Identität und Krise – „Mignon“ im Cuvilliéstheater (Kritik)

Das Residenztheater hat noch im Juli zur etwas anderen Spielzeitkonferenz gesagt, dass man das Cuvilliéstheater aufgrund der geringen Kapazität vorerst nicht bespielen werde. Die Bayerische Staatsoper hält das nicht davon ab, das bereits im April geplante Werk „Mignon“ doch noch Premiere feiern zu lassen und bespielt vor weniger als 150 Personen im September das wunderschöne Rokoko-Theater. Das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, welches bereits im vergangenen Jahr mit „Mavra / Iolanta“ große Erfolge feiern durfte, schließt nun nicht minder erfolgreich daran an.

© Wilfried Hösl

Die Oper von Ambroise Thomas wird für den Abend zwar reduziert, aber so minimal, dass sowohl Handlung als auch fast die gesamte Laufzeit bestehen bleiben. Rund 140 Minuten am Stück irren Mignon, ihr Geliebter Wilhelm Meister, der verwirrte fahrende Sänger Lothario und die eingebildete Philine umher, bis sich alle finden und erkennen – ein übliches Opernszenario. Und auch wenn es handlungstechnisch sicherlich keine Überraschungen gibt, schafft es Regisseurin Christiane Lutz die Inszenierung doch zeitlos und modern wirken zu lassen, mit Assoziationen zum Film „Joker“ bei Jarno, aber auch kühlen weißen Wänden, die Plattform von Videoprojektionen in Form von Erinnerungen werden. Der eindrucksvollste Regiestreich gelingt zu Beginn des 3. Aktes: die junge Mignon (Nina Laubenthal) als stumme Erinnerung der Protagonistin öffnet eine Tür und hat Blick auf den Tod ihrer Mutter im Feuer – bildstark und einnehmend.

© Wilfried Hösl

Wirksam aber auch die Musik: das knapp 20-köpfige Bayerische Staatsorchester spielt unter Pierre Dumoussaud in zwar dünner, aber dennoch eindrucksvollen Form. Die Musik von Thomas erweist sich dabei als sowohl eingängig als auch fein auskomponiert, sodass wahrlich die Frage aufkommt, wieso diese Oper eigentlich nicht mehr Bekanntheit vorweisen kann. Die Mitglieder des Opernstudios werden in den Rollen deutlich in ihren Stärken präsentiert – vom stimmstarken Belcanto-Sopran Juliana Zara als Pheline bis zum klanggewaltigen Bass Christian Valle als Jarno und Antonio. Besonders glänzend: Sarah Gilford als Mignon und Andres Agudelo als Wilhelm Meister. Vor allem der Tenor weiß stimmlich viele Facetten zu zeigen, wenngleich sein übertriebenes Gestikulieren wohl doch zu sehr ins Auge sticht. Gilford weiß mehr in der Rolle zu bleiben – und nicht nur in einer. Ob als verschüchtertes, entführtes Mädchen oder Sperata, die verschollen geglaubte Tochter des Grafen – eine äußerst eindrucksvolle Leistung.

Bedauerlich bleiben am Ende eigentlich nur zwei Dinge – das finale Ende und die niedrige Zuschauerzahl. Während das eine schwerlich beeinflussbar ist, fragt sich doch, wieso man sich für den tragischen Tod Mignons entschieden hat, der erst in eine nachträgliche Fassung eingefügt wurde. So bleibt Lothario, Wilhelm und Mignon das Glück nur kurz hold, bevor die Protagonistin stirbt und das Bühnenlicht erlischt. Die Münchner applaudieren lang und ausgiebig – zurecht! Das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper hat in dieser wunderbaren Inszenierung von Christiane Lutz ein weiteres Mal bewiesen, dass sie eines der vielversprechendsten Weiterbildungszentren für Opernsänger*innen weltweit sind. Bravi!

Kritik: Ludwig Stadler