Wie schön ist doch die Musik – „Die Walküre“, 1. Akt in der Bayerischen Staatsoper (Kritik)

Das regnerische Wetter mag es nicht ausstrahlen, aber dennoch: es ist ein sonniger Tag für die Kultur in München. Nach über sechs Monaten, insgesamt 192 Tage, öffnen die Theater wieder ihre Türen für Zuschauer. Die zweite Welle und der damit einhergehende Lockdown waren lange, ein Öffnungsversuch Ende März ist an den wieder steigenden Zahlen gescheitert. Nun schreitet die Durchimpfung deutlich voran und die Zahlen fallen – ein sicheres Öffnen ist möglich. Donnerstag, 13. Mai 2021 – Christi Himmelfahrt – ist also der Tag, an dem die ersten Theater wieder zu spielen beginnen. Das Residenztheater lässt den „Hamlet“ Premiere feiern, während in der Bayerischen Staatsoper der erste Akt von Richard Wagners „Die Walküre“ konzertant zum Besten gegeben wird. Letzteres wird auch live übertragen. Im Saal sitzen wir gespannt, als pünktlich zur Primetime um 20:15 Uhr die Türen verriegelt werden.

© Wilfried Hösl

Doch, es ist zu Beginn ein ungewöhnliches Gefühl. Waren es 2020 nach dem ersten Lockdown auch knapp drei Monate Theaterentzug, ist hier nun die doppelte Zeit vergangen – man hat es, wenn man so mag, fast ein wenig verlernt, viele Menschen zu sehen. Aber die Maßnahmen sind nicht nur ausreichend, sondern sogar weit über dem, was nötig wäre: nebst Abstand und dauerhafter FFP2-Maskenpflicht wird der Einlass sowieso nur mit Negativ-Test oder Impfnachweis gewährt. Eine sichere Sache also. Das Stück auf dem Plan ist das ebenso: „Die Walküre“, uraufgeführt vor knapp 151 Jahren genau am gleichen Ort. Einer Art Uraufführung gleicht die heutige konzertante Version des ersten Aktes auch, denn schon als das Orchester die Bühne nur betritt, wird lautstark gejubelt und es gibt, wohl aus purer Freude an der Sache, Standing Ovations. Diese euphorischen Vorschusslorbeeren tun den Musiker:innen sichtlich gut, das Bayerische Staatsorchester unter dem Dirigat von Asher Fisch stürzt sich impulsiv in die Ouvertüre hinein. Wagners wuchtige Klänge, eine große Orchesterbesetzung und die ersten Live-Musik-Klänge seit gefühlten Lichtjahren – eine Wohltat.

© Wilfried Hösl

Die Besetzung der Solist:innen lobt Intendant Nikolaus Bachler in seiner kurzen Ansprache außerordentlich. Und betrachtet man die Namen, ist eine gelungene Aufführung fast schon garantiert: Jonas Kaufmann als Siegmund, Lise Davidsen als Sieglinde und Georg Zeppenfeld als Hunding. Das verspricht unter Normalbedingungen schon ein jubelndes, vollbesetztes Opernhaus – und wird, wie zu erwarten, eine fantastische Leistung. Kaufmann und Davidsen als sich unbekanntes, aber dann erkennendes Geschwister-Paar harmonieren perfekt zusammen und stehen sich gesanglich wahrlich in nichts nach. Besonders beeindruckend natürlich „Ein Schwert hieß mir der Vater“ inklusive der wuchtigen „Wälse“-Rufe, die Kaufmann in beachtlicher Länge und mit gewaltigem Druck hält. Bravo! Aber auch Davidsen und Zeppenfeld greifen aus den Vollen und brillieren stimmlich nebst dem vor Spielfreude nur strotzendem Staatsorchester vollends. Nach dem rund 65-minütigen konzertanten Akt bricht langer, kräftiger Applaus im Zuschauerraum aus – kein Wunder, überwiegt die pure Freude über die vor Ort erlebte Musik. Der Jubel hält solange an, dass sich die drei Solist:innen zu einer Zugabe hinreißen – Dirigent Asher Fisch wechselt dafür kurzzeitig ans Klavier. Insgesamt drei Lieder gibt es zu hören, eine kleine Zugabe jeder Stimme also, abschließend mit Zeppenfeld, der „Wie schön ist doch die Musik“ aus „Die schweigsame Frau“ anstimmt. Vergisst man mal den weiteren Inhalt des Liedes und konzentriert sich nur auf den Titel – doch, genau unter diesem Stern steht diese Aufführung. Oder wie Bachler zu Beginn gesagt hat: historisch.

Eine zweite Vorstellung gibt es am Sonntag, 16. Mai. Ab Samstag kann man das Konzert als Video-On-Demand für 9,90€ auf staatsoper.tv ansehen.

© Wilfried Hösl

Kritik: Ludwig Stadler