Tanz und Drama – „Flashdance – Das Musical“ im Deutschen Theater (Kritik)

„What A Feeling“ – falls irgendwer noch nicht wissend nickt, bei der Ankündigung, zur Musical-Version des Films „Flashdance“ zu gehen, tut er es spätestens beim Anstimmen des Titelsong ‚What a Feeling‚. Dieser Klassiker aus den 80ern von Irene Cara beschreibt das Lebensgefühl, dass auch im Kultfilm von Adrian Lyne transportiert wird: Kämpfe für deine Träume und du kannst es schaffen! Was für eine herrliche Grundlage für einen Gute-Laune-Abend – dachte sich auch das Deutsche Theater in München und lud ein Gastspiel ein mit der Produktion, die am 12. Januar 2022 Premiere feierte, nach München ein.

© Susanne Brill

Bei so einem Titel und so einer Musik kann nichts schief gehen – möchte man meinen. Nachdem das Theater auch zuletzt mit der Eigen-Produktion „Der Schuh des Manitu“ Erfolge einfahren konnte, sollte das doch ein leichtes Spiel sein. Jeder kennt die Story und die Musik reißt die Leute doch sicher vom Hocker. Doch mit nur 25% Auslastung ist es grundsätzlich schonmal schwer, das Publikum zu aktivieren, weil sich gute Stimmung und Begeisterung einfach nicht so schnell auf den Sitznachbarn überträgt. Die Herausforderung: Das Ensemble muss jede*n einzeln vom Stuhl reißen. Ob das gelingt?

Das Narrativ ist klar: Junge, bescheidene, hart arbeitende Frau aus schlechtem Hause verfolgt mit Leidenschaft großen Traum. Auf dem Weg dahin begegnen ihr Unwegsamkeiten wie der Konflikt zwischen Privilegien und ehrlicher Arbeit, dem schnellen Geld mit falschen Versprechungen und persönliche Tiefschläge, wie der Tod im engen Umfeld. Dabei kommt die Handlung von Flashdance schon recht vielfältig daher, man ergibt sich nicht der schnulzigen Vorstellung, dass jeder bekommt, was er will. Die Figuren wie Gloria (Tiziane Turano) und ihr Freund Jimmy (Kevin Thiel) machen eine Bauchlandung und erkennen schlussendlich: Daheim bei der Jugendliebe ist es am schönsten. Titelfigur Alex Owen (Veronika Hammer) kommt dagegen mit viel Selbstzweifel und Bescheidenheit daher. In der Moral eines Disneyfilmes ist sie somit die einzige, die den Erfolg wirklich verdient und auch bekommt. Selbst der reiche Firmenerbe Nick (Nick Wuchinger) muss sich seinen Platz in Alex Herzen erst durch einige Dämpfer verdienen. Das Spiel der Darsteller passt dabei zu den überzeichneten Charakteren: die verträumte naive Gloria; der talendbefreite, aber liebenswerte Jimmy; die selbstbewusste Freiheitsliebende Alex und der Kumpeltyp Harry (Alex Brugnara) – das Gegenteil des schmierigen und fiesen C.C. (Enrico Treuse). Bei aller schauspielerischen Begabung: charakterliche Tiefe kann bei solchen Figuren schwer erreicht werden.

© Susanne Brill

Doch zurück zur Inszenierung. Dir Kulisse bildet ein industriell anmutendes Podest mit verschiebbarer Treppe. Dort verteilen sich dir Darsteller*innen für Songs oder Tänze, und es entstehen schöne Eindrücke der Schweißerei, in der Alex arbeitet, oder des schicken Clubs der Chameleon Girls. Ab und an bleiben Chancen ungenutzt – so bewundert Alex die Ballerina in der Tanzschule, die hinter einer dreckigen Glaswand tanzt, wie sie zur Industriestadt zwar passt; dadurch wird sie vom Publikum aber schlecht gesehen.
Ein Augenschmauß hingegen: die Kostüme. Sie variieren von Turnanzügen und Schweißeranzug bis zu Paillettenkleidchen und so entsteht jene bunte trubelige Bühnenshow, die man sich von einem illustren Musical Abend wünscht. Gerade bei Songs wie ‚Chameleon Girl‘ oder ‚Man Hunt‚ entstehen herrliche visuelle Momente. Während des Songs ‚I love Rock ’n‘ Roll‚ beschäftigt das Publikum hingegen die Frage: Wer ist für das Licht verantwortlich? Eine grelle Scheinwerferfront blendet direkt in den Zuschauerraum. Etwas später wird dann das Ensemble während eines Songs herrlich beleuchtet, während die singenden Protagonisten im Dunkeln stehen. Patzer wie dieser sind so vermeidbar, dass es schade ist, dem Stück dadurch Wirkung zu rauben.

Doch dieses Musical lebt von den bekannten Songs und den epischen Momenten, wie der Wasserfontäne nach ‚Maniac‚. Darauf freuen sich alle, darauf fiebern alle hin, gerade hier hat man leichtes Spiel, das Publikum mit gekonnten Showeinlagen richtig zum ausflippen zu bringen. Leider werden manche Chancen verpasst und es ist etwas überladen, es passiert zu viel gleichzeitig. Manchmal wird die Möglichkeit genommen, den Song, die Szene oder Choreografie zu genießen. In Summe kann man also sagen: Diesem Stück seinen Wow-Faktor zu rauben ist unmöglich. Wer den Film und die Musik mag, hat hier auf jeden Fall einen tollen Abend, zumal musikalisch alles passt; das klingt, wie es muss. Dennoch hätte man aber durch wenige Kniffe wesentlich mehr rausholen können. Das Publikum hat aber deutlich Gefallen am Premierenabend. What A Feeling!

Bis zum 23. Januar 2022. Restkarten gibt es HIER!