Dies ist nicht die Stunde – „Jekyll & Hyde – Das Musical“ im Deutschen Theater (Kritik)

Die Novelle um die zwiegespaltene Person um Dr. Henry Jekyll und Edward Hyde ist unlängst Kult, unzählige Adaptionen auf Bildschirm und Bühne untermauern diesen Status nur noch mehr. Die vielleicht bekannteste Umsetzung ist Frank Wildhorns Musical-Version, „Jekyll & Hyde – Das Musical“, dass viele Jahrzehnte und auch immer wieder zurückkehrend am Broadway spielt. Sogar David Hasselhoff hat vor rund 20 Jahren die Rolle des umtreibenden Doktors gespielt. Nun kommt eine frische Inszenierung, die diesen Sommer in Merzig Premiere feierte, nach München ins Deutsche Theater und spielt ab 3. Februar rund zwei Wochen in den historischen Mauern der Schwanthalerstraße.

© Rolf Ruppenthal

Tatsächlich fragt man sich bei der Bedeutung dieses Werkes, wieso es eigentlich so lange gedauert hat, Wildhorns Melodien in einer Metropole wie München einmal wieder zu hören. Die Merzig-Inszenierung von Musical-Dauer-Regisseur Andreas Gergen ist dabei gar kein langfristig geplantes Unterfangen gewesen, sondern in einer recht zackigen Probe- und Entwicklungszeit entstanden, um sommer- und coronafest stattfinden zu können. Im Deutschen Theater, näher dran und mit mehr Fokus auf das Geschehen, findet das Stück also einige Monate später eine Wiedergeburt mit der exakt gleichen Besetzung. Die Erwartungen sind hoch, doch werden bereits zu Beginn zum Wanken gebracht – zu holprig der Einstieg, zu stark die Kürzungen, zu undurchsichtig die Handlung. Bis man sich tatsächlich im Fahrwasser des Geschehens befindet, vergeht rund die Hälfte der Zeit. Bis dahin und darüber hinaus ist es ein Wechselbad aus Stärken und Schwächen.

Die Stärken dieses Abends: fraglos das Stück. Stoff, Musik und Story von „Jekyll & Hyde – Das Musical“ sind seit jeher zurecht bekannt und erfolgreich. Darstellerisch könnte das Ensemble glänzen, gesanglich können wuchtige Glanzmomente erreicht werden. In jeder Hinsicht gelingt das Miriam Neumaier, die als zweifelnde und schlussendlich gebrochene Prostituierte Lucy eine schauspielerisch starke und gesanglich überragende Leistung hinlegt und damit ihr Ensemble bei Weitem übertrumpft und ihre Kolleg*innen in Grund und Boden spielt. Ihr nach folgt Milica Jovanovic als Jekylls Ehefrau Lisa Carew, deren größter Kritikpunkt der ist, für den sie nichts kann: ihre Rolle bleibt, auch dank Kürzungen, zu klein. Das Duett von Lucy und Lisa, „Nur sein Blick“, wird damit, neben den Solis von Neumaier, zum absoluten Höhepunkt des Abends.

© Rolf Ruppenthal

Zwangsläufig führt das zu den leider überwiegenden Schwächen: Ton, Teile des Ensembles und vor allem die Inszenierung. Die Akustik im Deutschen Theater ist allgemein nicht immer die Beste, aber zumeist gelingt es doch, einen glasklaren und wunderbaren Sound zu entlocken. Hier bleibt es leider recht blass und matschig, der Band fehlt es an Nachdruck und die Gesangsmikros sind, trotz richtiger Lautstärke, einfach zu leise, um die Texte gut zu verstehen. Zwar möchte man zumindest das Ensemble immer loben, doch die Tonschwächen sind hier zu Teilen darauf zurückzuführen: den Stimmen fehlen Druck, gute Artikulation und manchmal sogar die Fähigkeit, alle Töne korrekt zu erreichen. Am meisten trifft das gerade auf die Hauptrollenbesetzung, Fabio Diso, zu. Selbst wenn Bemühungen zu erkennen sind, fehlen ihm Esprit und Ausdrucksstärke, um der Rolle darstellerisch gerecht zu werden und auch sichtbar zwei verschiedene Personen darzustellen, ebenso gestalten sich die schwindelerregenden Höhen wie in „Konfrontation“ und „Dies ist die Stunde“ als Herausforderung, die bei letzterem stimmlich nicht ansatzweise gelingt. Schade.

© Rolf Ruppenthal

Der schwierigste Fall ist wohl die Inszenierung, die sichtlich nie den provisorischen Schuhen entwachsen ist. Große Leinwand-Projektionen sind ein dankbares Instrumentarium, wenn man sie gut einsetzt – hier hapern allerdings die Animationen, zeigen unübersehbare Pixel-Schwächen und streckenweise etwas zu oft ein Langnese-Schild. Doch vor allem die sich häufenden Kleinigkeiten verursachen ein unfertiges Bild. So zeigt die Leinwand sichtbar physikalischen Vektor-Formeln, als Jekyll medizinische Berechnungen anstellt, an einer anderen Stelle dreht sich das Ensemble mit dem Stuhl über den Kopf, aber offensichtlich ohne jegliche Choreo. Auch, dass fast durchgehend alle Darsteller*innen auf der Bühne sind (ohne jegliche Funktion), lässt den Fokus verlieren und macht die Inszenierung anstrengender, als sie sein sollte. Verwunderlich wiederum ist, dass man bei Mr. Hydes Morden Kunstblut und Darstellungsradikalität einspart, während man an anderen Stellen offensichtlich einen unerwartet zügellosen Weg fährt, wie beispielsweise in „Schafft die Männer ran“, das in einer überraschend offenherzigen Orgie und der wohl ersten expliziteren Nacktszene in einer Musical-Inszenierung mündet. Es bleibt ein inkonsequentes Bild, vergleicht man die beiden Umsetzungen.

So bleibt eine Inszenierung, die durch Kürzungen zwar nur rund 100 Minuten geht und dadurch zwangsläufig kurzweilig erscheint, aber an so viele Stellen hapert, dass man doch unzufrieden das Theater verlässt. Viele kleine Stellschrauben hätten „Jekyll & Hyde – Das Musical“ sicherlich in einem runderen Licht erscheinen lassen – womöglich wird die Inszenierung zur Wiederaufnahme im Sommer 2022 ja noch einmal überarbeitet. Soweit bleibt nur zu sagen, dass sie es leider nicht ist, die schönste Stunde hier von allen.

Kritik: Ludwig Stadler