Konzerte,  Pop & Crossover

Sekundenglück – Herbert Grönemeyer in der Olympiahalle (Bericht)

Es ist immer wieder ein großes Ereignis, wenn einer der größten, wenn nicht sogar der größte Musiker Deutschland ein Konzert in München ankündigt: Herbert Grönemeyer. Seit den 1980er-Jahren ist der Sänger Teil der deutschen (Musik)Geschichte wie wenig andere Personen, über Jahrzehnte hinweg sind ihm Hits wie „Männer“, „Bochum“, „Mensch“ oder „Sekundenglück“ gelungen. Umso schöner, dass er kurz innehält und nicht mit einem neuen Album, sondern einem gänzlich neuem Konzept auf Tour geht: Akustisch. Seine neueren als auch alten Songs hat er in ein neues Gewand gepackt, mit Chor und Kammerensemble umgesetzt und zieht nun durch ausgewählte Arenen im deutschsprachigen Raum. Der Clou: Die Bühne ist, passend zum Motto „Mittendrin“, eine Mittelbühne mit 360-Grad-Blick. Sein Konzert am Samstag, 14. Februar 2026, in der Olympiahalle München ist restlos ausverkauft.

© Erik Weiss

Imposant und ungewohnt thront das quadratische Podest in der Mitte, auf dem sich Herbert Grönemeyer erst einmal fünf Minuten bejubeln lässt, bevor es losgeht. Stilvoll direkt durch die Menge geht er zur Bühne, ebenso seine Band, das Kammerensemble und der Chor. Wie bereits bei seinen Konzerten in Berlin und Dortmund vergangenes Jahr beginnt er rein vokal: „Unfassbarer Grund“. Aber direkt danach schießt er mit „Das ist los“ und „Sekundenglück“ aus allen Rohren und flitzt über die Bühne. Wie viele Kilometer und Schritte er am Ende zurückgelegt hat, darüber kann man nur spekulieren, aber alle Seiten sollen in gleichen Anteilen behandelt werden. Dementsprechend rennt und tanzt Grönemeyer im Kreis, ganz so, als wäre das nicht ein etwas anderer Rahmen als seine üblichen Konzerte. Besonders den Stehbereich in der Arena freut das und nimmt es zum Anlass, sich fleißig zu bewegen.

Zwar ist die Instrumentierung vollends akustisch und verzichtet auf elektrische Gitarren und ruppige Rock-Sounds, aber langsam und gar leise wird es kaum: Grönemeyer legt Energie und Rastlosigkeit in Nummern wie „Alkohol“ und „Kopf hoch, tanzen“, aber zugleich Intensität und liebevolles Arrangement in „Flugzeuge im Bauch“ oder „Männer“ (umgeschrieben als Ukulele-Tanzversion). Natürlich bekommen auch die Balladen genug Raum, sei es „Dort und hier“ oder „Warum“, aber die Zeichen stehen auf Singen und Tanzen. Alledem schmeichelt der grandiose Sound, vor dem man sich im Vorfeld etwas gefürchtet hat, aber Grönemeyers Tontechnik-Team leistet ganze Arbeit und schafft es, die zahlreichen akustischen Facetten in der Arena intensiv und fokussiert genug abzubilden, dass nichts untergeht, einschließlich des immer wieder auftauchenden Chores. Wow!

© Erik Weiss

Gerade bei „Doppelherz“ und „Fall der Fälle“ wird Grönemeyer aber auch deutlich und betont mit so starker Vehemenz wie zuvor noch nicht bei seinen Konzerten, dass der Kampf für die Demokratie essenzieller und wichtiger denn je ist. Ein politischer Mensch war er schon immer, auch dafür wird er geschätzt und geliebt, ihn aber mit so einer Drastik und Deutlichkeit zu erleben, ist neu und zugleich ungemein wichtig, denn wenn jemand eine große Reichweite über alle Bevölkerungsgruppen und -schichten hinweg hat, dann wohl er. Trotzdem gibt er den Menschen, die lediglich für die Hits gekommen sind, genug Stücke, um auch hier keinen Verdruss zu erzeugen: „Mensch“, „Bochum“, „Mambo“ und viele mehr. Ganze dreimal lässt er sich zurück auf die Bühne klatschen, bevor er den Abend schlussendlich am Klavier mit „Immerfort“ nach rund 170 Minuten beendet. Was für eine Energie, was für ein Auftritt! Sein Gastspiel am 29. & 30. Mai 2027 in der Olympiahalle lässt sich jetzt schon kaum erwarten – dann aber wieder ganz klassisch, mit Band und Fokus auf E-Gitarre.

Setlist: Unfassbarer Grund / Das ist los / Sekundenglück / Flieg / Bochum / Doppelherz / Glück / Herzhaft / Dort und hier / Flugzeuge im Bauch / Der Weg / Fall der Fälle / Turmhoch / Demo (Letzter Tag) / Alkohol / Mensch / Mein Lebensstrahlen / Zeit, dass sich was drehtZugaben 1: Was soll das / Fang mich an / Unterwegs / MännerZugaben 2: Kopf hoch, tanzen / Mambo / Warum / MorgenZugaben 3: Neuer Tag / Halt mich / Immerfort

Bericht: Ludwig Stadler

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