Erdrotation – Die Kassierer im Backstage Werk (Bericht)

Eines der letzten aktiven Urgesteine des Deutschpunk, die seit nunmehr 37 Jahren konstant den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn in beide Richtungen überschreiten, das sind Die Kassierer. Während Bands wie die Toten Hosen oder die Ärzte mittlerweile in regelmäßigen Abständen sogar auf dem Oktoberfest zu hören sind, bleiben die vier Mannen aus Wattenscheid sich treu und liefern bis heute eine Mischung aus Kultur, Alkoholverherrlichung und Obszönitäten in Bild und Ton. Am 28. Oktober sind die Ruhrpottveteranen zusammen mit Die Dorks im Backstage Werk München zu Gast.

Bereits zum Einlass bildet sich eine lange Schlange vor den Pforten des Backstage, wahrscheinlich auch, weil direkt neben dem Eingang des Werks direkt die Bar zu finden ist, an der heute möglicherweise rekordverdächtige Summen über den Tresen gehen. Die Stimmung ist hervorragend und das Werk bereits gut gefüllt, als die Dorks aus dem wunderschönen Marktl am Inn, Geburtsort von Pabst Benedikt XVI, die Bühne betreten. Selbst bezeichnen sie ihre Musik als Mischung aus Bach, Slayer und Wizo, letztendlich lassen sie sich musikalisch aber recht eindeutig dem Punk zuordnen. Mit ihren recht deutlichen, politisch motivierten Texten sind sie fast eine Spur zu „ernst“ für das Vorprogramm der Ironie-lastigen Kassierer, ihr „Södolf“ T-Shirt am Merchandise trifft den Geist der Veranstaltung dafür umso besser. Alles in allem kommt das Dreigespann gut an, das im Durchschnitt bereits leicht betüdelte Publikum ist dazu noch definitiv ein dankbares.

Jetzt ist aber Schluss mit lustig, unten ohne im Polizeigewand aus dem Discount-Faschingsladen werden die Kassierer groß angekündigt, die auch direkt mit besoffen sein das mittlerweile prall gefüllte Backstage Werk in Bewegung versetzen. Es folgt eine Zeitreise durch die nicht ganz so facettenreiche Diskografie der Nordrheinwestfalener, Evergreens wie Sex mit dem Sozialarbeiter oder Quantenphysik heizen die Halle früh auf Betriebstemperatur. Zu ihrer wohl größten Hymne an die Promille, Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist, der bereits überraschend früh durch die Anlage schallt, gröhlt das kunterbunt gemischte Publikum fast lauter als die Lautsprecher im Backstage gegenhalten können. Textsicher und größtenteils trinkfest präsentiert sich das Münchner Publikum, während die Kassierer teils bereits entkleidet ihre Form eines Best-Of Programms zum Besten geben. Von eher unscheinbaren Songs wie Erdrotation bis hin zu den etwas direkteren Werken wie Blumenkohl am Pillemann lässt die heutige Setlist wenig bis keine Wünsche offen. Selbst eine Akustikpassage hat es ins Set geschafft, da meint man schon fast man ist auf einem Klassik-Rock Konzert, hätte Schlagzeuger Volker Kampfgarten nicht bei seinem Wechsel auf die Gitarre seine Hose vergessen. Ein Abend, der an Unterhaltung nur schwer zu überbieten ist, neigt sich dann nach mehr oder weniger 23 Songs seinem Ende zu. Spätestens zur Zugabe, dem Stinkmösenpolka, stellt sich die Frage, ob man diesen Artikel dank Google Safe-Search überhaupt findet.

Oft werden die Kassierer als profane Verherrlichung des ironisch dargestellten Klischee-Punkerlebens abgestempelt, fast schon zur Ballermanngruppe herabgestuft, Fakt ist aber: Diese Band ist seit bald vier Jahrzehnten erfolgreich auf den Bühnen der Nation unterwegs, etliche Punk-Hymnen im Repertoire, Genre-übergreifend auf jedem Festival gerne gesehen und mit ihren schamlos-ironischen Texten verkörpern sie nach wie vor den Inbegriff des Punk. Auch Live in Concert sind die Kassierer in jeglicher Hinsicht ein Garant für einen tollen Abend, möglicherweise nicht für die ganze Familie geeignet, gleichzeitig aber eine hervorragende Gelegenheit, die üblichen „Ich höre Alles“ Aussagen im Familien- und Freundeskreis auf die Probe zu stellen.