Leb doch mehr wie deine Mutter – Turbostaat im Strom (Bericht)

Mittwochabend, 11. Mai. Der Sommer kündigt sich nachdrücklich an, es ist warm, trotz der fortgeschrittenen Zeit. Da ist es nicht unangenehm, dass das Konzert, das heute im Strom angekündigt ist, erst um 21 Uhr beginnt. So hat man noch Zeit, der Sonne beim Untergehen zuzusehen – ehe es gilt, sich in dem höhlenartigen Club dicht gedrängt zu versammeln, sich einweben zu lassen in die hautnahen Präsenzen, Bewegungen, Dünstungen anderer Menschen, und v. a. in die Musik von Turbostaat, die sich heute die Ehre in München geben.

Quelle: https://brusselssproutsintl.bandcamp.com/
© BSÍ

Begleitet werden die Husumer an diesem und zwei weiteren Terminen ihrer laufenden Tour von dem isländischen Duo BSÍ. Das Strom ist bereits gut gefüllt, als die beiden ihr knappes Set beginnen. Silla Thoraresen trommelt singend und singt trommelnd, Julius Pollux Rothlaender betätigt sich am Bass und an einem minimalen, mit den Zehen bedienten Synthesizer-Setup. Trotz ihres reduzierten instrumentalen Konzepts kann das Duo unmittelbar von sich überzeugen. Thoraresen singt abwechselnd in ein Mikrophon und einen Telephonhörer und stampft treibende Rhythmen aus den Drums; Rothlaender sorgt für markante, äußerst ansprechende, post-punkige Bass-Figuren, die die Songs der Band sehr eingängig machen. Thoraresen äußert sich in einer Mischung aus nordischer Freundlichkeit und feministisch aufgeladener (T)Rotzigkeit: Kennzeichen der wohltemperierten Geste mit der BSÍ Leichtigkeit und Ernst zu mischen wissen.

https://markthalle-hamburg.de/wp-content/uploads/2018/12/Turbostaat_1_Andreas_Hornhoff_w-e1544801260531.jpgSo angenehm die halbe Stunde mit dem isländischen Duo war, so ist doch spürbar, dass die das Strom mittlerweile dicht füllende ZuschauerInnenschar für etwas anderes gekommen ist. Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft, als die fünf Mannen aus dem Norden die Bühne füllen. ›Rattenlinie Nord‹, Opener des aktuellen Albums Uthlande mit seinem rasanten Auftakt ist glücklich als erster Song des Abends gewählt: Nach kurzer Besinnungspause kommt Bewegung in den Raum vor der Bühne. Die Münchner Fans erweisen sich als enthusiastisch und textsicher. Gerade Bandklassiker wie ›Drei Ecken – ein Elvers‹ oder ›Harm Rochel‹ finden Anklang, aber auch Songs vom vorigen, sehr erfolgreichen Album Abalonia können zünden. Die Band konzentriert sich vornehmlich auf ihr Spiel; Sänger Jan Windmeier ist (an diesem Abend) kein Frontman, der die Berührung mit seinen Fans sucht. Diese aber lassen sich davon nicht beirren. Es wird gemosht und crowdgesurfed. »Ja, so riecht ein Clubkonzert«, stellt Windmeier mit leiser Anerkennung fest, als die Stunde schon fortgeschritten ist, und sich die Setlist der Husumer dem Ende zuneigt. Zwei Zugaben werden eingeräumt: Vor allem mit dem allerletzten Doppelpack aus ›Ruperts Grün‹ und ›Stormi‹ erreicht das Konzert noch einmal einen emotionalen Höhepunkt. Auf den rauen Aufschrei »Denn alles ist besser als der Tod« steuert ersteres Stück zu und bringt noch einmal die ganze Band zum Glänzen, den stimmungsvollen, präzise ausgeführten Post-Hardcore mit seinem eigentümlichen salzigen Geschmack, die kantigen Lyrics, in denen trotz aller Distanziertheit stets die rohe Emotion haust – und manchmal auch herausbricht.

Setlist: Rattenlinie Nord / Meisengeige / Haubentaucherwelpen / Fraukes Ende / Abalonia / Es fehlte was im 2ten Karton / Wolter / Drei Ecken – ein Elvers / Sohnemann Heinz / Schwienholt / Stine / Insel / Hemmingstedt / Pennen bei Glufke / Luzi / Alles bleibt konfus / Ein schönes Blau / Vormann Leiss / Schwan // Zugabe 1: Otto muss fallen / Harm Rochel / 18:09 Uhr. Mist, verlaufen // Zugabe 2: Ruperts Grün / Stormi