Alles ist Nada – „Teile (Hartes Brot)“ im Marstall (Kritik)

„Wir sagen Change, nicht Abschied“ schallt es gleich Beginn dem Publikum entgegen. Als das Residenztheater im November schließen musste, blieb das Staatstheater alles andere als ruhig – es war mehr change als Abschied. Unzählige Formate wie das „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“ oder verschiedene Zoom-Inszenierungen hielten die Theaterwelt in München am Leben, aber das wahre Element des Theaters, das Spielen vor Publikum, hat gefehlt. Seit dem 13. Mai 2021 sind die Bühnen endlich wieder offen – und der Startschuss für aufgeschobene Premieren ist gefallen. „Teile (Hartes Brot)“ darf so als zweite Neuproduktion am Samstag, 15. Mai 2021, endlich im Marstall Premiere feiern.

© Sandra Then

Der Blick fällt sofort auf die stählerne Baustelle auf der Bühne. Ein Tempel im Aufbau, under construction. Fertig wird bis zum Ende nichts. Autorin Anja Hilling hat sich für das Stück an Paul Claudels „Das harte Brot“ orientiert, es aber in die Ist-Zeit versetzt. Damit wird der Kampf um die Werte-Änderungen durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert in eine andere Ebene gehoben, die zwar nur teilweise angepasst wird, aber dennoch ihre Wirkung entfaltet. So beginnt die Inszenierung bereits mit einem Monolog des Lords, gespielt von Nicola Mastroberardino, der sich vollkommen im eigenen Wahn als neue Gottfigur ankündigt und sowohl die alte Gottfigur als auch einfach alles andere als „Nada“ aburteilt. Dieses Nichts ist es dennoch, dass die Protagonisten anzutreiben scheint – Lord als Herrscherfigur, Sichel (Nicola Kirsch) als eine Frau, die Lord nur als Erniedrigungspartnerin ansieht, Lumir (Mareike Beykirch) als junge, zielversierte Kämpferin, die für das Erreichen ihrer Ziele vor nichts zurückschreckt. Und als Gegenpol zu all diesen Positionen Louis (Valentino Dalle Mura), der Sohn des Lord, der mit einer neuen Art der Beschäftigung daherkommt, Investitionen für Bagger sucht und diesen familiären Zielen, diesen gottgetriebenen Eigenansichten, dagegenstehen möchte. Das Gewirr der Figuren ist etwas kompliziert und eröffnet sich dem Publikum erst nach und nach.

© Sandra Then

Julia Hölscher inszeniert es in Ansätzen, dass es immer ein Aneinanderprallen von Meinungen ist – tatsächlich einig werden sich die handelnden Personen zu keinem Zeitpunkt. Einerseits ist da die Liebe von Louis und Lumir, die echt zu sein scheint, aber dann doch wieder vom Ego der beiden Personen überschattet wird, sodass sich kein richtiges Ergebnis einstellen mag. Dafür glänzt die Inszenierungen mit gewitzten Einfällen, starker Lichttechnik und vier bestens aufgelegten Darsteller:innen. Sei es das genial-verrückte Spiel von Mastroberardino, während er eine Sektflasche nach der anderen verschüttet, oder auch der tolle Dialog zwischen Louis und Lumir gegen Ende hin, in dem vor allem Dalle Mura der Raum zum facettenreichen Spiel gegeben wird, den er vollends ausnutzt. Nach dem Angsttod des Lords verliert sich die Inszenierung allerdings ein wenig in Andeutungen und Ziellosigkeiten mit Längen. Sichel als neue Gottfigur, die die Bedeutungslosigkeit der Körperlichkeit preist, wird dabei immer kleinteiliger, fragmentarischer, bis es ganz zerfällt. Das schlägt zwar einen bildlichen, weniger aber einen inhaltlichen Rahmen zum Anfang.

Es bleibt bei all der starken handwerklichen Leistung dennoch die Frage, was das Stück genau möchte und wieso eigentlich. So bleibt ein spannender Theaterabend, der noch länger beschäftigt, vor allem mit der Einordnung der Ansätze und den umfassenden Sinn dahinter, der sich wohl erst später offenbaren kann.

Kritik: Ludwig Stadler