Exilliteratur auf der Kammerbühne – Wartesaal in den Kammerspielen (Bericht)

Sturm ist der Applaus, am Samstag Abend, 25. November, nach reichlichen drei Stunden Uraufführung.
„Wartesaal“, nach dem Roman „Exil“ von 1939, wurde in den Münchner Kammerspielen in der Kammer 1 zum Besten gegeben.

© Arno Declair

Lion Feuchtwanger, vermutlich eher bekannt als Autor des nachträglich pervertierten Stoffes „Jud süß“, wusste wovon er sprach. Er selbst lebte im Exil in Frankreich. Ebenda hin lädt „Wartesaal“ seine Zuschauer ein.
An Bedeutungsebenen wird schon beim Bühnenbild nicht gespart. Vollgestopft mit Symbolik, zeigt sich eine Bahnhofshalle, deren geflieste Optik unweigerlich auch an einen Käfig erinnert, zeitweise aber auch die Redaktionen der Pariser Nachrichten, die im Stück keine unbedeutende Rolle spielen. Aber auch das kleine Schlafzimmer des Ehepaars Trautwein taucht von Zeit zu Zeit auf und gleitet dann wieder in den Bühnenboden. Wie in einer Licht-Dia-Show werden verschiedene, sich letztlich überschneidende Schicksale erzählt, in immer neuen kurzen Situationen verstrickt sich die Handlung langsam. Erzählt ist hier wörtlich gemeint, denn zumeist sprechen die Schauspieler in der dritten Person über die eigene Figur. So entsteht eine Zurückhaltung, eine Distanz, vielleicht eine objektive Ebene, von der aus die Lebenssituationen jener im Exil Wartenden betrachtet werden kann.

© Arno Declair

Durch die Live-Videos von Ute Schall können nicht nur die Gesichter der Schauspieler eingefangen werden. Es entstehen auch Parallelhandlungen; dass jede Entscheidung (buchstäblich) auf verschiedenen Ebenen mannigfaltige Folgen nach sich zieht, wird so sehr treffend dargestellt.
Leider wirkt die Anordnung jener schnell und dicht folgenden Auf- und Abgänge zuweilen etwas unentschieden, sodass die Gefahr eines Kommen-und-Gehens von immerhin 15 Schauspielern entsteht.
Trotz dieser Fülle schafft es die Inszenierung, den Figuren mit ihren individuellen Motivationen, religiöser, sexueller, politischer… Art, zügig und treffend ein Profil zu verleihen, ohne plakativ zu werden.

© Arno Declair

Samouil Stoyanov gibt den Musikprofessor Trautwein, der eher aus Versehen, aber doch mit zunehmendem Nachdruck politischen Exil-Journalismus betreibt. Dabei erfüllt er die Rolle, reißt den Zuschauer aber nicht aus seinem Sessel vor Mitgefühl. Vor allem sieht man nach dem einen oder anderen Kammerspiel-Besuch aber eher den Schauspieler als die Rolle, da Stoyanov sehr einprägsam ist in seinem ganzen Habitus.
In Erinnerung bleibt das Trio um Lea Chasseffierre (Julia Riedler). Als Femme Fatale überzeugt sie ebenso wie Daniel Lommatzsch. Ihm sprechen die Zuschauer bei der Zigarette in der Pause bereits zu, „einfach auf die Rolle des bösen Nazis“ zu passen. Das ist nicht eben schmeichelhaft, aber auch nicht abzustreiten.
Vom „gemeinsamen Sohn mit rassentechnisch fraglichem Hintergrund“ war ich persönlich aber dann am meisten geplättet: Niklas Herbert Wetzel, Student im 2. Jahr an der Falkenberg, wirft sich mit voller Hingabe in die Rolle des stahlharten Karrieristen und Jungnazi. Dabei ist er adrett und angsteinflößend zu gleich.

Zwischen hektischem Druck und Lähmung variiert der Rhythmus des Stückes und vermittelt so einen Eindruck, wie es sich anfühlen könnte im Exil, nicht zurück zu können, aber auch nicht noch weiter weg zu wollen.
Die wichtigen Fragen eines solchen Daseins werden also treffend verhandelt. Dass diese Verhandlung bereits der Textvorlage innewohnt und nicht allein der Inszenierung von Stefan Pucher zu verdanken ist, liegt auf der Hand.
Die Uraufführung bietet die volle Bandbreite technischer und multimedialer Möglichkeiten. Sie ist auch stimmungsvoll, wenngleich auch keine Explosion der Spannung, natürlich nicht, wer wird in einer Bahnhofshalle schon exzellent unterhalten?

Ich hätte mir dennoch stärkere Bilder gewünscht, energiegeladenere Momente, die den Druck, die Verzweiflung, die Unsicherheit, den Lagerkoller im Exil, zwischen den Figuren für mich als Beobachterin spürbar machten statt nur davon zu erzählen.

Bericht: Jana Taendler