„Ich krieg keine Luft, ich brauche sofort eine Zigarette“ – „Der Kreis um die Sonne“ im Residenztheater (Kritik)

Es war nur eine Frage der Zeit, nun hat es das Residenztheater gewagt: das erste Stück über Corona aus der Corona-Zeit. Das Wort selbst wird in „Der Kreis um die Sonne“ zwar niemals erwähnt, aber das ist eben der Kontext, den es braucht, um den Sinn hinter dem Text zu erschließen. Roland Schimmelpfennig hat den Text während des ersten Lockdowns verfasst, die geplante Aufführung war bereits Anfang November 2020. Wie das Schicksal so konsequent eben spielt, brach ein zweites Mal Ausnahmezustand aus – als hätte das Stück es vorhergesagt. Nun, am 29. Mai 2021, feiert „Der Kreis um die Sonne“ Premiere im Residenztheater.

© Birgit Hupfeld

Enge. Stickige Luft. Eine übermäßig volle Party. Natürlich drängen sich auf der Bühne nicht hunderte Menschen, aber so oft, wie es wiederholt wird, prägt es sich irgendwann ein. Das Setting: irgendeine Feierlichkeit einer tendenziell reichen Frau, unzählige Gäste, persönlich kennt sie die wenigsten. Alle müssen von sich erzählen, von ihren Gedanken, von ihren Überzeugungen und zumeist von ihren Belanglosigkeiten. So richtig kennen lernt man hier niemanden, es bleiben nur Silhouetten. Die sieben Darsteller*innen spielen alle Rollen, manche etwas intensiver, manche nur bruchstückhaft. Sowieso, wenn Dialoge oder schnelle Schlagabtäusche stattfinden, dann kommt man schwerlich hinterher – zwar werden immer Name, Alter und Beruf zuvor erwähnt, aber bei der zunehmenden Zahl der verschiedenen Charaktere merkt man sich das kaum. Muss man auch nicht, denn es ist eben eine wirklich, wirklich volle Feier.

Es dauert einige Zeit, bis in dem Wulst dann doch ein paar Personen hervorstechen. Eine junge Krankenschwester (Yodit Tarikwa) und ihr Liebhaber (Thiemo Strutzenberger) beispielsweise, außerdem die Gastgeberin (Katja Jung) und eine eher mit ihren antiken Gesprächsthemen zu nerven scheinende Altphilologie-Professorin (Ulrike Willenbacher). Und natürlich der Kellner (Max Rothbart), dessen großspuriger Arbeitgeber (Thomas Reisinger) und die kranke und herumniesende Jetsetterin (Carolin Conrad). Letztere ist es wohl auch, die den Stein ins Rollen bringt, denn Fragmente schimmern immer wieder durch, die definitiv nach der Feierlichkeit spielen – und die sind mit Unverständnis, Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung und letztendlich auch Tod verbunden. Die Annäherung von Tarikwa und Jung ist die eigentlich einzige Geschichte, die wirklich konsequent verfolgt wird – und auch die einzige, die ein tatsächliches Ende findet.

© Birgit Hupfeld

Es ist ein Gewirr aus Erzählungen. Das alles ist eingebunden in starke musikalische Untermalungen, die mittels Klavier und allerlei Effekte live auf der Bühne erzeugt werden, zumeist von Rothbart und Strutzenberger. Doch auch diese Instrumente schaffen es nicht darüber hinwegzutäuschen, dass man trotz der kurzen Spielzeit von 80 Minuten einen langen Atem braucht. Die Sequenzen werden übermäßig oft wiederholt, so oft, dass die kontextuelle Auflösung am Schluss nicht genug sein kann, so viel Redundanz zu produzieren. Der Tod eines Unternehmers und der Krankenschwester, offensichtlich durch Corona, und die damit zerstörte, neu gefundene Liebe tun weh und erschrecken, aber sind inmitten der angeschnittenen Handlungen auch die einzige Konsequenz – weder die unzähligen Diskussionen um die unsichtbaren Monster noch manche doch interessanteren Persönlichkeiten werden aufgegriffen, laufen stattdessen ins Leere.

Schimmelpfennig weiß sprachlich, wie er ein fesselndes Konstrukt erzeugt, und das Ensemble weiß, wie es das darstellerisch gelungen umsetzt – selbst etwas fragwürdige Entscheidungen, die Szene eines herunterfallenden Tabletts zweimal zu spielen, obwohl sich daraus kein wirklicher Mehrwert ergibt. Das ist am Ende auch das Problem des Abends: das Stück will viel, bietet viel an, macht auf einiges neugierig – und ist zum Schluss dann doch zu wenig. Mehr Aussage und weniger Redundanz wäre sicher nicht verkehrt gewesen.

Kritik: Ludwig Stadler