Na Na Na – My Chemical Romance in der Olympiahalle (Bericht)

Es gibt diese Künstler*innen und Bands, die Tausende von Menschen tagtäglich in die großen Hallen der Nationen ziehen, aber im allgemeinen Bild reichlich unbekannt sind. So sind My Chemical Romance sicherlich eine dieser „Special Interest“-Bands, wenn nicht sogar eine der derzeit größten. Ihre Reunionsverlautbarung im Herbst 2019 nach über sechs getrennten Jahren resultierte so bei vor allem den Gruppierungen der Emo-Strömungen in euphorischer Freude, haben die Amerikaner auch in ihren getrennten Jahren dort weiterhin viele Fans generiert und sind gerade wegen der Live-Unerreichbarkeit noch einmal ein deutliches Stück größer geworden. Das eigentlich einzige Deutschland-Konzert in Bonn 2020 war rasend schnell ausverkauft, findet nun im Juli 2022 aus bekannten Gründen schlussendlich wirklich statt. Hinzugefügt wurden bei der Deutschland-Rutsche nun auch Berlin und am 6. Juni 2022 die Olympiahalle München.

Rund 9.000 Leute dürften sich, vorrangig in schwarz gekleidet, auf den Rängen und im stehenden Arena-Bereich befinden. Das schlägt den letzten München-Auftritt von MCR 2011 im Kesselhaus vor rund 2.500 Besucher*innen noch einmal deutlich, verwundert aber auch wenig – Fans aus ganz Deutschland und Europa reisen an, um die früheren Emo-Jungs ihre Dauerbrenner endlich spielen zu sehen. Zuvor aber: Starcrawler. Das amerikanische Female Fronted-Gespann widmet sich ab etwa 19:55 Uhr der klassischen Rock-Musik und musiziert teils in bester Manier der Stones (die am Vortag in München auftraten), teils wird es dann aber doch noch einmal ruppiger und rotziger. Vor allem Frontfrau Arrow de Wilde überzeugt durch gediegenen, aber in den richtigen Momenten exzessiven Gesang, ekstatischem Tanzbewegungen und allgemein reichlich Bühnen-Charisma, sodass die Performance der Gruppe durch die gut 30 Minuten mitreißend bleibt.

Nach dem Umbau für die Hauptband wummern bereits ab etwa 20:50 Uhr lautstark die Boxen, dazu blinkendes Rotlicht. All das steigert sich über die kommenden Minuten, erzeugt Spannung, dann wird es nervtötend, um 21:10 Uhr stehen My Chemical Romance aber auf der Bühne und geben „The Foundations Of Decay“ – der erste neue Song seit über zehn Jahren – zum Besten. Oft wird das zwar überschrien von den extrem lautstarken Fans, aber der Sound hapert bereits zu Beginn: die Instrumental-Fraktion bleibt matschig und nuancenlos, der Gesang zu leise, zweimal setzt die Tonanlage aus. Das pendelt sich zwar alles im Laufe der Zeit deutlich ein, ist aber vor allem zu Beginn schade, da man etwas die Songs erraten muss. Solange lohnt es sich aber, die Bühne zu bewundern, die mit mehrdimensionalen Bannern eine wunderbares, post-apokalyptisches Szenario erzeugt, dass das Konzert schön untermalt, auch wenn die reine Grafik noch bisher unbekannt ist – womöglich auch kleine Zeichen für noch mehr neue Musik.

© Pooneh Ghana

Die Menge freut sich vor allem über eines: einen Haufen alter Hits, die man endlich wieder oder gar erstmals live hört. Besucher*innen von My Chemical Romance sind automatisch auch Fans mit Leib und Seele, spontane Charts-Hörer findet man hier nicht, da die Band nie groß in den Charts zu finden war, höchstens „Welcome To The Black Parade“ hat es mal ins Rock-Radio geschafft. Vor allem hängen sie aber an einem heiligen und für andere Bands schier unerreichbaren Ort der Emo-Szene, ganz an der Spitze und sind Trostpflaster, Hilfe, Auffanglager oder einfach nur wohliger Ort für Menschen mit Zweifel, Depressionen und Ängste. All diese Gefühle versucht Frontmann Gerard Way in Textform zu gießen, er hat sie selbst erlebt und überwunden, von Sucht bis Depression. Gelungen ist das alles, das sieht man an den glücklichen, fast schon seligen Gesichtern in der Olympiahalle. Da kann man drüber hinwegsehen, dass Way nicht der große Entertainer ist und die Ansagen zumeist eher für Fragezeichen sorgen, auch die etwas kurze Spielzeit von 85 Minuten kann vernachlässigt werden – My Chemical Romance haben es endlich geschafft nach München und nur das zählt für die passionierte Fan-Schar. Na Na Na!

Setlist: The Foundations Of Decay / I’m Not Okay (I Promise) / Give ´Em Hell, Kid / Skylines And Turnstiles / Summertime / Vampire Money / Mastas Of Ravenkroft / Na Na Na (Na Na Na Na Na Na Na Na Na) / Welcome To The Black Parade / Destroya / The Ghost Of You / Cemetery Drive / Teenagers / Mama / Famous Last Words / SleepZugaben: Helena / The Kids From Yesterday

Bericht: Ludwig Stadler