Deine Kusine – Bohren & der Club of Gore in den Kammerspielen (Bericht)

Bohren: Ein mitunter riskantes, mitunter subversives Unterfangen; welche geheimen Adern, Leitungen, Reservoire liegen unter oder hinter der Oberfläche? Wie dünn ist die Wand, die zu dübeln ich gedenke? Oder: eine heimliche Tätigkeit der Nacht, die an den Fundamenten neuer und alter Bauten nagt – das gebohrte Loch als gähnendes. Einsturz, Deflation in die Ratlosigkeit, die Langeweile (»Other Bands play, Bohren bore«). Oder: Die pure Lust an der Penetration einer Undurchdringlichkeit – mittels einer noch größeren Undurchdringlichkeit; »Penetrate the evening that the city sleeps to hide« – mittels der allerschwärzesten Nacht (»Maximum Black«), durch die die »Dandys lungern«, zwielichtige Gestalten opaker Coolness.

© Kim von Coels

In solcher sich zu üben hatte am Sonntag (28. November 2021) eine unter den aktuellen Umständen beachtlich große kleine Menge an Münchner Dandys und Dandinnen Gelegenheit, die sich in den Kammerspielen eingefunden hatte, um Bohren & der Club of Gore zu sehen. »Da kommen wir aus dem relativ sicheren NRW hier her in Euer Dritte-Welt-Bundesland… Das ist schon mal einen Applaus wert« frotzelt ›Frontman‹ Christoph Clöser in unnachahmlicher schnodderiger Liebenswürdigkeit. Frontman bedeutet: Er ist diejenige der drei auf der fast stockdunklen Bühne agierenden Gestalten, die ab und zu das Wort ans Publikum richtet. Hauptsächlich spielt er Saxo- und Vibraphon im Wechsel, während neben ihm Morten Glass zugleich Keyboard und Percussion bedient (seit 2015 hat der Club keinen designierten Drummer mehr). Ganz links zupft Robin Rodenberg mächtig am Bass. So schlecht die Sicht auch sein mag, der Sound ist wunderbar: Voluminös und darin zugleich einlullend und dräuend. Dark Jazz nennt die Band ihren Stil: Sehr langsame, meist ums Saxophon ausgebreitete Jazz-Stücke, Soundtracks imaginärer, zu imaginierender Filme Lynchischer Art. Moody and elevating – to the gallows(?). …Nur irgendetwas im Raum sitzt nicht recht fest und vibriert geräuschvoll unter Rodenbergs Bassläufen.

© Kim von Coels

Dass die Band als Trio agiert mag persönliche Gründe haben, allerdings entsteht manchmal der Eindruck, dass die Stücke dadurch, dass die Musiker oft mehrere Instrumente zugleich oder im Wechsel bedienen müssen, ein wenig an Flüssigkeit und Kohärenz einbüßen, etwa wenn Clöser vom Vibraphon ans Saxophon wechselt, wodurch es stets zu einem kleinen Hiat kommt.
Das Konzept des Abends: Präsentation des neuen Albums »Patchouli Blue«. Patchouli ist eine Pflanzenart aus der Familie der Lippenblütler. Und Blau ist die Farbe des Ozeans und des Himmels. Und weiter? Nichts weiter.

Bohren etc. nehmen das, was sie tun, sichtlich erst, sich selbst allerdings nicht mehr, als es für eine aufrichtige und aufmerksame Haltung braucht. Sie verweigern sich irgendwelchen Botschaften, die sich in (wenigen) Worten oder Bildern ausdrücken ließen. Die Musik spricht für sich, doch auch sie offenbart sich nicht, bleibt im Spiel mit Stilen und Stilfiguren undurchdringlich, bleibt wie das im Glimmen einer Zigarette aufscheinende Gesicht einer zwielichtigen Nachtgestalt dem Rätsel treu – und sehr cool.

Zum Abschluss gibt es noch »drei Kracher aus unserer glorreichen Vergangenheit, die nicht an unsere glorreiche Zukunft heranreichen«, bevor sich die drei Schattenmänner unter für die Verhältnisse stürmischem Applaus verabschieden. Wie schön, dass dieses Konzert (noch) zustande kam.

Setlist: Total Falsch / Verwirrung am Strand / Glaub mir kein Wort / Patchouli Blue / Deine Kusine / Vergessen & Vorbei / Sollen es doch Alle wissen / Tief gesungen / Zwei Herzen aus Gold / Sag mir, wie lang / Meine Welt ist schön – Zugabe: Maximum Black / Prowler