„Das Sterben geht weiter“ – „Auf ewig unser Gestern“ im Marstall (Kritik)

Laut, polyphon, irgendwie durcheinander. Tausend Aussagen und dennoch fast immer eine Meinung. Mit „Auf ewig unser Gestern“ eröffnete am 23. Juni 2018 das Residenztheater ihren Marstallplan 2018. Unter dem Motto „Welt/Bühne“ gibt es ganze fünf Uraufführungen in zwei Tagen – den Start macht um 18 Uhr das Auftragswerk von Maria Milisavljević. Die in Passau studierte Autorin übernimmt damit auch den Beitrag für den Kontinent Europa – denn jedes Stück stammt aus der Feder einer Person, die auf einem anderen Kontinent lebt. Ein spannendes Projekt, inszeniert von jungen Regisseurinnen und Regisseuren.

© Konrad Fersterer

Bereits vor dem Marstall ist ein LKW positioniert, umgebaut als Sitz-Lounge mit Kissen und Stufen. Später, nach dem Premieren-Marathon, wird hier ein Publikumsgespräch stattfinden. Damit das zustande kommen kann, müssen die Werke logischerweise erst einmal aufgeführt werden. Milisavljević selbst ist vor Ort und lässt sich die Uraufführung freilich nicht entgehen, genauso wenig wie Regisseurin Franziska Angerer, die in wenigen Kilometern Luftlinie Entfernung in der Theaterakademie August Everding studiert. Ihre Entscheidung – Bildgewalt im Rahmen der Möglichkeiten. Die drei großen Fenster werden kurzerhand zur Projektionsfläche eines Beamers, in der Mitte der Bühne wird zu Beginn aus einem wollartigen Stoff ein exaktes Dreieck ausgelegt. Dieses Dreieck soll im Laufe der Zeit immer mehr zerstört und durchbrochen werden. Die Öffnung der Türe? Wer weiß.

© Konrad Fersterer

Die Türe und ihre Öffnung oder Schließung – das ist auch das Zentralmotiv, um das sich der Text von Maria Milisavljević dreht. Die verschiedenen Meinungen von Menschen, ob sie nun auf- oder zugemacht werde, wer das wie sehe, wer wohl hereinkommen könne und wieso man doch eigentlich noch nie die Tür offen gelassen hätte. Dabei wird gerne einmal zeitgleich in die vier Mikrofone für die vier soliden, aber kaum hervorstechenden Hauptdarsteller (Cynthia Micas, Christian Erdt, Arthur Klemt, Barbara De Koy) gesprochen, sodass dank der verschiedenen Ton-Ausgabeorte glücklicherweise nur selten ein Brei, aber dennoch ein Durcheinander entsteht. Doch immer, wenn viel zu viele auf einmal etwas sagen, hat letztendlich nie jemand etwas zu sagen. Der Großvater als Kriegsveteran? Die herzensgute Großgroßmutter, die alles andere als das war? Das Kind, das gegen die Schließung der Türe protestiert, da es Stimmen von draußen vernimmt? Sie alle haben ihre Position und wollen ihre durchbekommen – und ja, die Tür-Schließer sind in der Überzahl.

Es ist anstrengend. Zwar dauert das Stück nicht länger als 50 Minuten, dennoch ist ein konsequentes und intensives Verfolgen des Textes eine Zerreißprobe – zu viel auf einmal. Und genau das wollten Milisavljević und auch Angerer mit ihrer Inszenierung augenscheinlich bewirken. Freilich lässt sich da wieder die Parallele zur Flüchtlingskrise ziehen. Und freilich reden auch hier besonders viele Leute mit besonders wenig Ahnung besonders laut über das Thema. Genau da stellt sich aber die Frage, ob es das Theater nicht ein wenig übertreibt. Natürlich, die Kollegen in der Maximiliansstraße sind da noch stringenter und präsentieren in jeder zweiten Premiere eine neue Sichtweise auf die Flüchtlingskrise – da zweifelt man leider ernsthaft an, ob das Theater da nicht wirklich viel besser als die Politik selbst ist, die sich schwerpunktmäßig auf dieses und nur dieses Thema festbeißt. Immerhin kommt der Beitrag hier angenehm komplex und nicht unnötig plump daher. Doch auch wenn Angerer den starken Text nicht besser inszenieren hätte können, bleibt die Bedeutung dessen trotzdem – fast zu klein.

Kritik: Ludwig Stadler