Helden und Diebe – Die Toten Hosen auf dem Tempelhofer Feld Bericht (Bericht)

60.000 Menschen, ausverkauft, größter Stopp der Tour: Die Toten Hosen sind in Berlin! Erstmals seit vielen Jahren wird das Tempelhofer Feld wieder bespielt, die letzten zwei Großkonzerte dort fanden 2013 statt: ebenfalls die Hosen und anschließend Die Ärzte, die auch diesen Sommer am kommenden Wochenende das Gelände entern. Am Teil des ehemaligen Flughafen-Geländes entsteht also eine Open-Air-Location, zusätzlich als kleines Pilotprojekt für Nachhaltigkeit: komplett mit Ökostrom wird das Konzert laufen, rund die Hälfte des regulären Wasserverbrauchs solcher Größenordnungen soll eingespart werden. Einschränkungen gibt es dadurch keine, im Gegenteil: die Vorfreude an diesem 20. August 2022 auf die Jubiläumsshow der Düsseldorfer Barden und ihren drei Vorgruppen ist groß – davon hält nicht mal der angesagte Regen ab.

Am Ende zeigt der Regen sowieso genug Respekt und meidet das Festivalgelände, nur zu Beginn fallen einige Tropfen. Ganz trocken bleibt es während des ersten Auftritts des Abends also nicht: Stoned Jesus. Die ukrainischen Stone-Rock-Formation hat erst wenige Stunden vor Tourstart ein Ausreisevisum erhalten, Rowdies waren nicht erlaubt – es sind äußerst widrige Umstände, aber dennoch kommt die Formation aus Kiew freudestrahlend in Berlin an und spielt sich motiviert durch ihr halbstündiges Set. Die Musik ist fetzig, passt als Anheizer auch einigermaßen, nur die Endlos-Nummer „I‘m The Mountain“ ist vielleicht bei einem 30-Minuten-Set nicht unbedingt die richtige Wahl. Egal, großer Jubel – allein schön für die pure Tatsache, dass diese Band auf der Bühne steht.

Setlist: Electric Mistress / Thessalia / CON / I’m The Mountain / Here Come The Robots

© Pertramer.at

Deutlich weniger widrig dürfte die Anreise von Thees Uhlmann gewesen sein. Der gebürtige Hamburger wohnt schon einige Jahre in Berlin, unweit des Tempelhofer Felds – und erzählt auch freudig über Hosen-Fans, die ihn über den Tag hinweg nach dem Weg gefragt haben. „Ich komm dann später auch“ – nur eben auf die Bühne. „Der Mord an Vicky Morgan“, ein alter Hosen-Song aus 1984, gibt er solo als Einstieg zum Besten, bevor die Band auf die Bühne kommt und es zu den eigenen Songs wechselt. Ein kurzes, knappes Best-Of gibt es zu hören: „Danke für die Angst“, „Avicii“, sogar den Tomte-Klassiker „Ich sang die ganze Zeit von dir“. Die Stimmung ist wunderbar und man merkt Uhlmann jede Sekunde seines Auftritts an, was es für eine Ehre ist, für seine Teenie-Idole den Abend eröffnen zu dürfen. Am Ende natürlich: „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“. Genial!

Setlist: Der Mord an Vicky Morgan (Die Toten Hosen cover) / Fünf Jahre nicht gesungen / Danke für die Angst / Katy Grayson Perry / Ich sang die ganze Zeit von dir (Tome song) / Avicii / Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf

Aufgrund der aktuellen Kontroverse um Feine Sahne Fischfilet und den noch ungeklärten Umständen verzichten wir an dieser Stelle auf eine Berichterstattung.

© Bastian Bochinski

Die Sonne geht langsam unter, auch die letzte Regenwolke verzieht sich und gibt den Weg frei zum Beginn von Die Toten Hosen. Die beginnen, wie auch bereits in München, mit „Alle sagen das“ und „Auswärtsspiel“. Gleich zu Beginn wird klar: heute geht es rund, es stehen vor allem die lauten und fetzigen Nummern auf dem Programm. Immer wieder wechseln die Düsseldorfer ihre Setlist wild durcheinander und versuchen auch Werke einzubinden, die man sonst seltener oder vielleicht nie auf Konzerten von ihnen hört – dieses Mal darf u.a. ihr eigenes Manifest „Helden und Diebe“ dabei sein, auch „Niemals einer Meinung“ findet seinen Weg auf die Setlist. Ansonsten gibt es das volle Best-Of-Programm von „Wünsch dir was“ bis „Hier kommt Alex“. Über die vier Jahrzehnte haben sich so viele Hits angesammelt, dass allein diese bereits den Großteil der Setlist einnehmen. Denn wie könnte man ein Stadion-Konzert spielen ohne „Wannsee“, ohne „Steh auf, wenn du am Boden bist“, ohne „Alles aus Liebe“ oder gar ohne „Tage wie diese“. Man muss sich in Geduld üben, denn weit über 30 Lieder werden über die 135 Minuten Spielzeit zum Besten gegeben, aber am Ende kommen alle auf ihre Kosten.

© Bastian Bochinski

Für einen besonderen Moment sorgt vor allem der erste Zugaben-Block. Als Die Toten Hosen in Ost-Berlin gespielt haben, hat ihnen die Band planlos das Equipment gestellt und erst so den Auftritt ermöglicht – erwünscht waren die Hosen nie, auf offiziellem Wege hätten sie nie spielen dürfen. Das gleiche gilt auch für planlos, sie waren eine der Widerstands-Punk-Bands, die nur im Untergrund agiert und gespielt haben und von der Stasi verfolgt wurden. Ihre Songtexte, so erzählt Campino, konnten sie sich nur merken, eine Niederschrift wäre zu gefährlich gewesen. Ein besonderer Moment also, als die sich wiedervereinigten planlos das Zepter übernehmen und ihr Lied „Überall wohin’s dich führt“ spielen, bevor sie gemeinsam mit den Hosen das Vibrators-Cover „Disko in Moskau“ spielen. Zwei Brüder-Bands im Geiste, die ein Stück Berliner Punkgeschichte mitgeprägt haben. Direkt danach würdigt Campino noch einer weiteren Band aus dieser Zeit, die immer noch aktiv am Musizieren ist, indem „Schrei nach Liebe“ gecovert wird – kommende Woche dürfen die Original-Interpreten dieses Werk an drei Abenden darbieten.

Die Stimmung ist grandios, die Hosen sind bestens aufgelegt und sogar Bundeskulturministerin Claudia Roth schaut vorbei, wenn die Alt-Punker schon in der Hauptstadt auftreten. Natürlich, die fünf Männer sind längst ein relevanter, etablierter und riesiger Teil der deutschen Musikszene, das zeigt allein schon die Zugkraft von 60.000 Menschen zu diesem Konzert, und vielleicht sind sie auch nur noch in den Grundzügen die Punks von früher, aber ein wenig Rebellion wird immer in der DNA der Hosen bleiben, dafür gibt es zu viel Geschichte, auf die Campino, Kuddel, Breiti, Andi und Vom zurückblicken können. Und musikalisch knallt es immer noch, das bewiesen neue Nummern wie „Alle sagen das“ und „Amore Felice“ unlängst. Wem das alles nicht reicht, für den gibt es ganz am Ende des Konzerts doch noch zwei Uralt-Kracher: „35 Jahre“ und „Eisgekühlter Bommerlunder“. Damit wirklich auch der letzte des extrem breit gefächerten Publikums zufriedengestellt ist. Chapeau und auf die nächsten 40 Jahre!

Setlist: Alle sagen das / Auswärtsspiel / Altes Fieber / Paradies / Bonnie & Clyde / Liebeslied / 112 / Laune der Natur / Niemals einer Meinung / Scheiss Wessis / Halbstark (The Yankees cover) / Du lebst nur einmal (vorher) / Helden und Diebe / Das ist der Moment / Wannsee / Unter den Wolken / Alles wird vorübergehen / Pushed Again / Steh auf, wenn du am Boden bist / Alles aus Liebe / Wünsch dir was / Hier kommt AlexZugabe 1: Überall wohin’s dich führt (planlos) / Disco in Moskau (The Vibrators cover) / Schrei nach Liebe (Die Ärzte cover) / Zehn kleine Jägermeister / Schönen Grüß, auf Wiederseh’nZugabe 2: Tage wie diese / Verschwende deine Zeit / Freunde / You’ll Never Walk Alone (Rodgers & Hammerstein cover)Zugabe 3: 35 Jahre / Eisgekühlter Bommerlunder

Bericht: Ludwig Stadler