L.O.V.E. – Leoniden in der Muffathalle (Bericht)

Eigentlich war das Konzert der Leoniden 2020 einst noch zu ihrem Zweitwerk „Again“ gedacht, mittlerweile – wie es nicht gerade selten der Fall ist – wurde daraus eine Tour zum neuesten Album, dass in der Pandemie entstanden ist. In diesem Fall ein Glück, denn „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“, wie der Drittling der Kieler Indie-Rocker heißt, ist ein wahres Feuerwerk an grandiosen Melodien, Kompositionsfreude und mitreißenden Songs. Am 24. August 2022 gastieren sie damit nun in der seit zwei Jahren ausverkauften Muffathalle – die Fans haben aber brav das Ticket behalten und pilgern relativ vollzählig zum Konzert trotz Urlaubszeit.

Zuvor gibt es mit Blush Always eine Standard-Supportband der Leoniden. Katja Seiffert steht hinter dem Projekt, ebenfalls aus Kiel und ebenso im Indie angesiedelt. Im Gegensatz zu ihren Heimatort-Kollegen setzt sie aber mehr Wert auf Schwermütigkeit in der Gitarre und weniger auf den puren Partyfaktor. Mit ihrer Single „Virtual For You“ geht sie dann aber doch einen Schritt weiter und liefert einen fetzigen Rocksong mit einer irrsinnig eingängigen Melodie ab – ein starker Vorbote von „You Deserve Love“, ihrem ersten Album, dass im Februar das Licht der Welt erblicken wird. Insgesamt ist der Auftritt noch etwas zu zäh, aber absolut passend als Startschuss für den Abend.

Der Kontrast wird klar, als Lime Cordiale um 20:45 Uhr die Bühne entern und mit einem Feuerwerk aus Beatles-Gedenk-Kostümen und -Frisuren, aufgedrehtem Auftreten und einer beachtlichen Instrumenten-Vielfalt durch ihr 30-minütiges Set führen. Ihre Musik selbst klingt in erster Linie wie Indie aus dem Kompositionshandbuch, handwerklich einwandfrei und verziert mit Posaune, Klarinette und Piano, aber erst durch ihre extrovertierte und völlig überzogene Performance gewinnen die Lieder wirklich stark an Wert. So fangen die beiden Frontmänner, nicht nur Brüder im Geiste, sondern auch im richtigen Leben, an sich zu raufen, anschließend schreien sie lautstark ihren Nachnamen durch die Gegend, gefolgt von einem Schlagzeugsolo, dass in einem Jam endet, der in die wilde Westernzeit in den Saloon zurückführt – mit der dementsprechenden Gestik und Mimik. Die Verbindung aus Musik und Entertainment geht perfekt auf und macht mächtig Spaß, wenngleich eine Beschreibung davon schwer möglich ist. Überzeugen davon kann man sich wieder am 10. Oktober 2022, wenn sie ins Strom kommen.

© Joseph Strauch

Allzu lange lassen die Leoniden nicht auf sich warten, aber dennoch ist es bereits 21:45 Uhr, als sie die vollgepackte Bühne betreten. Die erste Überraschung gleich zu Beginn: ihr Intro spielen sie live, bevor sie zum Opener „Colorless“ übergehen. Das Publikum ist von Beginn an absolut enthusiastisch dabei, eröffnet schnell einen Moshpit und lässt diesen über die Dauer des Konzerts auch noch so extrem wachsen, dass er bisherige Größenordnungen von Pits in der Muffathalle problemlos toppen kann. Die Band reißt mit, die Songs sind eine Wucht und dadurch, dass sie, gesegnet mit grandiosem Sound, auch live diese Lieder in schierer Perfektion darbieten, gelingt es ihnen wunderbar, die Münchner*innen auf ihrer Seite zu haben. Ihre Performance, die von Band-Seiten kaum mehr Bewegung beinhalten könnte, tut ihr Übriges – da stehen Musiker*innen auf der Bühne, die ihre eigenen Melodien offensichtlich über alles lieben und froh sind, diese mit anderen teilen zu dürfen.

Doch so technisch perfekt und makellos der ganze Auftritt auch ist, bleibt am Ende ein Manko: zu viele Instrumente. Das klingt irrsinnig, aber dadurch, dass die Leoniden den Anspruch haben, all ihre Sounds völlig live zu erzeugen und nicht auf Backing-Tracks und Playback-Sounds zurückzugreifen – ein äußerst löblicher Weg –, besteht ihre Bühne faktisch nur aus Instrumenten und vor allem steht inmitten des Zentrums ein großes Soundpult, an dem Frontmann Jakob und Key-Mann Djamin einen Großteil des Sets verbringen. Das drosselt ein wenig die Euphorie des Publikums, ebenso der Ansatz, selbst Interludes live darzubieten. Einerseits einzigartig, andererseits vielleicht mit Grund einzigartig. Mit ihrem abschließenden und ausufernden Jam bei „Nevermind“ in der Zugabe nutzen sie all die Instrumentarien aber wiederum auch genauso, wie man sie bei einem aufgeheizten Publikum nutzen sollte: zum Antreiben, zum Eskalieren, zum Tanzen – doch in manchen Momenten zuvor ist weniger vielleicht doch mehr. In jedem Fall geht nach 90 Minuten ein schweißtreibender Auftritt zu Ende, der die lange Wartezeit entschädigt haben dürfte.

Setlist: Colorless / Dice / New 68 / Freaks / Funeral / River / People / Wheatus-Cover-Medley / Home / Smile / Blue Hour / 1990 / L.O.V.E. / Alone / KidsZugaben: Intro (Stuck On Repeat) / Paranoid / Nevermind / Sisters

Bericht: Ludwig Stadler