find das Dorf- und Kleinstadtleben schon geil. Ich mag das sehr und fühle mich da auch wohl, das tun wir alle. Es ist eine Komfortzone, man hat seine Leute und kennt jede und jeden. Alle behandeln einen gleich und man macht die immer gleichen Sachen an den immer gleichen Orten. Trotzdem ist es wichtig, dass man da auch rauskommt. Wir sind ja schon viel weg und unterwegs, aber man freut sich doch immer zurückzukommen.

Robin: Das Dorf ist einfach Sicherheit, während die Stadt Unsicherheit ist. Trotzdem muss man sich das trauen, man braucht etwas Unsicheres. Nur in seinem behüteten Nest bringt einen nur bis zu einem gewissen Punkt.

Leon: Bei uns ist ja grad so der Move, dass viele innerhalb des Dorfs in die eigene Wohnung ziehen. Das verstehe ich so gar nicht.

Robin: Oder man zieht bei sich zuhause einfach in die Wohnung drüber. Immerhin spart man sich die Miete (lacht).

Kultur in München: Fangirl-Frage aus der Redaktion: Was ist eigentlich mit „Weit Weg“ passiert, den ihr im letzten Sommer in der Setlist hattet? Wird der noch irgendwo auftauchen?

Vincent: Ich glaub, wir haben was vor mit dem.

Robin: Vielleicht haben wir ja auch vor, dass wir nichts mit ihm vorhaben.

Mosse: Oder wir haben was vor, aber wissen nicht, ob wir was vorhaben.

Vincent: Wir haben was vor? (alle lachen)

Robin: Wir haben’s versucht, kryptisch zu halten. Hat nicht funktioniert (lacht).

Kultur in München: Ihr spielt heute in München. Sicher keine unbekannte Stadt für euch, neben Zürich auch die nächste „Großstadt“ in eurer Nähe. Gibt es etwas, was ihr mit München verbindet – persönlich oder als Band?

Leon: Fußball.

Vincent: Ich bin Anti FC Bayern, muss ich sagen.

Robin: Ist eine der größten Charakterschwächen, nach wie vor (lacht).

Vincent: Da gibt’s immer große Dispute. Aber unser Manager wohnt auch hier, deshalb sind wir manchmal hier. Das verbinde ich auch damit. Es ist auch nicht meine Lieblingsstadt.

Leon: Es ist auch nicht so, dass wir oft in München sind. Nur, wenn wir spielen, wenn wir ein Meeting haben, aber sonst…

Robin: München sticht im Vergleich zu anderen Städten schon ein bisschen raus. Weil es doch anders ist – geografisch, der Dialekt. Düsseldorf, Essen, Bochum – das sind sehr ähnliche Städte, München ist da doch anders.

Leon: München ist eigentlich der Vorort von Berlin. Berlin ist dieses richtige Stadtleben, wie man es sich vorstellen, wenn man vom Land kommt – in München ist es etwas die abgeschwächte Variante.

Kultur in München: Guckt man auf euren Tourplan, sieht man einen riesengroßen Haufen verschobener Konzerte, mittlerweile sind es drei Tourneen und allein in München vier Daten – Backstage/Technikum im Herbst 2021, TonHalle im März 2022 und im April 2022 eure eigentlich allererste Tour im Zehner mit 120 Leuten. Befürchtet ihr, dass da eine Übersättigung eintritt?

Leon: Wir haben schon Respekt davor, weil uns die Tour-Erfahrung auch fehlt. Diese Sommer-Tour ist die erste Tour, die wir so richtig haben. Aber weil wir jetzt schon so lange auf die erste Tour warten, haben wir natürlich unfassbar Lust. Ob wir uns überschätzt haben, werden wir sehen. Ich denke, wir kriegen es hin.

Kultur in München: Das schöne ist auch, dass ihr die kleinste Tour zum Schluss habt.

Vincent: Ich freu mich sogar am meisten auf die kleine Tour, weil es einfach so wild wird, mit den Leuten, die uns von Anfang an unterstützen. Für uns war das damals ein riesiger Erfolg, dass wir das ausverkauft haben. Da freu ich mich drauf und finde es auch toll, dass wir es nicht fusioniert haben mit einer großen Tour.

Kultur in München: Zuletzt ein Ausblick in die Zukunft. Was steht bei euch, abgesehen von den verschobenen Tourneen, an? Mit „Verrate deine Freunde“ und „Zwei Menschen“ habt ihr sogar zwei neue Songs im Sommerprogramm – ist das eine Vorschau auf etwas?

Vincent: Wir haben viel geschrieben in der letzten Zeit. Und wenn wir Bock haben auf diese Sachen, dann spielen wir die live, schauen, wie sie ankommen. Manchmal, wenn etwas besonders gut ankommt, merken wir uns das und überlegen uns, es auf ein potenzielles zweites Album zu packen.

Kultur in München: Vielen Dank für das Interview!

Provinz kommen 2021/2022 zurück nach München!

8. November 2021 – Technikum (ausverkauft!)
9. November 2021 – Backstage Werk (ausverkauft!)
15. Februar 2022 – TonHalle (Resttickets HIER!)
14. April 2022 – zehner (ausverkauft!)