A Little Love – Biffy Clyro im Zenith (Bericht)
Am 12. Februar 2026 verwandeln Biffy Clyro das Zenith München in eine durchinszenierte Rock-Arena, irgendwo zwischen Indie-Wurzeln und Stadion-Pathos. Wer noch Zweifel am Format hatte, bekommt an diesem Abend eine deutliche Antwort: Das hier ist groß gedacht. Und laut.

Schon der Auftakt gerät fulminant. „A Little Love“, Aushängeschild des aktuellen Albums Futique, beginnt mit einem gefühlt endlosen Intro, das die Spannungsschraube langsam anzieht, bis sich die Bühne vollständig offenbart. Plattformen und Stufen bauen sich zu einer pyramidenartigen Konstruktion auf, auf deren Spitze Frontsänger Simon Neil – vom ersten Song an oberkörperfrei und durchgeschwitzt – im diffusen Nebellicht steht. Hinter einem fadendünnen Vorhang funkeln Lichter wie Sterne. Dazu ein erweitertes Ensemble: Neben Gitarre, Bass und Schlagzeug flankieren unter anderem zwei Geigerinnen den Sound. Das Trio ist längst zum Kollektiv angewachsen.
Im Vergleich zum Studioalbum wirkten die Songs live performt deutlich dynamischer, kantiger, unmittelbarer. Die Songs atmen mehr, explodieren schneller, allerdings klingt es typischerweise für das Zenith gerade in den hinteren Reihen stellenweise etwas blechern. Wo die Platte noch sehr glatt und zum Teil eindimensional wirkt, schiebt sich live eine rohe Kante nach vorne. Das passt zur kompromisslosen Spannungskurve des Abends: Ohne große Ansagen geht es von Beginn an Schlag auf Schlag. Keine Einspieler, keine Anekdoten, kein Storytelling. Ein Song jagt den nächsten, als wolle man beweisen, dass Rock auch ohne Zwischentöne funktionieren kann. „You guys alright?“ – mehr bekommt das Publikum zunächst nicht zu hören.

Dabei wäre Raum für mehr gewesen. Zwischen den wuchtigen Rockmomenten und hymnischen Refrains gibt es einen kurzen emotionalen Einschnitt, ein Innehalten, bevor die Show wieder zurück ins Rockige driftet. Gerade Songs wie „Goodbye My Lover“ hätten das Zeug zum kollektiven Taschenlampen-Moment, doch das Publikum bleibt anfangs überraschend zurückhaltend. Erst nach und nach taut die Halle auf. Als Neil schließlich auf Deutsch fragt: „Habt ihr Spaß?“, und sich bedankt, dass so viele Menschen gekommen sind, wirkt das fast wie ein Durchbrechen der strengen Inszenierung.
Musikalisch bleibt das Niveau auch in der zweiten Hälfte hoch. Die Mischung aus Balladen und brachialen Brettern sowohl aus dem neuen Album als auch gesammelt aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sorgen für Abwechslung, die zusätzlichen Streicher verleihen den Refrains eine fast übermenschliche Größe. Beeindruckend ist vor allem die Präzision: Jeder Einsatz sitzt, jeder Lichtimpuls scheint auf einen Beat abgestimmt. Das ist Perfektion, manchmal vielleicht eine Spur zu sehr. Die durchchoreografierte Wucht sorgt stellenweise für Reizüberflutung, während persönliche oder politische Worte komplett ausbleiben. Die emotionale Ebene entsteht weniger durch Interaktion als durch die Beziehung des Publikums zu den Songs selbst.

Gegen Ende aber trägt die Menge die Band. Die Stimmen werden lauter, wärmer, selbstbewusster. Was zu Beginn noch distanziert wirkte, entwickelt sich zu einem kollektiven Sog. Und so bleibt nach rund 105 Minuten ein Eindruck, der beides vereint: große Rock-Geste und kühle Präzision. Wenn Stadion-Rock, dann genau so, nur mit dem bestehenden Wunsch, dass zwischen all der Perfektion beim nächsten Mal noch ein bisschen mehr Mensch durchscheint.
Setlist: A Little Love / Hunting Season / That Golden Rule / Who’s Got A Match? / Shot One / Space / Wolves Of Winter / Tiny Indoor Fireworks / Goodbye / Friendshipping / Biblical / A Thousand And One / Different People / A Hunger In Your Haunt / Black Chandelier / Instant History / Two People In Love / Mountains – Zugaben: Machines / The Captain / Living Is A Problem Because Everything Dies / Bubbles / Many Of Horror
Bericht & Fotos: Josefina Gerstner


