Kampf der Persönlichkeiten – „Eternals“ in der Filmkritik

Marvel’s „Eternals“
Kinostart: 4. November 2021
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 157 Minuten
Regie: Chloé Zhao
Mit u.a.: Richard Madden, Angelina Jolie, Salma Hayek, Kit Harrington uvm.

Das MCU wächst und wächst weiter. Nach Abschluss der dritten Phase und „Avengers: Endgame“ entschied man sich, den immer mal wieder erfolgreichsten Film aller Zeiten nicht als allgemeines Ende zu sehen, sondern nur als Zwischenschnitt. In der vierten Phase liegt der Fokus nun wieder auf die Einführung neuer Charaktere, unzähliger Verfilmungen weiterer Comics und auch dem Abschluss von Figuren der vergangenen Phasen mit ihren finalen Solo-Filmen. „Eternals“ ist da sicherlich einer der Neu-Einführungen, die am meisten Interesse hervorrufen, denn so recht wissen, was dahintersteckt, tun wenige. Die Eternals-Comics hatten in Europa nie den Durchbruch, blieben ein Nischenergebnis – der Blockbuster macht nun allein schon mit der Besetzung von Angelina Jolie zu Richard Madden bis Salma Hayek und der jüngst mit dem Oscar ausgezeichneten Regisseurin Chloé Zhao von sich reden. Darf man also einen Marvel-Film erwarten, der jenseits von Captain America und Black Widow mit ganz neuen Einflüssen aufwartet? Definitiv.

Ein Marvel-Film von Chloé Zhao? Das allein verwundert bereits. Und im Laufe des Films wird klar: die sportliche Laufzeit von knapp 160 Minuten wird nicht für ausufernde Action oder wuchermäßige CGI-Schlachten genutzt, sondern für etwas, dass bei Marvel oft zu kurz kam: Charakterentwicklung. Es müssen insgesamt zehn Personen eingeführt werden, die Eternals oder „Celestials“. Diese sind auf der Erde, um gegen die „Deviants“, blau-rötliche Monster, zu kämpfen. Ihre Befehle erhalten sie von einem übergroßen kosmischen Wesen namens Arishem. Seit vielen Jahrtausenden sind diese aber nun auf der Erde ohne jegliche Aufgabe, wartend auf eine Mission. Bis plötzlich ein Deviant in der Londoner Innenstadt auftaucht. Das klingt alles etwas wild und vielleicht teilweise dämlich, fügt sich aber im Film sehr gut einander und lebt von Plot-Twists, die keinen üblichen „Oho“-Effekt auslösen, sondern die Handlung so vorantreiben, dass ein spannendes Gewirr aus Antagonisten und Protagonisten besteht. Die Deviants, die klassischen Bösewichte, werden so schnell zur Nebenfigur des Schicksals…

© Disney

Was mit der Figur des Tony Stark nach unzähligen Filmen funktioniert, schafft Zhao bereits im ersten Film: sie führt die einzelnen Eternals mit so einer Ruhe, Intensität und Bandbreite ein, dass man zum Schluss, als sich das eine oder andere Problem der Figuren löst, ehrlich mitgerissen und gerührt ist. Diese feine Dramaturgie ermöglicht es, dass es weit über zwei Stunden dauert, bis alle gemeinsam sich zusammenschließen, wiederfinden und, zumindest teilweise, zu einer Einheit verschmelzen. Dennoch tritt zu keinem Moment Langeweile ein, ähnlich wie bei „Avengers: Endgame“, der sich erst einmal in aller Ruhe seinen Protagonisten widmet, bevor es zur actiongeladenen Sache kommt. Natürlich kennt man die Figuren wie Sersei, Ikaris und Thena noch nicht, aber findet sie von Beginn an interessant genug, um ihren Geschichten zu folgen. Zudem spielt sich die Erzählweise mit Flashbacks zu Deviant-Kämpfen aus der Historie der Menschheitsgeschichte – sei es am Babylonischen Tor oder bei den Mayas. So besteht immer wieder ein Bruch, der selbst für die weniger an den Lebenslinien interessierten Zuschauer*innen den Film spannend bleiben lässt.

© Disney

Nichtsdestotrotz kommt die Action nicht zu kurz – in den Flashbacks, in gelegentlichen Kämpfen an den verschiedenen Standorten und natürlich am Ende, wenngleich dieses Mal keine riesige Armee an Extremis-Soldaten, Ultrons oder Chitauri warten, sondern lediglich die Eternals selbst und ein unsichtbarer, riesiger Gegner. Denn dadurch, dass die Helden dieses Mal eine ausgereifte Persönlichkeit haben, stehen sie sich mit ihren Gegensätzlichkeiten oft selbst im Weg, was zuletzt bei Filmen wie „Civil War“ thematisiert wurde. Es gibt aber auch wieder Futter für die MCU-Hardcore-Fans, die auf jede Kleinigkeit schauen: den ersten homosexuellen MCU-Charakter ebenso wie die fast beiläufige Bestätigung, dass Superman im MCU-Universum wohl existiert – aber nur in Form eines netten Spruchs, weniger als Teaser für etwas Größeres.

 „Eternals“ ist also als Film ein Novum im MCU und selbst für die Popcorn-Blockbuster-Welt etwas noch nicht allzu oft Gesehenes. Sieht man von den gelegentlichen Wort-Anspielungen hinweg, würde einem der MCU-Bezug wohl kaum auffallen. Nach den zwar grandiosen Marvel-Disney-Serien, aber im Endschluss etwas enttäuschenden Kino-Filmen im Jahr 2021 findet Chloé Zhaos Debüt-Film ein mehr als würdiges Ansehen in den Rankings der besten MCU-Filme.

Kritik: Ludwig Stadler