Vaterkomplexe und weibliche Emanzipation – „Die Räuberinnen“ an den Kammerspielen (Kritik)

Nur im Spiel, schrieb Friedrich Schiller, sei der Mensch wirklich frei und nach dieser Freiheit sehne er sich. Wie weit diese Freiheit von Regisseurin Leonie Böhm auf sein bekanntes Stück „Die Räuber“ angewendet werden kann, hätte aber Schiller selbst wahrscheinlich kaum für möglich gehalten. Wer bei „Die Räuberinnen“ in den Münchner Kammerspielen eine Nacherzählung der Geschichte Karl Moors und seiner polternden Räuberbande auf ihrem brandschatzenden und nonnenschändenden Weg zum gesellschaftlichen Umsturz erwartet, wird überrascht. Am Abend des 23. November. 2019 filetiert Böhm, die Meisterin der Reduktion, ohne falsche Ehrfurcht den alten Stoff um – wie Gro Swantje Kohlhof gleich zu Beginn in schillerschen, proklamatorischen Worten verkündet: „Das gewohnte Denken vom Geist aus zu verändern“ – eine erfrischend neue Perspektive zu entwickeln.

© Judith Buss

Die Aussage des Abends ist klar und unmissverständlich: Hier haben die Frauen das Sagen, wenngleich das ungleiche Brüderpaar Franz und Karl heißen und eben nicht künstlich effeminiert Franzi und Karla. Böhm hat, wie der Titel der Adaption nahelegt, alle Personen weiblich besetzt. Gro Swantje Kohlhof, Sophie Kraus, Eva Löbau und Julia Riedler führen heute die „Freiheit“ im stürmisch-drängerischen Munde, ohne den Ruf danach zu einem Fremdscham-Fauxpas werden zu lassen.

Doch soviel vorweg: Hier wird kein Profan-Feminismus betrieben, der Geschlechterbilder gegeneinander ausspielt; auch soll nicht der, damals 22-jährige, Autor, der 1781 diesen freiheitsdurstigen Text verfasste, für seine altklugen und Zeitalter bedingten Ansichten kritisiert werden. Böhm beweist vielmehr Gespür fürs Wesentliche und das wird eher subtil, entspannt und mit ironischem Charme an die Münchener Zuschauer herangetragen.

Vor einer überdimensionalen Cumulus-Wolke, die den gesamten Bühnenraum beherrscht, erzählen die Frauen in drei monologischen Studien von ihrer tiefen Schwermut. Franz Moor, gespielt von Eva Löbau, beklagt einen doppelten Schmerz: Die Zweitgeborene ist von Natur aus hässlich; zudem leidet sie unter der fehlenden Anerkennung ihres Vaters – weder Treckingsandalen noch ausladende Vulva-Lippen können daran etwas ändern. Das Wehklagen aus dem Mund einer Frau, einem vermeintlichen Schönheitsideal zu entsprechen, bekommt gleich eine ganz andere Schwere.

© Judith Buss

Nicht weniger hadert Everybody’s Darling Karl, hervorragend besetzt mit dem Darling der Kammerspiele Julia Riedler, mit ihren Selbstzweifeln. Sie liebt alle und alle lieben sie; aber was bringt das einem, wenn man sich selbst nicht liebt? Auch Amalia, gespielt von Sophie Krauss – bei Schiller ja die einzige Frau im gesamten Stück – ist verdammt auf dem Schloss Moor – immerhin mietfrei – ihre Malkünste zu verfeinern und außer hübsch dreinzuschauen keine andere Funktion zu erfüllen hat. Wenn sich für diese Frauen die Wolke ein Stück hebt, dann nur, damit es auf den jeweiligen Seelenstriptease herunterregnet.

Doch immer dann, wenn sich alle drei zu sehr im Selbstmitleid ihrer Seelenzustände suhlen, rettet es die Live-Musikerin Friederike Ernst durch humorvolle Songs, mit denen sie drei Monologe voneinander trennt. Vom Pupsen in den eigenen vier Wänden wird gesungen und schiefe und krumme Kitschreferenzen, wie Britney Spears-Schnulze „Everytime“. Das brave Liebchen Amalia wird auf einmal von Böhm mit gesunder Rotzigkeit gesegnet um, in Feinripp-Unterhose und Stiefeln, von der Bühne ins Parkett zu stürmen und brüllend das schlaffe Brüderpaar (und das Publikum) aus ihrer ätzenden Lethargie zu befreien.

Der Vollblutanarcho Spiegelberg, hier eine in sich ruhende Gro Swantje Kolhof als Spiegelberg, entführt im Finale alle in eine Fantasiereise: Wie bei Schiller führt der letzte Weg der Räuberbande in die Böhmischen Wälder. Nur dieses Mal ist es keine Flucht, sondern eine Rutschpartie. Im Regen der Wolke reißt sich das Quartett die Unterhosen vom Leib, die Sandalen, die Wollsocken, alles, bis auf die Haut, um auf dem blanken Hintern durch die Pfütze in Richtung vordere Parkett-Reihen zu schlittern. Eine außer Kontrolle geratene Therapiegruppe. Hier herrscht nur noch reine Spielfreude, die zugleich von einer Befreiung des weiblichen Körpers von aller Objektivierung kündet: Mit ihren Brüsten läuten sie den Sieg über den Zwang ein.Es ist eine absurde Freiheitserklärung gegen ebenso absurde Vorstellungen von Moral, Schönheit, Scham, und väterlichem Gesetz.

Leonie Böhm und ihr komplett weibliches Ensemble lässt „Die Räuberinnen“ an den Münchner Kammerspielen zu einer Befreiung und einem Selbstfindungstrip zugleich werden. Intimität ohne Zwang, eigene Gesetze, keine Angst. Raus aus den Mustern, rein in die Liveness. Ganz „frei“ nach Schiller.

Kritik: Carolina Felberbaum