Limit – Deichkind in der Wuhlheide Berlin (Bericht)

Es ist schon knapp drei Jahre her, dass das Electro-Kollektiv Deichkind mit „Wer sagt denn das?“ nach ausführlicher Pause ein neues Album präsentiert haben – drei Jahre, in denen sie das Werk zwar nicht annähernd so ausführlich betouren durften wie erhofft, aber dennoch das Glück hatten, kurz vor Pandemie-Ausbruch ihre Album-Tour zu beenden. Die Sommer-Konzerte fielen allerdings vorerst ins Wasser und können nun zwei Jahre später endlich zur langersehnten Aufführung kommen. Zwar gastierten die Hamburger nicht in der bayerischen Landeshauptstadt, dafür aber in einer der schönsten Open-Air-Bühnen des Landes: der Wuhlheide Berlin. Schon lange ausverkauft, pilgern rund 20.000 Vorfreudige am 19. August 2022 gen Konzertlocation.

Es herrscht reges Treiben auf dem Weg von der S-Bahn zur Parkbühne Wuhlheide, die Rikschas lassen die Saufsignale erklingen und verdursten muss auf dem Weg zum Konzert auch niemand. Auch wenn Regen angesagt ist, halten sich die mitgebrachten Ponchos in Grenzen – wenn’s nass wird, ist das halt so. Ganz so auf Eskalation scheinen die Berliner*innen aber doch nicht getrimmt, denn erst füllen sich die Sitzplätze, anschließend langsam der Stehbereich.

Den hier äußerst dankbaren Job des Anheizers übernehmen niemand geringeres als Die Orsons. Das schwäbischer Vierergespann ist schon eineinhalb Jahrzehnte unterwegs, mit Höhen und Tiefen, aber immer vollem Einsatz. Mit „Orsons Island“ haben sie vor drei Jahren ihre wiederentdeckte, gemeinsame Arbeitsfreude manifestiert – so wundert es kaum, dass der 45-minütige Auftritt seinen Fokus auch auf dieses Album legt. Die Rapper wissen um ihre Stärken – die gesanglichen Tiefen von Tua, die Extravaganz von Maeckes, das bodenständig-lockere von Bartek und die Verschrobenheit von Kaas (wenngleich letzterer etwas übertreibt, erst ab der Hälfte des Sets überhaupt ohne Maskierung auf der Bühne steht und unangenehm in den Fokus möchte). Gemeinsam mit Live-Drummer und DJ ist ihnen ein glasklarer Sound beschert, der die Wuhlheide bei Songs wie „Bessa Bessa“ mitsingen und bei „Ventilator“ sogar mitmachen lässt. Das ist bei Support-Bands wahrlich nicht selbstverständlich – nicht mal bei den bekannten Hits. Hier ist den Orsons sogar ein Moshpit und ordentlich Bewegung vergönnt, aber „Schwung in die Kiste“ ist wohl niemandem vor einigen Jahren entgangen. Ein äußerst würdiger Startschuss.

Setlist: Dear Mozart / Grille / Vodka Apfel Z / Nimm’s leicht / Schneeweiß / Ventilator / Neue Normal / Jetzt / Bessa Bessa / Schwung in die Kiste

© Auge Altona

Lange dauert der Umbau nicht, es gilt keine Zeit zu verlieren – schon um 21 Uhr knallen die ersten Stampfbeats aus den Boxen, die eindeutig „Keine Party“ zuzuordnen ist, mit dem Deichkind ihr Konzert starten. Während noch etwas Zurückhaltung während der ersten beiden Lieder im Publikum zu spüren ist, brechen alle Dämme bei „So ne Musik“ – der Moshpit wird gestartet, es wird ausufernd getanzt und die Rückkehr der Hamburger gefeiert. Rund 110 Minuten Konzert folgen, natürlich mit dem deutlichen Fokus auf das Album „Wer sagt denn das?“, aber auch ihre erst am Vortag erschienene Single „In der Natur“ feiert seine wohl recht spontane Live-Premiere. Es läutet eine neue Ära ein, die mit dem Release des kommenden Albums „Neues vom Dauerzustand“ (VÖ: 17.02.2023) beginnen wird.

Deichkind gelingt es, zwei völlig verschiedene Ansätze ihrer Karriere auszuleben – zum Einen ist es der musikalische und besonders textliche Aspekt, der ironisch und durchaus auch selbstironisch den Zeitgeist seit rund 20 Jahren aufgreift und gemischt mit harten und extremen, aber auch oft simplen und partytauglichen Beats präsentiert, zum Anderen ihr Live-Aspekt, der auf ein gesamtvisuelles Konzept setzt und letztendlich vor allem auch eine große Party darstellen soll. Dabei gelingt der Spagat zwischen SZ-Feuilleton und Festival-Saufgelage überraschend gut, nur noch einmal mehr dazu beigetragen hat die aktuelle Platte: der Song „Wer sagt denn das?“ ist Thema von akademischen Referaten, während „Remmidemmi“ unlängst popkulturell angekommen ist. Auf der Wuhlheide wird das alles mit den bekannten Insignien zum Besten gegeben: leuchtende Tetraeder-Hüte, herumfahrende Dreiecksstatuen namens Omnipods, riesige Backdrops. Die Kostüme sind simpel und passend, der Kollektivgedanke allgegenwärtig, denn auch wenn man zumeist zu siebt auf die Bühne kommt, sind nur drei Personen letztendlich am Mikro: Kryptik Joe, Porky und als Live-Unterstützung der Münchner Rapper Roger Rekless.

Für das Live-Konzept verantwortlich ist aber seit Jahren DJ Phono – und man merkt dieser Show in jeder Sekunde an, dass ein dramaturgisches Gesamtkonzept dahintersteckt, dass sich bei jedem der wechselnden Bühnenbilder etwas gedacht wurde. Zeitweise mutet es auch einer Performance an, wenn Kryptik Joe bei „Richtig gutes Zeug“ mit einem überdimensionierten Rucksack auf der Bühne kommt, der zu rauchen beginnt – aufgelöst wird das Szenario nämlich nie. Deichkind sind in manchen Momenten der Helge Schneider für die Generation, die in ihren 30ern stecken, und im nächsten Song dann wieder der Party-Garant seit etlichen Jahren. Konsequent, dass man den Kindergeburtstag für Erwachsene mit „Remmidemmi“ würdig abschließt. Was für ein mächtiges Ereignis!

Setlist: Keine Party / Richtig gutes Zeug / So ne Musik / Dinge / Cliffhanger / Die Welt ist fertig / In der Natur / Wer sagt denn das? / Illegale Fans / Komm schon / Bon Voyage / Ich bin ein Geist / Bück dich hoch / Leider geil (leider geil) / Gewinne Gewinne / Oma gib Handtasche / Arbeit nervt / Bude voll People / Roll das Fass rein / Niveau Weshalb Warum / Hört ihr die Signale / 1000 Jahre Bier / LimitZugabe: Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)

Kommendes Jahr, am 2. September 2023, kommen Deichkind zurück auf die Wuhlheide Berlin. Bereits am 22. Juni 2023 spielen sie in der Münchner Olympiahalle. TICKETS gibt es HIER!

Bericht: Ludwig Stadler