„Ich hab keinen anderen Ausweg, als die Macht zu ergreifen“ – „Graf Öderland“ im Residenztheater (Kritik)

Es gibt diese Stücke, die theatrale Narrenfreiheit genießen und deren inszenatorischer Spielraum schier grenzenlos erscheint – die Stücke von Max Frisch und im Speziellen „Graf Öderland“ gehören sicher dazu. Setzt man sich also keine Grenzen und bemüht sich dennoch um Stringenz, kann es auf der Bühne volle Wirkung entfalten. Regisseur Stefan Bachmann hat sich dem angenommen und genau den richtigen Ton getroffen, den es gebraucht hat. Nach langen Verschiebungen kommt „Graf Öderland“ am 22. Oktober 2021 endlich im Münchner Residenztheater zur Aufführung.

© Birgit Hupfeld

Es ist selten, dass vor einer Premiere der Ruf schon vorauseilt – eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2021, Aufzeichnung und Ausstrahlung in 3sat. Hoch ist dementsprechend die Erwartung im Saal, als die vier Live-Musiker*innen die Bühne betreten und der Moritat den Startschuss erteilen. Und die hat es in sich. Bachmann sprüht mit seinem Kreativ-Team nur so vor Ideen und zügelt sich auch nicht, allerlei davon in den rund 90 Minuten einzubauen. Das bringt wahnsinnige Abwechslung, Begeisterung und Interesse – und zu keinem Zeitpunkt Überfrachtung. Die verschiedenen Elemente, wenngleich auch erst einige Minuten später, fügen sich einem erst im Laufe des Abends erkennbaren roten Faden, der dadurch genau das erreicht, worin so viele frische Inszenierungen scheitern: Chaos und Ordnung.

© Birgit Hupfeld

Wieso man am Ende das Theater verlässt und das Gefühl hat, gerade einen Schauspielabend der Superlative erlebt zu haben, liegt vor allem am Zusammenspiel der grandiosen Komponenten: überragendes Bühnen- und Kostümbild von Dorota Nawrot, eine wahnsinnig dichte Textfassung von Tomasz Spiewak, ein durch die Bank fesselndes Schauspiel-Ensemble, pointiertes und oft unerwartetes Licht von Jacqueline Sobiszewski und über alle dem schwebend eine Musik von Sven Kaiser (der selbst in der Live-Band sitzt!), die albtraumhafter und passender kaum sein könnte. Wenn Thiemo Strutzenberger als rebellischer Staatsanwalt zu choralen Graf Öderland-Gesängen durch das Bühnenloch schreitet oder die unzähligen Anhänger Äxte in den Bühnenboden hämmern, während eine autotunelastige Rocknummer, die gut und gern an Rammstein erinnert, erzeugt das so eine Gänsehaut, dass man sich fragt, wann man zuletzt so einen erhabenen Moment im Theater erleben durfte.

Dass es am Ende eben auch eine grandiose Ensemble-Leistung ist, zeigen auch die verschiedenen Rollen, die teils von den gleichen Darsteller*innen übernommen werden. Ob komödiantisch mit Slapstick, in rasanten Dialogen oder hochtrabenden Worten – es kommt mit einer irrsinnigen Wucht beim Zusehenden im Saal an. Wenn sich dann auch noch kurzzeitig das trichterförmige Bühnenbild, was gut und gern an das legendäre James Bond-Motiv erinnert, zu drehen beginnt, wackelt nicht nur die Welt im Stück mit der Rebellion, sondern auch das Theaterherz vor Begeisterung über diese tolle Szene. Wenn Graf Öderland am Ende alles nur geträumt haben will, aber schon längst tief in der Revolution und Machtergreifung sitzt, neigt sich die achterbahnhafte Inszenierung nach etwas über 90 Minuten dem Ende zu. Ein Zitat, welches nicht allzu fern vorm Schluss fällt, bleibt dabei noch weit über den überwältigenden Theaterabend im Kopf:

„Wer, um frei zu sein, die Macht stürzt, übernimmt das Gegenteil der Freiheit, die Macht.“

Kritik: Ludwig Stadler