Pawns & Kings – Alter Bridge im Zenith (Bericht)

Sie haben es wieder getan! Die beiden begnadeten Songwriter, Sänger und Gitarristen Myles Kennedy und Mark Tremonti haben sich im Studio verschanzt und ein neues Album unter der Flagge ihrer gemeinsamen Band Alter Bridge herausgebracht. Und selbst wenn die Solo-Engagements der Musiker ebenso äußerst erfolgreich funktionieren, ist es dennoch die Symbiose dieser beiden Riffmaschinen, die auch „Pawns & Kings“ wieder eine wahre Wucht an moderner Rockmusik werden lassen. Der „Rolls Royce unter den Alter Bridge-Alben“, wie eine Album-Rezension geschrieben hat – und der möchte ausgefahren werden. Wunderbar bietet sich da schon die fast traditionelle Europa-Tour an, die zum Release folgt und auch ihren ersten Abstecher nach München seit 2019 datiert. Am 22. November 2022 gastieren sie im Zenith – gemeinsam mit Mammoth WVH und den mächtigen Halestorm.

Arg früh, um 18:55 Uhr, verdunkelt sich bereits das noch eher verhalten gefüllte Zenith, als Mammoth WVH die Bühne betreten, angeführt von Frontmann Wolfgang Van Halen, dem Sohn des erst 2020 verstorbenen Eddie Van Halen. 2021 erblickte dann aber sein eigenes Projekt so richtig das Licht der Welt, wenngleich der Bandname natürlich identisch mit dem ursprünglichen Namen der legendären Van Halen ist (in denen Wolfgang bereits mit gerade einmal 16 Jahren mitgespielt hat!). So schlägt der Musikerstar-Sprössling zumindest eine Brücke, um gleich richtig zu starten – und das lohnt sich, denn die Lieder sind astrein auskomponiert, machen ordentlich Laune und stacheln auch die Menge zu so einer frühen Uhrzeit zu immer mehr Begeisterung an. Seine Band sieht zwar teilweise so aus wie ein zusammengewürfeltes Potpourri aus allerlei Musikgenre-Klischees, zeigt sich aber spielerisch auf allerhöchstem Niveau. Der Sound tut sein Übriges und so vergehen die rund 35 Minuten viel zu schnell. Wolfgang Van Halen feiert einen würdigen München-Einstand. Auf dass das nächste Mal bald komme!

Setlist: Mammoth / Mr. Ed / Epiphany / Think It Over / Distance / You’re To Blame / Don’t Back Down

Alter Bridge haben ein Händchen dafür, sich immer einen besonders namhaften Special Guest als Support einzuladen, seien es 2016 Gojira, 2019 Shinedown oder dieses Jahr: Halestorm. Die Rock-Gruppe rund um Sängerin und Gitarristin Lzzy Hale ist offensichtlich nicht bei allen Gästen auf dem Radar – doch das ändert sich ab dem ersten Ton der Amerikaner*innen. Wer sie einmal gesehen hat, weiß: hier handelt es sich um eine der besten Live-Bands dieses Planeten – ohne jegliche Übertreibung. Wie unfassbar eingespielt sich die vier Musiker immer wieder präsentieren, wie humorvoll und beeindruckend das Drum-Solo von Arejay Hale jedes Mal ist, es begeistert vollends. Außerordentlich überragend ist dabei natürlich die Frontstimme von Lzzy Hale selbst, die auch an diesem Abend wieder in die Vollen gehen darf und in Klassikern wie „Love Bites (So Do I)“ und neuen Liedern wie „Back From The Dead“ in höchste Höhen streifen darf. Halestorm kann man schwer beschreiben, man muss sie live erlebt haben, um zu verstehen, was für ein unfassbares musikalisches Gebaren sich offensichtlich jeden Tag auf der Bühne abspielt, wenn die vier Musiker*innen sie betreten. Hut ab für viel zu kurze, aber im höchsten Maße eindrucksvolle 50 Minuten!

Setlist: The Steeple / Love Bites (So Do I) / I Get Off / Mayhem / Mine / Familiar Taste Of Poison / Back From The Dead / Wicked Ways / I Miss The Misery

© Chuck Brückmann

So unfassbar stark Halestorm auch sind: sie sind eine undankbare Vorband. Dagegen anspielen klappt nur schwerlich – und so haben Alter Bridge um 21:10 Uhr mit ihrem Opener „Silver Tongue“ durchaus einen schwermütigen Start: schrecklicher Sound, wenig Bewegung und eine etwas zu ausufernde Lichtshow. Zum Glück pendeln sich alle diese Punkt recht schnell ein und wenden sich zum Guten, vor allem der Ton in der bekanntlich komplizierten Akustik des Zeniths passt sich den starken Abmischungen der Vorgänger-Bands an und klingt spätestens ab „Before Tomorrow Comes“ astrein. Selbst wenn Geschwindigkeit und Komprimiertheit der Songs nicht an den treibenden Rhythmen der beiden Vorgänger rankommt, weiß das Quartett mit anderen Stärken zu überzeugen: Mark Tremontis außerordentlich starkes Gitarrenspiel und selbstverständlich Myles Kennedys glasklare und immer wieder überraschend definierte Stimme. Diese Dinge wissen auch an diesem Abend vollends zu funktionieren – der Jubel ist zurecht groß.

Auch die Setlist, die Alter Bridge in letzter Zeit gerne einmal fleißig durchwechseln, trifft in München genau die richtige Stimmung: es folgen laute, rifflastige Lieder den großen Hymnen, alle bombastischen Endlosnummern wie „Blackbird“, „Cry Of Achilles“ oder „Pawns & Kings“ sind vertreten, aber ohne sie so anzuordnen, dass das Publikum völlig übersättigt wird. Stattdessen gibt es das lange nicht gespielte „My Champion“ zu hören, außerdem ein großartiges „Waters Rising“ mit Tremonti an Lead-Vocals, und selbstverständlich auch die Klassiker wie „Metalingus“ und „Rise Today“. Besondere Highlights: das eingängige „Broken Wings“ einschließlich großer Mitsing-Chöre und die aktuellste Single „This Is War“, welche all das kombiniert, wofür die Band so bekannt ist: fantastischer Gesang, mächtige Gitarren-Riffs und Melodien, die unter die Haut geben. Damit punkten sie auch mit ihrem München-Einstand, den sie nach rund 95 Minuten mit „Open Your Eyes“ abschließen. Kennedy und Tremonti in Kombination sind eine Wucht – und in Kombination mit den grandiosen Halestorm bieten sie einen Konzertabend, der die Besucher*innen spüren lässt, was handgemachte Rock-Musik auf der Bühne auslösen kann: pure Euphorie.

Setlist: Silver Tongue / Addicted To Pain / Before Tomorrow Comes / This Is War / Broken Wings / Wouldn’t You Rather / Isolation / Waters Rising / Pawns & Kings / My Champion / Metalingus / In Loving Memory / Blackbird / Rise TodayZugaben: Cry Of Achilles / Open Your Eyes

Bericht: Ludwig Stadler