Entertain You – Within Temptation & Evanescence in der Olympiahalle (Bericht)

Es ist eine der prestigeträchtigsten Touren, die durch ganz Europa ziehen sollte: „Worlds Collide“ der Titel, dahinter Within Temptation und Evanescence, zwei der größten Bands im Female Fronted Gitarren-Rock-Bereich, die einen eher im Symphonic Metal, die anderen dagegen im Alternative Rock. Gemeinsam haben sie aber, dass sie zumeist als Co-Headliner auf den größten Festivals in Europa gelistet werden – und damit einhergehende Sympathie, die man bei den Auftritten entdeckt hat. Die gemeinsame Tour sollte also im April 2020 beginnen – der Rest ist Geschichte. Am 9. November 2022, mit satten 2,5 Jahren Verzögerung, erklang aber endlich der erste Ton dieser Tour in der Olympiahalle München. Zum Tourauftakt ist die Halle äußerst gut gefüllt: der Stehbereich ist ausverkauft, die Sitzbereiche zum größten Teil belegt. Die Vorfreude ist riesig.

© P.R. Brown

Schon um 19 Uhr beginnen Veridia mit ihrem poppigen Alternative Rock als Support. Die Halle ist allerdings noch nicht allzu voll zu diesem Zeitpunkt – vielleicht ist das an einem Mittwoch mit zwei riesigen folgenden Bands doch etwas zu viel. Aber als sich um 20 Uhr das Licht verdünnt und Evanescence mit „Broken Pieces Shine“ die Bühne betreten, sind die Besuchermengen doch da und lassen mit Gejubel von sich hören. 2011 waren die Amerikaner*innen zuletzt in der bayerischen Landeshauptstadt, seitdem ist viel passiert, wenngleich in der Zwischenzeit nur ein einziges Album erschien: „The Bitter Truth“ vergangenes Jahr. Dementsprechend steht das auch im Fokus der Setlist, denn wenn die durchaus selten neue Musik veröffentlichenden Musiker*innen schon einmal neues Material haben, soll das auch zelebriert werden – zurecht, denn die neuen Werke wie „Wasted On You“, „Better Without You“ oder die poppige, aussagekräftige Single „Use My Voice“ überzeugen auf voller Linie und sind wie gemacht für eine Live-Show.

Schnell wird klar: hier passt einfach alles. Der Sound ist am Anschlag und grandios, die Bühnen-Lichtshow in Form eines großen Dreiecks die passende Balance aus Zurückhaltung und Bildhaftigkeit. Besonders die Band setzt keinen großen Wert auf groß inszenierte Outfits oder Pomp – es geht schnörkellos auf die Bühne, denn die Musik steht im Vordergrund. Dieser Fokus macht sich bezahlt, dann keine Note geht daneben und die Klangwelt von Evanescence entfaltet sich auf außerordentlich beeindruckende Art und Weise; man kann gar nicht mehr genug davon kriegen. Aushängeschild und Mittelpunkt ist natürlich Sängerin Amy Lee, die mit ihrer energetischen Performance das doch relativ faule Publikum zumindest bestmöglich zu Interaktionen bringt. Ihre stimmliche Leistung auf den Studio-Aufnahmen ist bereits beachtlich und es stellt sich die Frage, ob und wie das live gelingt – spätestens nach diesem Auftritt weiß man: alles gelingt, jeder Ton sitzt und Amy Lee untermauert ihr Standing als überragende Sängerin im Rock-Bereich. Man mag gar nicht, dass diese stimmliche und musikalische Wucht aufhört, doch nach 17 rastlosen Songs und rund 80 Minuten ziehen die Musiker*innen von dannen. Wow!

Setlist: Broken Pieces Shine / Made Of Stone / Take Cover / Going Under / Wasted On You / Lacrymosa / Medley (Lose Control, Part Of Me, Never Go Back) / Far From Heaven / Your Star / End Of The Dream / Better Without You / Call Me When You’re Sober / Imaginary / Use My Voice / Blind Belief / My Immortal / Bring Me To Life

© Set Vexy

Ob wohl beide Bands, die gleiche Bühnenshow nutzen, mag man sich fragen, aber schnell wird klar, dass dem nicht so ist, denn Within Temptation bringen unzählige Bühnenelemente zum Umbau und es wird zunehmend voller und pompöser. Insgesamt 45 Minuten dauert es, bis um 22:05 Uhr das Intro ertönt und man schon erahnen kann, dass die Niederländer den komplett entgegengesetzten Kurs von Evanescence fahren: Kostüme, große Bühnenkulisse, viel Show, Pyro, eben eine große Inszenierung. Das bietet sich allein schon im verorteten Genre an, Kolleg*innen wie Nightwish fahren einen ähnlichen Kurs, und natürlich führt das bereits beim zweiten Song „In The Middle Of The Night“ zu Feuerstürmen und begeisterten Blicken. „Worlds Collide“ ist also nicht nur das Tourmotto, sondern tatsächliches Credo der beiden Auftritte. Die Band präsentiert sich schneller, manchmal opulenter als das vorherige, dadurch aber auch viel weniger greifbar. Es ist einfach irre viel los, Sängerin Sharon den Adel rast auf der Bühne umher, erst zum Techniker, dann erscheint sie plötzlich auf einem Podest hinter dem Bühnenelement, später schwebt sie umher, währenddessen immer wieder Feuer, opulentes Licht – mehr ist mehr.

Vielleicht ist man auch nur zwecks des Kontrastes so überfordert, aber schnell gelingt die musikalische Performance ein wenig in den Hintergrund – und die muss sich nicht verstecken! Dann auch bei Within Temptation sind die Musiker*innen erstklassig aufgestellt, Frontfrau den Adel singt in schwindelerregenden Höhen der klassischen Tonart und zusammen klingt das auch alles recht rund. Etwas verwunderlich: der (gescreamte) Backgroundgesang kommt, offensichtlich auch zu laut gemischt, als Playback hinzu – besonders deshalb schade, weil Evanescence, die bei „Bring Me To Life“ ebenso einen Scream-Part haben, der durch den Wegfall des Musikers nicht live performt werden konnte, sich aber dafür entschieden haben, diesen einfach wegzulassen. Es scheint, dass diese beiden Bands zweimal einen verschiedenen Fokus haben: einmal die Show, passend zum Song „Entertain You“, einmal die Musik. Zusammen ergibt das einen langen, manchmal ausufernden, aber auch wirklich großartigen Abend voller gitarrenlastiger Musik und starken Frauenstimmen. Da ist es fast schon bedauerlich, als mit „Mother Earth“ um 23:30 Uhr das Konzert ein Ende findet. Immerhin über ein kurzes Konzertvergnügen kann sich niemand beschweren. Die Welten sind erfolgreich kollidiert.

Setlist: See Who I Am / In The Middle Of The Night / Paradise (What About Us?) / Angels / Entertain You / Raise Your Banner / And We Run / Don’t Pray For Me / All I Need / The Reckoning / Supernova / Stairway To The Skies / Our Solemn Hour / Faster / Mother Earth

Bericht: Ludwig Stadler