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Frau spielt Mann spielt Frau – „Was der Butler sah“ im Marstall (Kritik)
Ja, was sah der Butler nun eigentlich? Das Stück von Joe Orton zählt zu den bekanntesten Titel des Englischen Theaters im 20. Jahrhundert, wurde posthum aufgeführt und gleich zum Skandalstück erklärt. Nun hat sich das Residenztheater an den Stoff gewagt, passend zum Pride Month, und ein überaus interessantes Stück inszeniert, welches aber nicht jedem gefallen dürfte. Eigentlich ist der Inhalt des Stücks nicht schwierig zu erklären: Dr. Prentice (Juliane Köhler) versucht seine neue Sekretärin Geraldine Barcley (Christian Erdt) zu verführen, wird dabei aber von seiner Frau (Florian von Manteuffel) erwischt und muss sich nun etwas einfallen lassen, um aus der Situation wieder heil raus zu kommen. Schließlich taucht auch noch…
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Wahrheit oder Pflicht – „Ich hab noch nie“ in der Schauburg (Kritik)
Ich hab noch nie, „Never have I ever“ oder „Flaschendrehen“ – wer kennt diese Teenagerspiele nicht? Eine Mischung aus Spaß und Anspannung, etwas von sich preisgeben oder den Daniel nebenan in fünf Sekunden auf den Mund küssen zu müssen. Begleitet von süßem und billigem Alkohol wie billigem Sangria oder Vodka mit Orangensaft. Da entstehen Suff-Freundschaften für einen Abend oder lustige Stories, die im Freundeskreis zur Legende werden. Genau in diesem Setting findet sich „Ich hab noch nie“ von Nelly Winterhalder, das am 16. Juni 2021. in der Münchner Schauburg seine deutsche Erstaufführung feiert. Inszeniert von Katharina Mayrhofer, die in der Schauburg bereits mit der Inszenierung von „Untern Kindergarten“ punktete, stellt sich der Abend für ein Publikum…
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Die Kunst der Selbstliebe – „Abtauchen und Auftauchen – Kapitel 1“ in den Kammerspielen (Kritik)
Schon beim Betreten der doch recht selten bespielten Unterbühne der Münchner Kammerspiele befindet man sich in der Tiefsee: azurblaue Beleuchtung, ein Krake aus Belüftungshauben und Meeresrauschen aus den Boxen. Zwölf Inseln aus Bänken und Muschel-Teppichen sind darum verteilt, pro Insel darf ein Haushalt Platz nehmen. Stilecht dazu tanzt Sebastian Brandes als glitzernder Tintenfisch Giovanni, sichtlich gelangweilt, auf der Bühne umher. Schon bevor es also losgeht, schauen die Kinderaugen fleißig, was hier gerade passiert – in Erwartung, was da noch kommen mag. „Abtauchen und Auftauchen“ heißt das zweigeteilte Projekt, dem sich Regisseurin Verena Regensburger angenommen hat. Sie ist an den Kammerspielen längst kein unbeschriebenes Blatt mehr, war sie doch zuletzt für…
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»Die unliebsamen Zeugen unserer Erniedrigung« – »Dekalog« im Residenztheater
An ein großes, vielleicht übergroßes, aus der Welt hinausragendes Thema wagt sich die Inszenierung, welche am Sonntag, den 6. Juni im Residenztheater Premiere feiert, heran: An den »Dekalog«, die zehn dem Menschen göttlich mitgegebenen, aufgebürdeten, geschenkten, aufgebrummten Gesetze, die ein Teil des theaterfrohen Publikums, das sich an diesem Abend eingefunden hat, sicher auswendig aufzählen kann, wenn auch vielleicht im selben Sinne, wie das Einmaleins, die Keilerei bei Issos oder die Unzertrennlichkeit von ›s‹ und ›t‹. ›Was kann uns die Bibel, das alte Testament, die Tora heute noch sagen?‹ – ein solches müßiges Fragen, das ein am scheinbar unhinterfragbaren Normal des heute übersattes Uns impliziert, das sich müßig dazu herablässt, Dokumenten…
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So blutleer? – „Die Tragödie des MacBeth“ im Volkstheater (Kritik)
‚Das war ja ganz anders als im Buch!‘, sagen die einen, nach einem Theaterabend, bei dem sich das Ensemble der Textvorlage in eigener Herangehensweise widmet. ‚Wenn ich das eins zu eins sehen will, schaue ich mir eine Verfilmung mit 100% Texttreue an und gehe nicht ins Theater!‘, heißt es, wenn man sich strikt an das Drama hält. Philipp Arnold schafft es in ‚Die Tragödie des Macbeth‘ beide so widersprüchlichen Positionen zu vereinen. Diese feierte am 28. Mai 2021 am Münchner Volkstheater Premiere. In knapp zwei Stunden hält er sich zwar nahe an Shakespeare, zeigt dem Publikum aber zugleich die Tragödie hinter der Tragödie: den wachsenden Wahnsinn, die auf Aberglaube beruhenden Zwänge, die…
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„Ich krieg keine Luft, ich brauche sofort eine Zigarette“ – „Der Kreis um die Sonne“ im Residenztheater (Kritik)
Es war nur eine Frage der Zeit, nun hat es das Residenztheater gewagt: das erste Stück über Corona aus der Corona-Zeit. Das Wort selbst wird in „Der Kreis um die Sonne“ zwar niemals erwähnt, aber das ist eben der Kontext, den es braucht, um den Sinn hinter dem Text zu erschließen. Roland Schimmelpfennig hat den Text während des ersten Lockdowns verfasst, die geplante Aufführung war bereits Anfang November 2020. Wie das Schicksal so konsequent eben spielt, brach ein zweites Mal Ausnahmezustand aus – als hätte das Stück es vorhergesagt. Nun, am 29. Mai 2021, feiert „Der Kreis um die Sonne“ Premiere im Residenztheater. Enge. Stickige Luft. Eine übermäßig volle Party.…
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Die Verrohung der Jugend – „Mehr Schwarz als Lila“ im Marstall (Kritik)
Bei manchen Premieren im Theater ist es, lockdownbedingt, eine Odyssee, bis sie endlich aufgeführt werden dürfen. Die Uraufführung von „Mehr Schwarz als Lila“, der Bühnenadoption des gleichnamigen Romans der Münchner Autorin Lena Gorelik, hätte bereits Mitte November 2020 unter sowieso bereits widrigen Umständen gezeigt werden sollen. Nun, am 27. Mai 2021, hat es dann doch endlich geklappt – die Produktion des Residenztheaters und vor allem des Jugendclubs „Xtra“ darf premieren. Der Nachfolger des „Jungen Resi“-Konzepts ist und bleibt eine erfrischende Abwechslung im Spielplan und präsentiert auch unter der Intendanz Beck tolle und nahbare Stücke, die für Klassen weiterführender Schulen sehr geeignet sind. In welche Richtung „Mehr Schwarz als Lila“ eigentlich genau…
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Wenn sich bis heute nichts geändert hat – „Erinnerung eines Mädchens“ im Residenztheater
Nach den Biergärten und den Geschäften öffnen nun auch die Theater wieder zaghaft die Türen und überlegen natürlich: Was bieten wir der Stadt nach so langer Durststrecke an? Das Residenztheater traut sich mit einer Regiepremiere und einem Thema, das man getrost ‚heavy‘ nennen kann, gleich einen ordentlichen Brocken an den Start zu bringen. Kein unterhaltsames Geplänkel, um die Zuschauer*innen zu umschwärmen, sondern: Real Talk. Das jedenfalls ist der Text Erinnerung eines Mädchens von Annie Ernaux. Diese eigenen Erinnerungen veröffentlichte die französische Autorin 2016, als sie mit 76 Jahren auf ihr 17-jähriges Ich zurückblickt. In diesem Text würden sich die meisten Frauen bis heute wiederfinden. Als unerfahrenes Teenie-Mädchen die ersten sexuellen Erfahrungen:…
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Gesellschaftliche Gräueltaten im Wirtshaus des Wahnsinns – ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM im Volkstheater
Eine alltägliche Situation: Es sitzen neun Menschen im Wirtshaus und unterhalten sich. Die Themen wechseln rasch, ein jeder erzählt aus seinem Leben, teilt Gedanken und Gefühle. Doch von gemütlicher Wirtshausatmosphäre kann bei dieser Konstellation keine Rede sein. Der Horror wartet bereits vor der Tür und bricht über die Beteiligten herein wie eine Welle aus Wut, Neid und Blut. Viel Blut. Werner Schwabs „europäisches Abendmahl“ ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM ist sicher nichts für schwache Nerven. Unter der Regie von Abdullah Kenan Karaca feierte es am 20. Mai 2021 Premiere am Münchner Volkstheater. Zu Beginn geht alles recht gesittet zu. Die üblichen sieben Wirtshausgäste, eine Art Stammtischrunde, bemühen sich höflich miteinander umzugehen, sprechen Probleme des eigenen…
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Alles ist Nada – „Teile (Hartes Brot)“ im Marstall (Kritik)
„Wir sagen Change, nicht Abschied“ schallt es gleich Beginn dem Publikum entgegen. Als das Residenztheater im November schließen musste, blieb das Staatstheater alles andere als ruhig – es war mehr change als Abschied. Unzählige Formate wie das „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“ oder verschiedene Zoom-Inszenierungen hielten die Theaterwelt in München am Leben, aber das wahre Element des Theaters, das Spielen vor Publikum, hat gefehlt. Seit dem 13. Mai 2021 sind die Bühnen endlich wieder offen – und der Startschuss für aufgeschobene Premieren ist gefallen. „Teile (Hartes Brot)“ darf so als zweite Neuproduktion am Samstag, 15. Mai 2021, endlich im Marstall Premiere feiern. Der Blick fällt sofort auf die stählerne Baustelle auf…