Und live nochmal besser – Drangsal im Backstage (Bericht)

Raum und Musik, Band und Publikumalle sind eins, als Drangsal in München aufspielt! Das Konzert, mit dem Drangsal am 26. August 2022 das Münchner Publikum im Backstage begeistert, ist nicht nur die Nachholung der in der Pandemie entfallenen Termine, auch viele neue Gesichter sind zu sehen, die jetzt erst auf den Künstler aufmerksam geworden sind. Nachdem ganz spontan die Vorband gewechselt werden muss, erschein Drangsal gegen 21.30 Uhr auf der Bühne. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Publikum mit der Übergangsmucke, bestehend aus 90er-Rock wie Blink182 oder Teenage Dirtbag bereits so hochgerockt, dass der Kick-Off ein Leichtes war.

© Caroline

Wenngleich sich die Tour dem Ende neigt, ist die gesamte Band absolut im Moment‚Münchenhabt ihr Bock?‘, kreischt der Sänger ins Mikro. Dass dies einer der Musiker sein könnte, der nach vielen Shows nicht mehr weiß, in welcher Stadt er gerade spielt, kann man bei jener Präsenz unmöglich behaupten. Die musikalische Ausrichtung ist auf den Platten stets schwer einzuordnen. Da finden sich Post Punk-Elemente, ebenso wie Indie-Pop und New Wavekombiniert mit dramatischen und von Poesie und Bildern schwere Texte über Sehnsucht, Liebe und Selbstüberdruss. Gepaart mit dem theatralen Auftreten in Videos, wie dem zu ‚Mädchen sind die schönsten Jungs‚, das an den Clip von Aguileras beautiful‚ erinnert, ergibt sich ein charakteristisches Gesamtkunstwerk. Getreu dem Motto ‚your vibe attracts your tribe‚ setzt sich das Publikum aus eingefleischten, textsicheren Fans und feierwütigen Konzertliebhaber*innen zusammen. Vom lauten und emotionalen Mitsingen der ganzen Halle bis zum exzessiven Moshpit ist an diesem Abend alles dabei. Die intensive Interaktion zwischen Bühne und Publikum bestimmt dabei das Geschehen. Die Band schafft es auf den Punkt, die Zuschauer*innen mitzureißen, vor dem Drop eines Refrains anzuspannen oder mit einer radikalen Anmoderation zu fesseln. ‚Die schlechte Nachricht ist, die Welt geht den Bach runter‘, deklamiert Drangsal wie ein Endzeitprophet. ‚Darum bleibt uns nichts, als zu tanzen‘, diesem demagogischen Ultimatum folgt die gehypte Masse nur zu gerne. So hält sich die Energie des Abends konstant auf hohem Niveau und es ergibt sich das Bild einer einzigen andauernden Party.

Wie schafft es diese Band nun live noch besser zu sein als auf dem Album? Nun, was Spotify oder die Platte an Inhalt, Zwiespalt und Wortwitz transportiert, bekommt man schwerlich auf die Bühne. Weil diese Art von Musik eines aufmerksamen Zuhörers bedarf. Daher setzt man live auf die volle Packung, Energie und Leidenschaft bei der Performance. Wo in den Aufnahmen von Songs wie ‚Urlaub von mir‚ zwischen den Zeilen musikalisch viel Bedeutung und Zerrissenheit übertragen wird, brüllen Band und Publikum dieselbe beim Konzert in einer herrlichen Einheit heraus und erzeugen so Synergien, die beim heimeligen Anhören der Titel auf dem eigenen Kopfhörer nie möglich wären. Eine Band, die also alles gibt, das eigene Genre und vor allem das Publikum so wunderbar versteht, aber vor allem fühlt, dass sich ein Konzertbesuch in jedem Fall lohnt. Auch wem Texte oder der Look sonst vielleicht etwas zu drüber sind – in Persona vereinnahmt Drangsal mit seiner Authentizität und seinem Spaß an der Musik auf jeden Fall.