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»Ach wär doch nie…« – »Medea« im Residenztheater (Kritik)
Es ist ein schwerer Stoff, der am Sonntag, den 23. Februar im Residenztheater Premiere feiert. Selbst in der Riege der Ungeheuerlichkeiten der griechischen Tragödie, neben Inzest, Vater-, Mutter-, Brudermord, stellt Medea eine Ausnahmeerscheinung dar. Der mit Blindheit geschlagene Ödipus, der vom Zorn gebeutelte Achill, die von Rachedurst erfüllte Elektra, der auf seinen eigenen Gesetzen festgenagelte Kreon der »Antigone«: Alle sind sie Organe des Schicksals, sind ab dem Moment, da sich – zu spät – der Schleier der Verblendung hebt, Opfer und Täter zugleich, ebenso sehr Teil wie Verursacher des Leids. Doch Medea? Die Kindsmörderin, ist sie entschuldbar? Und worauf lässt man sich ein, wenn man den Faden von Grund und…
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Protection – Alcest im Technikum (Konzertbericht)
Für häretische Hymnen ist an diesem 9. Februar 2020 wohl die Olympiahalle die richtige Anlaufstelle, für all diejenigen, die in ihrer Musik eher eine Entlaufstelle zu finden hoffen, ist dagegen das Technikum die richtige Adresse. Dort spielen heute Alcest, unterstützt von Kælan Mikla und Birds in Row: Zwei sehr unterschiedliche Supportacts und jedermanns liebste Blackgaze -Eskapisten. Kælan Mikla beginnen pünktlich um halb acht. Die drei Isländerinnen bieten bassstarken Synth Pop / Darkwave mit Texten in ihrer Muttersprache. Das ist gut gemacht, auch sympathisch und durchdacht präsentiert, mäandert allerdings auf Dauer etwas schwerfällig vor sich hin. Doch für Wachrüttelung ist gesorgt: Mit Birds in Row betritt wieder ein Trio die Bühne…
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»Wenn einem die Natur kommt« – »Woyzeck« im Residenztheater (Kritik)
Ulrich Rasche inszeniert den »Woyzeck« des derzeit am Residenztheater prominent vertretenen Georg Büchner. Die Frage nach dem Wie der Umsetzung stellt sich dabei ob des eigenwilligen und beständigen Stils des Regisseurs nicht so sehr; unklar ist im Vorfeld der Münchner Premiere am 31. Januar vielmehr, was aus dem Drama und seinem Protagonisten wird, wenn es in Ulrich Rasches Kosmos aus musikalisch unterbauter Textdeklamation und monströser Bühnenmaschinerie eingesenkt wird. Es bleibt dem Publikum verborgen, wann die bühnenweite, nach allen Seiten hin neig- schwenkbare und Scheibe, auf welcher sich das Drama ereignen soll, anfängt, sich zu drehen. Die Kreisbewegung, die allen Figuren ein unentwegtes Gegensteuern aufzwingt, die Stillstand zu einem Akt der…
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Alcest – am 9. Februar im Technikum
Hiesige Alcest-Fans habens gut: seit 2012 gastierten die französischen Blackgaze-Experten fast jährlich in München – und setzen das auch 2020 fort, nämlich am 9. Februar im Technikum. Von ihrem letzten Gastspiel im Strom haben wir HIER berichtet! Der diesjährige Europa-Tourausflug von Frontguru Neige und Drummer Winterhalter steht dabei unter dem Banner des neuen Albums „Spiritual Instinct“. Nachdem sich die letzten beiden Gastspiele sich auf den Vorgänger bezogen, ist es nun nahezu erfrischend, wieder neue Klänge in den Ohren liegen zu haben, dennoch nicht auf den einen oder anderen älteren Song zu verzichten. Und außerdem gibt es da noch zwei Supports, für die sich das Kommen definitiv ebenso lohnt: Kælan Mikla und Birds in row!…
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Der Wert der Freiheit – Filmpremiere und Podiumsdiskussion mit Überlebendem von NS-Verbrechen im Geschwister-Scholl-Heim
Im Jahr 1944 muss der damals achtjährige Efstathios Chaitidis mit ansehen, wie ein Großteil der Bevölkerung seines Heimatdorfes von einer Einheit der SS ermordet wird; mit derartigen Massakern an Zivilisten geht das deutsche Militär gegen den ungebrochenen bewaffneten Widerstand seitens der griechischen Bevölkerung vor. Chaitidis‘ Vater, selbst Partisanenkämpfer, nimmt den Jungen mit ins Gebirge, was diesen vor dem Schicksal seiner Mutter, Großeltern und Geschwister bewahrt; von den Deutschen in einer Kirche eingeschlossen verbrennen die 335 Bewohner des Dorfes Pyrgoi bei lebendigem Leib. Der Vater wird kurz nach Kriegsende im Rahmen innergriechischer Kämpfe zwischen Kommunisten und Republikanern hingerichtet. Er hinterlässt seinem Sohn den Wunsch, dieser möge ein Studium aufnehmen – was…
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„Deine Küsse sind ein wollüstiges Gähnen“ – „Leonce und Lena“ im Residenztheater (Kritik)
Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ ist ein seltsames Zwitterwesen aus Kalauern und Verzweiflung, Kurzstrecken-Sarkasmus und Herzensreinheit und -schmerz, die bzw. der immer wieder durch die achselzuckenden Schichten der Selbstbespiegelung bricht. Prinzessin Lena und Prinz Leonce sollen miteinander verheiratet werden. Aus Abneigung gegen die arrangierte Heirat mit einem / einer unbekannten Anderen fliehen beide nach Italien – um sich dort, einander unbekannt und unerkannt, ineinander zu verlieben. Der Plan wird gefasst, als schaustellerische Attraktion, als angebliches Automaten- oder Androidenpaar an den Hof des Königs Peter, des Vaters von Leonce zurückzukehren und sich dort als Teil der ‚Show‘ trauen zu lassen, wodurch, indem die Eheschließung unabhängig von der Verkleidung nicht mehr…
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In Awe Of – Cult of Luna im Technikum (Konzertbericht)
Traurig ist es, wenn es schon Dezember ist und man der November-Melancholie nachtrauert, während das hohle Gelächter über den Weihnachtsmärkten zu atonalem Geklirr gefriert – Linderung gibt es immerhin am 5. Dezember 2019, im Technikum bei Cult of Luna, Brutus und A.A. Williams. Letztere beginnt auch pünktlich schon um 19.20 Uhr, schade für diejenigen Liebhaber ihrer ersten und bisher einzigen EP, die im Nahverkehrsgewühl untergegangen sind – ihrer ersten EP, mit der sie im Laufe dieses Jahres eine erkleckliche Zahl an Hörern fand. Die Engländerin bietet ihre Stücke mit voller, schwerer Bandbesetzung dar, und weiß das noch locker gefüllte Technikum nachdrücklich von sich zu überzeugen. Es folgen Brutus, die offenbar…
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Anthem for No State – Godspeed You! Black Emperor im Technikum (Konzertbericht)
Für die einen sind sie eine unvergleichliche, nur in Superlativen fassbare einmalige Erscheinung in der Musiklandschaft, für andere „nur“ eine einflussreiche Post Rock-Band. Godspeed You! Black Emperor. Eine solche Mischung aus Verehrung und Gesehen-haben-müssen sorgt für gut besuchte Konzerte: Das Technikum ist ausverkauft, an diesem 24. November 2019, da sich die vielköpfige kanadische Band in München einstellt – was nicht inflationär oft der Fall ist. Begleitet werden GY!BE von der norwegischen Saxophonistin Mette Rasmussen. Ganz allein tritt sie vor die wartende Menge – und spielt nicht etwa sanften Jazz zum Runterkommen. Es ist nur zu ahnen, welche Gewalt die Musikerin hinter ihr Instrument bringt, es hat den Anschein, nicht, als…
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„…and They Carried Death in Their Eyes“ – Fall Of Man 2019 im Backstage (Festivalbericht)
In der Backstage Halle wird es niederfrequent: Acht Bands aus dem Bereich Doom/Stoner/Sludge/Black/Death Metal orchestrieren den Fall Of Man, an diesem Samstag, 23. November 2019. Acht Bands sind nicht wenig, wenn nur eine Bühne zu Verfügung steht, der apokalyptische Spaß beginnt dementsprechend um 16:30 Uhr, um nach Mitternacht zu enden. Man mag angesichts dieser Dauer die doch recht überschaubare stilistische Varianz der Bands monieren, andererseits provozieren die Veranstalter auch keine irritierenden Außenseiterslots; die musikalische Nische ist eng genug, um ein spezifisches Interesse der Anwesenden vorauszusetzen. Nach Goblinsmoker und Ashtar sind um 18 Uhr Eremit an der Reihe, das Abendprogramm einzuleiten. Die eine Hälfte des Duos, Gitarrist und Grunzer Moritz Fabian, wirkt…
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Der eine macht mich zum Hund, der andere zum Gott – „Amphitryon“ im Residenztheater (Kritik)
Die Zuschauer, die am 21. Novemberabend 2019 zur Münchner Premiere von Heinrich von Kleists „Amphitryon“ im Residenztheater Platz nehmen, sehen zunächst einmal: sich selbst, in einer bühnenweiten, schräg herabhängenden Spiegelwand; und mit etwas Winken gelingt auch das Erkenne dich selbst ganz ordentlich. Erkenne dich selbst – der delphischen Aufforderung müssen – auf eine ganz verquere Art – auch Amphitryon (Florian von Manteuffel) und Sosias (Nicola Mastroberardino) nachkommen, die heimkommend aus dem Krieg sich durch Doppelgänger ersetzt finden. Zeus/Jupiter (Christoph Franken) und Hermes/Merkur (Elias Eilinghoff) haben die Plätze des Thebanerfeldherren und seines hasenfüßigen Dieners eingenommen, denn: Der Göttervater hat es auf Amphitryons Gattin Alkmene (Pia Händler) abgesehen – ob dabei die Samenlegung…