Ich hab Gefühle – Bilderbuch im Filmcasino (Bericht)

Im Club ohne Maske stehen, am Weißwein nippen und auf die Band warten, die in einem kuschelig intimen Setting auf der Bühne performen wird – das ist kein Sehnsuchtstraum, sondern am 9. September 2021 in der Münchner Partylocation Filmcasino Realität. Die Leute warten auf Bilderbuch – Indie-Rock/-Pop aus Österreich, der normalerweise Hallen wie das Zenith füllt. Aber funktioniert die oft ekstatische Performance der Band auch im kleinen Rahmen, in dem eher Stehempfangs-Atmosphäre herrscht?

Um 20.45 Uhr betreten die Vier die Bühne, ihr Revier. Sänger Maurice mit weißer Schlaghose und braun gel-glänzenden, schulterlangen Haaren, der Gitarrist Michael Krammer, genannt „Snacky-Mike“, mit Feinrippunterhemd und blondierter Wuschelmähne, die unter dem Fischerhut hervorlugt. Bei einer anderen Band würde das alles eine Spur zu gewollt extravagant wirken, aber bei Bilderbuch ist es das Gegenteil: Ein langweiliger Look wäre enttäuschend. „Willkommen beim Münchner Autofrühling. Beim nächsten Song ist ein Skoda“, sagt Maurice bei der erste Ansage. Weitere ironische Bezüge auf die Veranstalter von BMW und das „reiche Publikum“ folgen immer wieder. So gehört es sich wohl für eine provozierende Indieband gehört, die doch etwas mit dem Großkonzern als Organisator hadert.

Bilderbuch 2019 in München

Mit dem Hit „Bungalow“ startet die Bilderbuch-Show. Maurice besonders und auch die anderen drei sind Rampensäue im positivsten Sinne. Auch wenn die Stimmung im Publikum erstmal entspannt ist und eher gewippt wird als losgelöst getanzt, ist auf der Bühne Party wie immer: voller Innbrunst, dramatischen Gesten und fast schon theatralischen Bewegungen. Im österreichischen Dialekt heizt Maurice immer mit voller Souveränität und Sexyness ein. Und eine Frage kommt auch auf: „München, wer hat auch unter Berufsentzug gelitten? Schön, dass wir wieder ausprobieren, was wir können.“ Für das kokette Understatement gibt es Applaus.

Textsicher sind die meisten im Publikum, zum Beispiel beim Heraufbeschwören der „Frinks“ (free drinks) oder beim unterschätzten Song „Mr. Refrigerator“, der eigentlich ein großer Hit sein sollte. Ein ungewohnter Anblick: Als Maurice bei „Ich hab Gefühle“ runterspringt, durch die Menge läuft, Autotune als Stilmittel auf dem Mikro und es jedem, dem er über den Weg läuft unter die Nase hält, sodass viele mal ein „GEFÜHLE“ reingröhlen, sind alle noch gelöster. „Da geht noch was München.“ Und ja, das geht: Bei der Hitabfolge „Baba“, „Maschin“ und „Spliff“ folgen Gitarrensoli, die einheizen. Aber auch das ruhigere Liebeslied „Checkpoint (Nie Game Over)“ ist wahnsinnig schön.

Ein neues Album sei in Arbeit, die zwei neuen Singles müssten sie aber nochmal auf der Akustikgitarre üben und sie wären deshalb noch nicht spielbar, sagt Maurice. Aber er kündigt es an: „Deshalb heute die Kracher.“ Und das trifft es: Wie ein großes Bilderbuch-Best-Of, das eine Tour oder neue Musik oder eine neue Ära einleitet. Selbst bei Texthängern beim letzten Song vor der Zugabe, „LED Go“, überspielt er es mit einem charmanten „Bis zum nächsten Mal üb ich das nochmal“, sodass es wie Teil der Inszenierung wirkt.

Die Bühne verlassen sie danach mit einem ebenso charmanten „Baba, bis bald!“ Bei der Zugabe OM wird nochmal getanzt. Bilderbuch ist toll und unterhaltend auf der kleinen Bühne, aber auf der Großen kann der Spaß, das Mitreißende und die Eskalation der Band noch besser wirken. Also bis bald dort, Baba!

Setlist: Bungalow / Memory Card / sneakers4free Outro / Softdrink / Mr. Refrigerator / Frisbeee / Ich hab Gefühle / Europa 22 / Baba / Maschin / Spliff / Checkpoint (Nie Game Over) / Plansch / LED GoZugabe: OM

Bericht: Kathi Holzinger