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Leinwand-LKW am Marstallplatz – „M(2) – Eine Stadt sucht einen Mörder“ vo(r)m Residenztheater (Kritik)
„Der Film ist tot – alle gucken nur noch Netflix, der Trend geht hin zur Serie! Das Theater ist tot, alle streamen nur noch.“ Häufig diskutierte Thesen im Kulturradio oder im Gespräch unter Film- und Theaterliebhabern. Ein solches könnte der Ausgangspunkt gewesen sein für die Entscheidung, sich inhaltlich dem Kultfilm und später Serie ‚M – Eine Stadt sucht einen Mörder‘ zu widmen. 1931 unter der Regie von Fritz Lang erschienen, zeichnet sich die Ästhetik des Filmes aus heutiger Sicht vor allem durch das Schwarz-Weiß-Bild aus. Dieses wird im zweiten Teil der durch Corona gespaltenen Inszenierung des Residenztheater auch konsequent beibehalten. Aber von Beginn an. In der Pandemie zauberte das Residenztheater…
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Wie lustig ist eine Pandemie? – „ANAEROB“ im Hofspielhaus (Kritik)
Am 16. Juli 2020 feierte der Monolog „Anaerob“ im Hofspielhaus Premiere. Nur zwei Personen waren an dem Stück beteiligt: Mira Huber als Schauspielerin und Sascha Fersch in der Regie. Dabei schafft es Huber in dem ungefähr 60-minütigen Stück, viele Emotionen in den Zuschauern zu erwecken, besonders aber eine: das Lachen über eine eigentlich viel zu traurige Sache. Die Geschichte von Anaerob ist dabei schnell erzählt. Die namenlose Protagonistin leidet an einer Autoimmunerkrankung und ist damit gezwungen, zurückgezogen zu leben, und wenn sie doch einmal das Haus gezwungenermaßen verlässt, dann nur als Ausgestoßene mit Maske und Schutzkleidung, denn: jeder Schritt kann tödlich sein. Als jedoch die Pandemie ausbricht, ändert sich alles…
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Von Tokio ins Olympiastadion – „Opening Ceremony“ der Kammerspiele (Kritik)
„Zum Ende eine Eröffnung“ – so beschreiben die Münchner Kammerspiele das außergewöhnliche Event „Opening Ceremony“, das zum Ende der Lilienthal-Intendanz am Wochenende im Münchner Olympiastadion stattfand. Eigentlich war ja viel mehr geplant als eine einstündige Vorstellung; 24 Stunden lang sollte die Verabschiedung sein, doch leider kam Corona am Ende aller Planung dazwischen, und so musste man sich etwas anderes überlegen und hat Toshiki Okada, einen der bekannten Regisseure der Kammerspiele der letzten fünf Jahre, von Japan nach Deutschland geholt. Fünf Tage Zeit hatte er, um mit dem Ensemble etwas neues (oder altes?) zu produzieren – und das hat sich gelohnt. Bevor aber über die Aufführung gesprochen werden kann, müssen ein…
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Eine Wortsammlung – „Abfall, Bergland, Cäsar“ im Marstallcafé (Kritik)
Sobald Barbara Horvath die Spielfläche im Marstallcafé des Residenztheaters betritt, geht er in medias res los. Der Wortschwall, der in der kommenden Stunde mal schneller, mal lauter, dann zögernd und flüsternd, aber nie abebben wird. Der Text von Abfall, Bergland, Cäsar – eine Menschensammlung hangelt sich alphabetisch an verschiedenen Schicksalen entlang, die als Beispiel A, Beispiel B usw. an den Zuschauer*innen vorbeiziehen. Zuschauen können an diesem 28. Juni im Marstallcafé nur etwa 20 Menschen, mit Maske und Abstand natürlich. Umso intensiver ist die entstehende Stimmung. Prägend in diesem Text, den Werner Schwab zum Ende eines sehr intensiven Schaffensprozesses verfasste, ist die für den Autor typische Sprache. Geprägt von Neologismen, von…
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Wenn das ein Theaterstück über mein Leben wäre, … – „Androiden aus Mitteldeutschland“ im Residenztheater (Kritik)
Ein Soloabend von und mit Mareike Beykirch. Das ist dieser Abend allerdings. Sie nimmt uns mit auf eine Reise in ihre Vergangenheit, lässt uns teilhaben an ihren größten Sorgen und Ängsten. So nah ist man als Zuschauer einer Schauspielerin auf der Bühne schon lange nicht mehr gekommen. Und man kommt Beykirch nicht nur einfach nah, sondern man genießt auch jede Sekunde dieser Nähe im Marstall Café des Residenztheaters. Mareike Beykirch kommt aus einer mitteldeutschen Provinz, einem Ort, von dem man wahrscheinlich bisher noch nie etwas gehört hat. Sie ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen und stammt aus der Unterschicht. Eine Tatsache, die sie ihr ganzes weiteres Leben begleiten und nie…
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Die Schönheit schmilzt – „WUNDE R“ in den Kammerspielen (Kritik)
18 Personen tummeln sich in der Kammer 3, die zur offenen Fläche wird. Hinsetzen auf dem Boden? Optional. Gewünscht ist eher: die dauerhafte Bewegung, die Suche nach neuen Blickwinkeln. Denn in der Mitte des Raumes befindet sich ein Glastisch, rundherum sitzen vier Darsteller*innen des Ensembles im Mindestabstand. Wiederum um sie ist ein großer, weißer Kreis gezeichnet – den dürfe man beim Umherstreifen nicht übertreten. Es könnte fast ein reguläres Projekt der Münchner Kammerspiele sein, wenn doch nicht alle Besucher mit Maske herumhuschen, was einen selbst wieder schnell in die Realität zurückholt. Dennoch ist es erfreulich, dass „WUNDE R“, mit einigen Monaten Verzögerung, doch noch Premiere feiern durfte. Die Uraufführung liegt…
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Im Zug durch die eigene Egozentrik – „Faserland“ im Residenztheater (Kritik)
Gerade erst geht das zweite Wochenende mit dem Theaterparcours des Residenztheaters zu Ende, schon werden die nächsten Personen in das Foyer gelassen, um den Soloabenden beizuwohnen, die seit diesem Wochenende endlich wieder das Staatsschauspiel mit Leben erfüllen. Während am Lastenaufzug und bei der Schönen Aussicht bereits die ersten Kleinigkeiten laufen, werden acht Interessierte hintergründig in die Theaterkantine geleitet, denn dort gibt Niklas Mitteregger an diesem Sonntag, 14. Juni 2020, eine Solofassung von Christian Krachts legendären Roman „Faserland“ zum Besten. Die rund 50 Minuten sind ein Dauerfeuer-Monolog – und dabei besser als manch pompöses Ensemble-Machwerk. Denn um den Zusehenden zu begeistern, braucht es letztendlich zwei Anker: ein starker Text und ein…
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Ein erstes Lebenszeichen – „Theaterparcours“ im Residenztheater (Kritik)
Am 10. März endete mit „Vor Sonnenaufgang“ jäh die reguläre Spielzeit im Residenztheater wie auch an unzähligen anderen Theatern und Konzerthäusern der Stadt, zwei Tage später fanden die letzten kleineren Konzerte statt, seitdem – Stillstand. Lockdown. Pandemie. Nun, knapp drei Monate später, scheint die Ausbreitung einigermaßen im Griff, die Zahlen der (Neu-)Infektionen sinken konstant, die strikte Zeit ist vorbei. Zwar ist es noch nicht soweit, wieder im vollbesetzten Theatersaal zu sitzen, aber ein erster kleiner Schritt ist richtig, wichtig und passiert so am Samstag, 6. Juni: der Theaterparcours im Residenztheater. Offiziell dürfen die ersten Veranstaltungen erst wieder ab 15. Juni stattfinden, dann limitiert auf 50 Personen im Innenraum. Das Resi…
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Kurz, aber krass – „zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ im Metropoltheater (Kritik)
„zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden“ heißt die neueste Produktion im Metropoltheater, die am 8. März 2020 Premiere feiert. Was hinter dem etwas sperrige Titel steckt, haben wir für euch angesehen. Fünf Schauspieler: Matthias Grundig, Thorsten Krohn, Sophie Rogall, Mara Widmann, Lucca Züchner verkörpern die fünf Bewohner eines Mietshauses in Pankow: Da ist Holm, der schon seit dem Mauerfall in dem Haus wohnt, trinkt und jedem misstraut, der nicht schon ebenso lange da ist. Ahmed, ein Anwalt, der nur eine Wohnung weiter von seiner Ex wohnt, und ebendiese Frau Sarah, völlig verschlungen in ihren eigenen Depressionen. Oben wohnt ein Pärchen, Kim und Daria, die eine als Figur volle Hoffnung, die andere…
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Ich glaub, ich Spinne – „Passing“ in den Kammerspielen (Kritik)
‚Das mit der Spinne‘ wird sicher der Codename für die neue Inszenierung von René Pollesch, die am 29. Februar 2020 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde. ‚Passing – Its so easy, was schwer zu machen ist‚ heißt das Konstrukt eigentlich. Und schwer zu machen ist es für die Spieler, war es für die Bühnenbildner und wird es für die ZuschauerInnen bleiben. Samstagabend 20 Uhr, am 29. Februar, dem Schaltjahrabend, ein ganz besonderer Zeitpunkt und ein ganz besonderes Klientel vor den Kammerspielen. Pollesch wird als Intendant bald die Volksbühne in Berlin übernehmen und er scheint seinen Tribe mitzuziehen, viele junge, hip gestylte Menschen, mehr als sonst bei Premieren, sind gekommen, auch…