Ein kleines bisschen Revolution – Hamilton in Hamburg (Kritik)

Es gibt kleine, unscheinbare, gar leise Premieren von Stücken, die nur einen kleinen Kreis an Interessierten ansprechen – und dann gibt es eine Premiere wie vom Musical „Hamilton“ in Hamburg, die sogar von der New York Times gespannt begleitet wird. Kein Wunder, denn es ist nicht nur die Erstaufführung in Deutschland, sondern auch zugleich in Deutsch. Was sonst kaum ein Schulterzucken wert ist, kann bei so einem textbasierten Werk wie „Hamilton“ über Scheitern und Gelingen entscheiden, denn gerade wegen des durchgetakteten, perfekt umgesetzten Librettos in Kombination mit der Musik ist das Musical zum derzeit weltweit erfolgreichsten avanciert. Nun also das allererste Mal nicht in Englisch – und die Musical-Welt sieht gespannt nach Hamburg. Am 6. Oktober 2022 im Operettenhaus fand die Premiere statt.

© Johan Persson

Dass es eben nicht eine von vielen Premieren ist, zeigt allein schon die persönliche Anwesenheit von Lin-Manuel Miranda, den Komponisten und Erschaffer des Werks, der unlängst schon zum Hollywood-Star und zu einem der weltweit gefragtesten Musikerschaffer wurde – auch die Soundtracks zu „Vaiana“ und „Encanto“ stammen beispielsweise aus seiner Feder. Bereits im Vorfeld wurde den skeptischen Hamilton-Fans aber etwas Wind aus den Segeln genommen, denn der im Juni vorgestellte Cast für Hamburg ist so extrem gut gewählt, dass ein Scheitern eigentlich nur noch an der Übersetzung möglich wäre. Das Bühnenbild ist statisch und orientiert sich zwangsläufig an dem Vorbild am Broadway und dem West End – das schließt die doppelte Drehbühne mit ein, die auch in Hamburg wirkungsvoll bei u.a. „Satisfied“ eingesetzt wird.

„Satisfied“ ist auch das Lied, welches nicht nur Gründervater Miranda besonders hervorhebt, es steht auch stellvertretend für den größten Punkt: eine wirklich, wirklich gelungene Übersetzung! Die Macht einer Musik ist das eine, sie ist besonders bei so einem Hip-Hop-basierten, ausgepegelten Musical wie „Hamilton“ unantastbar, aber in Kombination mit einem zielsicheren Text, ist die Wirkung schier unaufhaltbar. Tatsächlich wurden die rund 50.000 Worte nicht wörtlich übersetzt, sondern sinntechnisch und auch durchaus eigenständig – einschließlich netter Anspielungen. Passagenweise entscheidet man sich auch einfach für den Original-Text, wie direkt bei der wuchtigen Eröffnungsnummer: „In New York you can be a new man“, während Benet Monteiros Hamilton „Wart’s nur ab!“ im Hintergrund skandiert. Klingt komisch – passt perfekt!

© Johan Persson

Monteiro ist es auch, auf den dank der Titelpartie alle Augen und Ohren lasten – und er bietet einen grandiosen, erst jugendlich-übermütigen, anschließend lasterhaft-ruhenden Hamilton dar, der mit einer Wucht, Bühnenpräsenz und stilistischen Können überzeugt, die seinesgleichen sucht. Spannenderweise ist genau das auch zu sagen über das restliche Ensemble: Gino Emnes gibt einen tollen und vor allem schauspielerisch herausragenden Aaron Burr, Ivy Quainoo überzeugt als Eliza auf ganzer Linie und selbst die wirklich herausfordernde Lafayette/Jefferson-Doppelrolle wird von Daniel Dodd-Ellis wunderbar abgedeckt. Besonders erwähnenswert: Chasity Crisp mit ihrer so eindrucksvollen Interpretation der Angelica. Wer bei „Satisfied“ ohne Tränen durchhält, sollte an der eigenen Empathiefähigkeit zweifeln.

Natürlich gibt es auch noch kleine Holpersteine, die üblichen Ecken und Kanten. Nicht immer geht die deutsche Übersetzung auf, auch die Plenarsitzungen im Stil von Battle-Rap wollen in der deutschen Übersetzung einfach nicht so recht zünden. Aber das ist ein wirklich niedriger Abstrich, denn Ensemble-Leistung, Choreografie, Bühne, Live-Band und auch die Übersetzung zünden und sind alle auf so einem hohen Niveau, dass man gebannt und gefesselt aus dem knapp dreistündigen Aufenthalt in die Reeperbahn entlassen wird. „Hamilton“ auf Deutsch war Risiko, Stage Entertainment hatte nur diesen einen Schuss – und haben ihn versenkt.

Kritik: Ludwig Stadler