„Ein Stück für Münchner“ – Jeeps in den Münchner Kammerspielen (Kritik)

Am 21. November 2021 gab es in den Münchner Kammerspielen mal wieder eine Weltpremiere, also eine Uraufführung zu bestaunen, was immer mit Erwartungen verbunden ist, keine Vergleiche mit vorherigen Inszenierungen ziehen zu können. Was soll den Zeitgeist denn auch besser einfangen als ein völlig neues Stück, was soll die Probleme, Wünsche und Hoffnungen der modernen Welt besser bedienen? Nora Abdel-Maksoud hat sich an diese Aufgabe gemacht und versucht nun mit Jeeps genau das zu liefern: ein modernes Problem auf eine moderne Art und Weise einem modernen Publikum vermitteln. Doch manchmal bleibt bei all dem Modernen die Essenz zurück, und am Ende kann eine Mockumentary maximal die Absurdität der Welt aufzeigen, während es ihr an Lösungsansätzen mangelt.

© Armin Smailovic

Grundsätzlich beschäftigt sich Jeeps mit einem Problem, welches immer häufiger zur Sprache kommt: Die Erbschaft. Ist es fair, dass man zufällig und ohne sein Zutun reich werden kann, indem man in der „Eierstocklotterie“ gewinnt? In naher Zukunft, unter der Regierung von Christian Lindner, wurde die Idee radikal weitergedacht: Jedes Erbe wird erstmal verstaatlicht, und jeder kann, wenn er will, sich im Jobcenter ein Los kaufen und das zweite Mal Lotto spielen; der Arbeitslose genau wie der Enterbte. Vor diesem Hintergrund stoßen vier völlig unterschiedliche Menschen aufeinander: Der etwas überdrehte und großkotzige Armin, der schon lange im Jobcenter arbeitet und kaum mit den Arbeitslosen umgehen kann; sein Kollege Gabor, ein junger, prinzipientreuer Angestellter der versucht, alles richtig zu machen; die Autorin Maude, die vom Hartz-IV Regelsatz leben muss, seit sie nach einer Überdosis Stechapfel „nicht mehr ganz richtig im Kopf ist“ und ihre Freundin, die enterbte Unternehmerin Silke, die ohne das Geld ihres reichen Vaters plötzlich alles verloren hat. Am Tag des Champions-League Finale versuchen nun Maude und Silke, bewaffnet mit einer Pistole und bereit, den neuen Geländewagen Gabors zu sprengen, ihre Forderungen durchzusetzen: Maude will acht Euro mehr Grundsicherung und Silke ein Los für das Erbe ihres Vaters, welches ihr Aufgrund eines Formfehlers nicht ausgehändigt wurde. In dieser absurden Situation versuchen nun alle möglichst gut davonzukommen, doch man merkt schnell, dass eigentlich nichts so ist, wie es scheint. Freundschaften sind nur gespielt, Gabor, der Unbestechliche, verliert immer mehr die Kontrolle, und in den Wartehallen A und C, wo Kinder, die aufgrund von Platzgründen für ihre Eltern Arbeit suchen, neben den Enterbten warten, die Foodtrucks und Boulderwände aufbauen, beginnt die Situation langsam zu eskalieren.

Das Stück ist dabei nicht linear aufgebaut, sondern in mehrere Ebenen unterteilt: Die Haupthandlung spielt am Tag des Champions-League-Finale im Büro des Jobcenters, während die Hintergrundgeschichten meistens von den Charakteren selbst ad-hoc erzählt und teilweise auch nachgespielt werden. Das Ganze geschieht im Stil einer Dokumentation; die Handlung wird sehr oft durch die einzelnen Figuren unterbrochen, welche dann Erklärungen abgeben oder Hintergründe erläutern, sich verteidigen, sich gegenseitig unterbrechen oder Einblicke in die Zukunft geben. Von Anfang an wird die vierte Wand durchbrochen, was auch bis zum Ende hin so bleibt und sehr schnell „normal“ wird. Anfangs ist das auch sehr amüsant, doch es kann schnell verwirrend und ablenkend werden und somit die eigentliche Essenz des Stückes in den Hintergrund stellen.

© Armin Smailovic

Auch anderes stört den Fluss enorm. Zwar soll das Stück als „Komödie“ zum Lachen bringen, doch beschäftigt es sich gleichzeitig mit einem polarisierenden politischen Thema. Was man also eventuell erwartet, sind politische Witze und Situationen, welche die Idee und das Thema Ad Absurdum führen, doch erfüllt sich dies nur teilweise. Es wird gelacht über die Absurdität der Behörden, deren Sprache niemand versteht, die Lächerlichkeit, mit der die Münchner Startupszene neue Businesses wie Lederhosen-Laptoptaschen aus lokalen Rindern hervorbringt, wie sich Reiche als sparsame Märtyrer hinstellen und neoliberale Gesellschaftspolitik als Politik für die kleinen Bürger. Jedoch werden diese geschickten Angriffspunkte, die teils auch in die Tiefe gehen, von unzähligen Penis- und sonstigen Flachwitzen übertönt. Vielleicht um die Sache ja nicht zu ernst zu machen und das Publikum bei Laune zu halten, vielleicht aber auch als Allegorie auf die Moderne Welt, in der ein kurzweiliger Witz interessanter ist als ein tatsächliches politisches Problem.

Gelobt werden soll die Charakterzeichnung. Alle vier Personen werden von den Schauspielern nicht nur hervorragend verkörpert, sondern sind auch ausgezeichnet geschrieben. Die meisten Zuschauer werden sich in einem von ihnen, oder zumindest in einem Wesenszug, unangenehm wiedererkennen; und diese ändern sich oft. Keiner ist, wie er scheint, und im Laufe des Abends fallen einige Masken. Am Ende muss man feststellen, dass alle vier eigentlich nur „Scum“ sind, Abfall, wie jeder andere auch.

Vielleicht ist das Stück aber im Grunde doch richtig. Es schwankt zwischen kurzweiliger Unterhaltung und politischer Diskussion, ohne Lösungsansätze aufzuzeigen. Es ist etwas, worüber man nachdenken muss, manchmal subversiv, immer viel zu albern, teilweise nicht dumm. Es zeigt aber auch, dass man es niemandem Recht machen kann und dass am Ende jeder der Akteure leidet.

Kritik: Cedric Lipsdorf