Zwischen Dekadenz und Dunkelheit – „Cabaret“ im Deutschen Theater

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„Willkommen!“

Willkommen im Berlin der frühen 1930er Jahre! Willkommen im berühmt-berüchtigten Kit-Kat-Club! Schon die legendäre Eröffnungsnummer von „Cabaret“ und die Begrüßung durch den Conférencier (großartig vorgetragen von Greg Castiglioni) lässt das Publikum dieses Premierenabends am 16. März 2019 im Deutschen Theater voll und ganz in das exzessiv-frivole Nachtleben der Hauptstadt eintauchen. Ausgelassenheit, Freizügigkeit und Dekadenz bestimmen die Atmosphäre und zeigen Berlin als Mekka aller Vergnügungssüchtigen und Treffpunkt der Bohème. Noch existiert die Weimarer Republik, doch der Aufstieg der Nationalsozialisten hat längst begonnen. Wie zum Trotz gibt sich die Gesellschaft noch ein letztes Mal den Ausschweifungen der Clubs und Varietés hin und genießt die Shows, die knappen Kostüme und provokanten Tanzeinlagen in vollen Zügen.

© Kaufhold

John Kanders immer noch mitreißende Musik aus Jazz- und Revuenummern mit Klassikern wie „The Money Song“ macht es einem schwer, sich dem Charme des zwielichtig-verruchten Ambientes zu entziehen. Eine durch und durch gelungene Komposition, die den Vergleich mit Brechts „Dreigroschenoper“ sicher nicht zu scheuen braucht.
In der Mitte des Geschehens ist Sally Bowles die Attraktion des zweitklassigen Nachtclubs, innerlich zerrissen und doch mit den Attitüden einer glamourösen Bühnendiva. Helen Reuben verkörpert diese Ambivalenz äußerst überzeugend und ist sicher ein Star dieses Musical-Abends. Sie trinkt und raucht wie ein Schlot, sie kokettiert und fasziniert, erscheint mal stark und dann zerbrechlich. Als ihr Chef und Freund sie vor die Tür setzt, quartiert sie sich kurzerhand im Pensionszimmer des gerade angereisten Amerikaners Cliff Bradshaw (Ryan Saunders) ein. Zwischen beiden entwickelt sich eine kurze Romanze, doch als sich Sally ihrer Drogensucht hingibt und ihr gemeinsames Kind zugunsten der erhofften Karriere abtreiben lässt, endet die Beziehung bald darauf in Leid und Tränen.

Auch der zweiten Liebesgeschichte in „Cabaret“ ist kein Happy End beschert und geht sogar noch mehr unter die Haut. Fräulein Schneider (Sarah Shelton) und Herr Schultz (Richard Derrington), beide bereits recht betagt, feiern gerade Verlobung. Ihr spätes Glück scheint greifbar nahe, als sich herausstellt, dass Schultz Jude ist und der Antisemitismus sich in seiner brutalen Fratze offenbart. Der Moment, als der Nationalsozialist Ernst Ludwig (Matt Blaker) seinen Mantel ablegt und das Hakenkreuzabzeichen zum Vorschein kommt, wird zum Wendepunkt des zweieinhalbstündigen Stückes, dessen Charakter von nun an deutlich bedrückendere Züge annimmt. Bald fliegen die ersten Steine und die Anfeindungen gegen Schultz und Bradshaw, der die gefährliche Entwicklung durchschaut, werden immer massiver. Bradshaw verlässt das Land und auch Fräulein Schneider beugt sich dem zunehmenden Druck der neuen politischen Agenda und verzichtet auf die Hochzeit. Shelton und Derrington spielen das Paar äußerst liebenswert mit einem herzzerreißenden Feingefühl und verleihen der Inszenierung in den etwas stilleren, behutsameren Passagen absolute Glaubwürdigkeit und Tiefgang.

© Kaufhold

Auch das Bühnenbild – mal Nachtclub, mal Pension, mal Bahnhofshalle – und die tollen Kostüme, für die sich Simon Kenny verantwortlich zeigt, tragen maßgeblich zur dichten und authentischen Atmosphäre dieses Theaterabends bei.
So entsteht das Panorama einer Zeit, deren Geist bis heute nachwirkt. „Cabaret“ ist nicht nur ein gelungenes, abwechslungsreiches Musik- und Choreographie-Spektakel, sondern auch ein Bilderbuch des Scheiterns menschlicher Beziehungen – im Kleinen wie im Großen.
Es ist die Geschichte von Tätern, Opfern und Mitläufern – und einer großen schweigenden Mehrheit, die selbst dann noch alles akzeptiert oder einfach wegsieht, wenn der Weg in die Katastrophe bereits konkrete Formen angenommen hat. Parallelen zur heutigen Zeit sind hier unübersehbar. Am Ende der Vorstellung ist dann auch die Party endgültig vorbei, das letzte Stückchen Hoffnung verflogen. So verlischt das Licht der Scheinwerfer – und es bleibt nur noch Dunkelheit…

Fazit: Regisseur Tom Littler und das English Theatre Frankfurt bringen mit „Cabaret“ ein echtes Musical-Highlight nach München! Auf jeden Fall eine Inszenierung, die man nicht verpassen sollte! Bis zum 30. März im Deutschen Theater zu sehen!

Kritik: Hans Becker