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Von Tokio ins Olympiastadion – „Opening Ceremony“ der Kammerspiele (Kritik)
„Zum Ende eine Eröffnung“ – so beschreiben die Münchner Kammerspiele das außergewöhnliche Event „Opening Ceremony“, das zum Ende der Lilienthal-Intendanz am Wochenende im Münchner Olympiastadion stattfand. Eigentlich war ja viel mehr geplant als eine einstündige Vorstellung; 24 Stunden lang sollte die Verabschiedung sein, doch leider kam Corona am Ende aller Planung dazwischen, und so musste man sich etwas anderes überlegen und hat Toshiki Okada, einen der bekannten Regisseure der Kammerspiele der letzten fünf Jahre, von Japan nach Deutschland geholt. Fünf Tage Zeit hatte er, um mit dem Ensemble etwas neues (oder altes?) zu produzieren – und das hat sich gelohnt. Bevor aber über die Aufführung gesprochen werden kann, müssen ein…
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Griechische Antike on the dancefloor – „Metamorphosen I“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Das Gärtnerplatztheater präsentiert die wichtigsten Sammlung griechischer Mythologie in einer Reihe zweier kurzer Abende mit verschiedenen Mythen. Ovids Metamorphosen– sind sicher nicht der breiten Masse ein Begriff. Weil das auch dem Gärtnerplatztheater klar ist, wird schon auf der Website im Spielplan Klartext geschrieben: Es geht um Dädalus, Ikarus, Phaeton, Teiresias, Narziss und Echo. Die Methamorphosen sollen in zwei Inszenierungen (Methamorphosen I und Methamorphosen II) als Tanzperformances mit Orchesterbegleitung verarbeitet werden. Mit einer knappen Stunde Laufzeit für Metamorphosen I, in der gleich zwei Mythen behandelt werden, handelt es sich also eher um einen kurzen tänzerischen Denkanstoß als um einen vollwertigen Tanztheaterabend. Wer nun glaubt, dem Publikum würde die Handlung von Dädalus und dessen…
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Sind fünf Tenöre nicht mindestens einer zu viel? – „Herzensbrecher“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Dieser Konzertabend am Gärtnerplatztheater bietet nicht einen, nicht zwei, nein, sondern gleich fünf Tenöre auf einer Bühne an. Wie das gehen soll? Ja, das fragen sich nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Sänger Gyula Rab, Maximilian Mayer, Lucian Krasznec, Juan Carlos Falcón und Alexandros Tsilogiannis. Was diese fünf Herren jedoch auf der Bühne vollbringen, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch beeindruckend und herzergreifend. „Herzensbrecher“ feierte am 9. Juli 2020 Premiere am Gärtnerplatztheater. Das Programm des Abends ist abwechslungsreich und unkonventionell. Über Musical-Hits wie „Maria“aus West Side Story zu Opern-Klassikern wie „Nessun dorma“ aus Turandot bis hin zu Schlagern wie Capri-Fischer ist alles dabei. Es wird sich jeder Zuschauer in mindestens einem Genre des Abends wiederfinden und kann, falls andere Genres noch…
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Gärtnerplatztheater – Programm Spielzeit 2020/2021
Es ist alles andere als einfach, in einer Zeit wieder sinnvoll ein Theaterprogramm zu planen. Während man aber im Schauspieltheater sich mit kleinen Ensembles und viel Dialogtheater durchschlagen kann, wird es in Theatern wie dem Gärtnerplatztheater richtig schwierig. Wie sollen denn auf der Bühne, auf der sonst bis zu 100 Personen tanzen und singen, etwas mit Abstand so inszeniert werden, dass es künstlerisch jeden möglichen Wert verliert? Schwierige Fragen, die Intendant Josef E. Köpplinger am Mittwoch zur Präsentation der Spielzeit 2020/2021 dennoch beantwortet. 250 Personen würden in den Raum mit Abstand, diese „Autonomie über das Haus“, wie er es nennt, möchte er wieder. Denn: das Theater sei sicher. So sicher…
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Sommer in der Stadt – Kabarett & Musik im Deutschen Theater
You can’t kill Kultur! Und so wagt sich nun eine weitere Münchner Kulturinstitution daran, den Sommer mit Lachen, Musik und Freude zu füllen – das Deutsche Theater München! „Sommer in der Stadt“ nennen sie ihre PopUp-Bühne, die sie in ihrem Innenhof aufstellen und dort hochkarätige Kabarettist*innen von Luise Kinseher bis Christian Springer begrüßen. Auch Sebastian Reich schaut mit seinem Nilpferd Amanda vorbei, ebenso gibt es Musikalisches von Stefan Leonhardsberger oder Mathias Kellner. Auch BlankWeinek statten am Feiertag den Münchnern einen Besuch ab und bringen „a Hoibe“ vorbei. Ein wildes und buntes Sommerprogramm also, das garantiert, dass man auch im August nicht kulturell unterfüttert bleibt, wie es die vergangenen Monate doch…
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Münchner Volkstheater – Sommerspielzeit 2020
Das Münchner Volkstheater ist sowieso bereits bekannt für ihre teils wilden Mix-Programme und die schier endlose Kreativität, sodass es kaum wundert, dass genau die noch am Stiglmaierplatz ansässigen Theaterschaffenden die verwunderlichste Idee ausgedacht haben, während der Corona-Pandemie zu spielen. Anfang Mai kündigte Intendant Christian Stückl an, sein Team vorzeitig in Sommerpause zu schicken, im Juni intern wieder anzufangen mit Proben und Planungen und schlussendlich ab 24. Juli mit einem Sommer-Spielplan 2020 im Hof und der großen Bühne zu starten – mit fünf corona-konformen Neuinszenierungen, allesamt frisch erarbeitet. Dazu gesellen sich Konzerte und Lesungen. Maximalkapazität liegt bei 100 Personen, es gibt keine Pausen, aber immerhin dank neuerster Lockerungen auch keine Maskenpflicht…
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Welt ohne Kunst – Plakat-Aktion der Münchner Kammerspiele
Wie sähe sie denn aus? Eine Welt, so ganz ohne Kunst? Die Frage stellt sich zumeist und zum Glück nur hypothetisch, doch die vergangenen Monate wurde eine Dystopie Realität: keine erlebbare Kunst, kein kollektives Ereignis, kein Zusammenkommen. Wie also damit umgehen? Dramaturg*innen, Regisseur*innen und weitere Kunstschaffende haben sich damit auseinandergesetzt und Inspiration und Zitate geliefert, die von Künstlern aufgenommen und grafisch dargestellt wurden. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die im Stadtgebiet und an den Münchner Kammerspielen selbst zu sehen ist und dort den Platz einnimmt, wo sonst Werbeplakate für Premieren und Inszenierungen der Kammer hängen würde. Aber: Not macht erfinderisch. Und wenn Kunst eines kann, selbst in der Krise, selbst…
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Residenztheater – Programm Spielzeit 2020/2021
Zum dritten Mal habe man nun den Spielplan neu geplant und so richtig sicher sei natürlich noch nichts, aber man müsse jetzt einfach raus damit, erzählt Andreas Beck, Intendant des Residenztheaters. So lädt er ein zur Abstands-Pressekonferenz im Marstall inmitten des Bühnenbilds von „Der Preis des Menschen“ – eine Produktion, die üblicherweise diesen April Premiere gefeiert hätte. Nun soll es am 11. Oktober soweit sein, natürlich bedacht auf die Abstandsregeln. Die Spielzeit 2020/2021 gestaltet sich optimistisch, aber wie solle man auch sonst planen? Bis Dezember wird mit Abstandstheater gerechnet, auf und vor der Bühne. Ab 1. Januar, so planen deutschlandweit alle Theater, erhofft man sich abstandsfreien Regelbetrieb. Mit Pausen, Überlänge…
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Eine Wortsammlung – „Abfall, Bergland, Cäsar“ im Marstallcafé (Kritik)
Sobald Barbara Horvath die Spielfläche im Marstallcafé des Residenztheaters betritt, geht er in medias res los. Der Wortschwall, der in der kommenden Stunde mal schneller, mal lauter, dann zögernd und flüsternd, aber nie abebben wird. Der Text von Abfall, Bergland, Cäsar – eine Menschensammlung hangelt sich alphabetisch an verschiedenen Schicksalen entlang, die als Beispiel A, Beispiel B usw. an den Zuschauer*innen vorbeiziehen. Zuschauen können an diesem 28. Juni im Marstallcafé nur etwa 20 Menschen, mit Maske und Abstand natürlich. Umso intensiver ist die entstehende Stimmung. Prägend in diesem Text, den Werner Schwab zum Ende eines sehr intensiven Schaffensprozesses verfasste, ist die für den Autor typische Sprache. Geprägt von Neologismen, von…
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Sono un uomo mascherato – „Mein Sehnen, mein Wähnen“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)
Wenn Vogel und Fisch die Perspektiven tauschen, sehen beide eine ganz andere Welt, und wenn man diesen Vergleich auf das Gärtnerplatztheater überträgt, bedeutet das, dass das Publikum auf der Bühne sitzt und den Saal als Kulisse sieht, was sonst eigentlich den Künstler*innen vorbehalten ist. Mein Sehnen, mein Wähnen heißt die aktuelle Konzertreihe des Hauses, bei der etwa 50 Zuschauer*innen pro einstündiger Vorstellung eine Auswahl der schönsten und populärsten Opernarien erleben dürfen. Ein stark dezimiertes Orchester unter der Leitung von Chefdirigent Anthony Bramall eröffnet das Konzert am 26. Juni 2020 mit Mozarts Figaro-Ouvertüre – in diesem Fall als Kammermusik mit Klavierverstärkung, bei der jeder Ton auf der Goldwaage liegt. Doch die…