Ein Traum ohne Anfang und Ende – „Die Päpstin – Das Musical“ im Deutschen Theater (Kritik)

In gewisser Weise ist es ein durchaus befreiendes Gefühl, die vielfach verschobenen Konzerte und Produktionen endlich stattfinden zu sehen. Einer dieser Kandidaten war auch „Die Päpstin – Das Musical“, welches ursprünglich für Juli 2020 angesetzt war und nun endgültig nach der vierten Verschiebung endlich im Deutschen Theater München am 6. April 2022 vor vollem Haus Premiere feiert. Die Stimmung ist vorfreudig, optimistisch, auch ob der nicht mehr vorhandenen Regelungen,

© Michael Böhmländer

Sportlich ist allerdings die angesetzte Laufzeit: über drei Stunden. Am Ende werden es knapp 3,5h gewesen sein, um kurz vor 23 Uhr leert sich der Saal. Dieses Sitzfleisch muss vorhanden sein, wird aber auch belohnt mit fantastischer Musik und einer Geschichte, die unlängst schon in Literatur & Fernsehen Einzug gehalten hat. Die Sage von der Päpstin Johanna ist eine lang bestehendes – ob und wie sie der historischen Wahrheit entspricht, bleibt umstritten, nichtsdestotrotz ist es mindestens eine schöne Anekdote über die Rückständigkeit der katholischen Kirche. Erschreckend ist dabei der Vergleich zum heutigen Tage: während sich die Welt weiterentwickelt, versteht, akzeptiert, könnte das Abbild der Kirche im Musical auch das Abbild der Kirche in der heutigen Zeit sein. Erschreckend, verbildlicht zu bekommen, was irgendwie jedermann und jederfrau schon klar ist.

© Michael Böhmländer

Sonderlich subtil kommt das alles natürlich nicht daher, aber das muss es auch nicht – das Musical ist voller musikalischer Höhepunkte, eingebunden in eine harmonische Inszenierung. Selbst wenn die Dialoge gelegentlich etwas holpern, ist es ein zu verzeihender Makel – die Passion der Schauspieler*innen macht es wett. Ein Augenmerk fällt natürlich von Beginn an auf die Besetzung, die sich wie ein Best-Of der Musicalsparte liest: Misha Kovar, Patrick Stanke, Kevin Tarte, Chris Murray, Felix Martin – selbst die kleinsten Rollen werden äußerst namhaft besetzt. Das zeichnet sich am Ende vor allem in der gesanglichen Leistung aus: man kann sich gar nicht entscheiden, wer nun am meisten überzeugt hat – Misha Kovar als Päpstin Johanna in ihren schwierigen, aber großartigen Solis? Patrick Stanke als Gerold, der immer wieder mit glasklarer Tenor-Stimme begeistert? Oder Felix Martin als Bruder Rabanus, der zwar nur wenige Minuten Stagetime und ein einziges Lied hat, aber darin so überwältigt, dass ihm der größte Applaus des Abends gebührt?

Es ist ein Feuerwerk grandioser Musicalstimmen, eingebettet in einer angenehm zu folgender Story mit unangenehmen Inhalten. Zwar verliert sich das Musical in der zweiten Hälfte etwas in Längen, punktet dafür dort mit den stärkeren Songs. Am Ende steht das Münchner Publikum in rasender Schnelle zu Standing Ovations auf, diese Leistung will geehrt werden – völlig zurecht. Wenn jetzt noch die Musik live gespielt worden wäre, hätte es wohl den letzten Kick zu einem der gelungensten deutschen Musical-Stücke des letzten Jahrzehnts gegeben – so bleibt ein wunderbares Ereignis mit etwas Luft nach oben. Fraglos eine Empfehlung.

Die Päpstin – Das Musical: noch bis Sonntag, 10. April im Deutschen Theater!

Kritik: Ludwig Stadler